Simon Verhoeven: "Dieser Verlust war eine tiefe Zäsur für mich"

Simon Verhoeven (53) ist in die Fußstapfen seiner berühmten Eltern - Schauspiel-Legende Senta Berger (84) und Regisseur Michael Verhoeven (1938-2024) - getreten und hat sich einen Namen in der Filmindustrie gemacht. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Filmemachern Deutschlands und verfasst auch die Drehbücher zu seinen Werken. Verhoeven wurde bereits unter anderem mit dem Bayerischen und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Für seinen neuen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", der am 29. Januar in den Kinos anläuft, hat er erneut mit seiner Mutter zusammengearbeitet. Er saß nicht nur auf dem Regiestuhl, sondern schrieb auch das Skript.
Die Tragikomödie beruht auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman von Joachim Meyerhoff und erzählt die Geschichte von Joachim (Bruno Alexander), der nach dem Tod seines Bruders an eine renommierte Schauspielschule in München geht. Überraschend aufgenommen, zieht er zu seinen exzentrischen Großeltern (Senta Berger und Michael Wittenborn) in deren alte Villa. Zwischen familiären Eigenheiten und den Herausforderungen des Schauspielstudiums sucht Joachim nach seinem Platz im Leben - und nach einem Weg, den Verlust seines Bruders zu verarbeiten.
Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Verhoeven unter anderem über den Gesundheitszustand seiner Mutter, die sich vor kurzem einen Oberschenkelbruch zugezogen hat, über die Entstehung des Films - und welche Erkenntnis er persönlich aus der Tragikomödie gezogen hat.
Herr Verhoeven, zuallererst Genesungswünsche an Ihre Mutter. Wie geht es Frau Berger derzeit?
Simon Verhoeven: Danke. Sie ist auf dem Weg der Besserung. Sie hat sich ein bisschen stabilisiert und wird wieder auf die Beine kommen. Meine Mutter ist sehr zäh und eine Kämpferin.
Das sind sehr gute Nachrichten. Zu dem gemeinsamen Film: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Joachim Meyerhoff. Was hat Sie an dieser Geschichte gereizt? Warum wollten Sie sie unbedingt verfilmen?
Verhoeven: Ich liebe den Roman einfach. Der Meyerhoff blickt auf das Leben mit einer so wunderbaren, komischen und gleichzeitig auch traurigen Brille. Es beeindruckt mich, wie er selbst die schwersten und dramatischsten Ereignisse mit einer besonderen Leichtigkeit erzählt. Diese Sicht auf die Welt fühlt sich sehr vertraut an - sie tröstet mich. Auch die Themen des Buches berühren mich: der Verlust von geliebten Menschen, die Lücken, die sie im Herzen hinterlassen. All das habe ich durch den Tod meines Vates selbst erfahren. Auf vielerlei Weise fühle ich mich diesem Buch nahe - etwa in den Passagen über die Schauspielschule, die Joachim besucht. Ich war selbst auf einer Schauspielschule und fühlte mich damals oft wie in einer Art Irrenhaus. Ich war überfordert, fragte mich ständig: "Was passiert hier eigentlich?" Das hätte ebenso gut Stoff für eine Komödie sein können. Aber natürlich waren diese Übungen auch sinnvoll - so verrückt sie zunächst erschienen. Und dann dieser herrliche Haushalt der Großeltern, den er im Roman zeichnet - die frühere Schauspieldiva, der Philosophieprofessor, diese so schräge, zugleich so warmherzige Welt. Auch das erinnert mich an eigene Erlebnisse und an eine Atmosphäre, die ich gut kenne.
Sie haben den Tod Ihres Vaters erwähnt. Inwiefern hat dieser Verlust Ihre Arbeit an den Dreharbeiten beeinflusst?
Verhoeven: Ich glaube, dass ich diesen Film heute ganz anders machen konnte, als ich ihn vor fünf Jahren gemacht hätte. Der Verlust meines Vaters hat mich verändert - ich bin dadurch verletzlicher geworden. Natürlich habe ich auch früher schon Menschen verloren, aber dieser Verlust war als erwachsener Mensch für mich eine tiefe Zäsur. Dadurch habe ich, glaube ich, eine neue Sensibilität entwickelt. Ein tieferes Empfinden.
Im Film pflegen Joachims Großeltern einige recht kuriose Alltagstraditionen. Gab es in Ihrer Familie ebenfalls besondere Rituale oder Gewohnheiten, die für Außenstehende vielleicht etwas ungewöhnlich gewirkt hätten?
Verhoeven: Mein Vater hatte so seine Eigenheiten - zum Beispiel hat er jeden Morgen auf eine ganz merkwürdige Art gegurgelt, wie die Großeltern im Film, und zwar so laut, dass mein Bruder und ich als Kinder überzeugt waren: Da muss ein Elefant im Badezimmer sein. Die schönste Tradition war aber wahrscheinlich unser sonntäglicher Kinobesuch. Fast jeden Sonntag gingen wir ins Kino, und danach habe ich die Filme zu Hause im Wohnzimmer vor der Familie nachgespielt. Mein Vater hat sich oft dazugesellt, mit mir Szenen gespielt und sogar kleine Bühnenbilder entworfen. Bei uns drehte sich ohnehin vieles ums Geschichtenerzählen. Meine Mutter hat sich, als ich noch ein Kind war, viele Geschichten ausgedacht, weil ich die aus den Büchern schon alle kannte. Ich habe ihr dann einzelne Elemente vorgegeben, aus denen sie spontan eine Geschichte weben musste. Das war für mich eine wunderbare Fantasieübung - wahrscheinlich mein erster Schritt zum Schreiben, ohne es zu merken - und für meine Mutter als Schauspielerin sicher auch ein gutes Improvisationstraining.
Senta Berger hat die Großmutter gespielt. Wie haben Sie die erneute Zusammenarbeit mit Ihrer eigenen Mutter erlebt?
Verhoeven: Es war eine wunderschöne Zusammenarbeit - voller Vertrauen und Nähe. Ich glaube, wir wussten beide von Anfang an, wie besonders dieses Projekt werden könnte. Wir haben den Roman beide geliebt; tatsächlich hat sie ihn mir vor fast zehn Jahren geschenkt. Damals hätten wir nicht gedacht, dass wir eines Tages gemeinsam die Verfilmung übernehmen würden. Die Arbeit miteinander war sehr einfach und klar. Das Drehbuch war präzise geschrieben, und schon in den Leseproben konnten wir spüren, wie gut die Szenen funktionierten. Trotzdem hat mich meine Mutter am Set immer wieder überrascht. Wenn sie vor der Kamera spielt, entsteht oft noch etwas, das über alles Geschriebene hinausgeht - es wird vielschichtiger und emotionaler. Am Set hat uns das professionelle Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspielerin sehr gut getan. Wir waren fokussiert, wir haben sehr zielgerichtet und effektiv gearbeitet, um jede Szene so gut wie möglich in der begrenzten Zeit zu drehen. Wir haben viel weniger diskutiert, als wir es privat tun.
Sie haben in einem Interview darüber gesprochen, dass das Aufwachsen als Kind berühmter Eltern auch seine Schattenseiten hat - etwa Missgunst und Neid. In welchen Momenten spüren Sie das?
Verhoeven: Es gab früher viele Situationen, in denen ich weniger als eigenständiger Filmemacher gesehen wurde, sondern vor allem als "der Sohn von". Da gab es manchmal eine große Skepsis, die ich überwinden musste. Diese Form von Missgunst empfinde ich als recht deutsch, in Frankreich oder den USA ist der Umgang mit Künstlerkindern oft entspannter, offener, positiver. Als junger Mensch hatte ich oft das Gefühl, mit besonderem Argwohn und Skepsis betrachtet zu werden. Aber sicher war ich auch selbst nicht immer geschickt - aus meiner Unsicherheit heraus wirkte ich oft verschlossen oder sogar arrogant, obwohl das Gegenteil der Fall war. Das nahm mir vielleicht auch mancher übel.
Rückblickend kann ich mich allerdings überhaupt nicht beklagen. Ich hatte ein liebevolles Zuhause, in dem meine Fantasie gefördert wurde und Film nicht als Glamour, sondern als Handwerk verstanden wurde. Bei uns war es selbstverständlich, beim Abendessen sehr intensiv über Filme zu diskutieren - das war ein großes Geschenk. Am Ende aber zählt dann letzlich nur die eigene Arbeit: Kein Drehbuch wird jemals verfilmt, nur weil man das Kind eines bekannten Menschen ist. Es muss überzeugen - Produzenten, Förderer, das Publikum. Ich weiß ja, wie es sich anfühlt, jahrelang kein Projekt realisiert zu bekommen, keine Chance zu kriegen. Es war also nie ein leichter Weg für mich. Aber heute, nach neun Kinofilmen, sehe ich das natürlich völlig entspannt. Ich finde es mittlerweile sehr schön, wenn ich auf meine Eltern angesprochen werde. Früher, in meinen Anfängen, war das nicht immer so.
Jeder Film vermittelt Lektionen, auch für die Beteiligten. Welche persönlichen Einsichten haben Sie aus diesem Film mitgenommen?
Verhoeven: Ich bin vor allem dankbar, dass ich diesen Film überhaupt machen durfte. Solche Stoffe, die einem so tief unter die Haut gehen, bekommt man nicht oft im Leben - das ist nichts, was sich jedes Jahr wiederholt. Die eigentliche Lektion für mich liegt im Umgang mit dem Tod und den Lücken, die er im eigenen Herzen hinterlässt. Man darf nicht erwarten, dass sich diese Lücken jemals ganz schließen. Stattdessen muss man lernen, mit ihnen zu leben - und vielleicht zu begreifen, dass gerade sie einen zu dem Menschen machen, der man ist.