Interview

Simon Verhoeven: "Auch bei mir galt: Meine Oma war immer da"

Simon Verhoeven über seine Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Bestseller "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Adrian Prechtel
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Regisseur Simon Verhoeven (links), Schriftsteller Joachim Meyerhoff und Bruno Alexander, der im Film den jungen Joachim spielt, bei der Premiere des Films im Mathäser Filmpalast.
Regisseur Simon Verhoeven (links), Schriftsteller Joachim Meyerhoff und Bruno Alexander, der im Film den jungen Joachim spielt, bei der Premiere des Films im Mathäser Filmpalast. © Sven Hoppe/dpa

Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Drama und ganz sicher eine Komödie", sagt Simon Verhoeven selbst über seinen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke". Das Drehbuch hat er selbst geschrieben, aber der Film basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Joachim Meyerhoff. Darin erzählt der Schauspieler und Bestsellerautor, wie er nach dem Unfalltod seines Bruders und im drohenden Zerfall seiner Familie als 20-Jähriger von Schleswig nach München kommt. Er zieht bei seinen exzentrischen Großeltern in eine Villa ein und wird – gegen alle Chancen – auf der Otto-Falckenberg-Schule angenommen wird. Es ist ein tragikomischer Film über das Ins-Leben-Treten und das Abschiednehmen.

AZ: Herr Verhoeven. Warum lesen wir überhaupt Biografien? Ich meine jetzt nicht über jemanden wie Napoleon, sondern von gewöhnlicheren Leuten?
SIMON VERHOEVEN: Bei mir hat das Tradition, weil das schon meine Mutter immer gemacht und darüber geredet hat. Sie fand – wie ich – Lebenswege interessant. Man sieht dadurch nicht nur das Resultat, sondern die Gründe, warum ein Mensch so ist, wie er ist.

Und man kann sich im Vergleich selbst befragen.
Bei Joachim Meyerhoff ist es auch spannend, dass überhaupt nicht klar war, was aus dem Psychiater- und Physiotherapeutinnen-Sohn mit dem Trauma des ums Leben gekommenen Bruder einmal wird. Auch wie er da – unter so vielen Bewerbern – auf die Falckenberg-Schule kam und Schauspieler werden konnte, das hat er selbst auch nicht richtig erklären können, aber es ist dann – beim Schreiben – plötzlich wieder aus ihm herausgeflossen.

 "Diese Lücke, der Tod seines Bruders, ist bei ihm nach Jahrzehnten immer noch entsetzlich."

Der Roman-Autor Joachim Meyerhoff hat sich in "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", als Twen, als er in München bei seinen Großeltern lebte, beschrieben. So etwas Privates und Intimes kann man doch nicht einfach jemand anderem überlassen, ohne sich einzumischen, oder?
Die Anspannung war natürlich groß bei mir, wie er reagieren würde. Er ist ja selbst ein Autor, einer der mit Sprache so fein und mit einem großartigen Stil – traurig und urkomisch zugleich – umgehen kann. So hatte ich erst einmal nur ein Gespräch mit ihm über meine Drehbuchfassung, in der ich Dialoge in seiner und meiner Art geschrieben habe. Und er war einverstanden. Ohne große Änderungswünsche. Und die Details, die er angemerkt hat, haben wirklich alles besser gemacht.

Inge Brinkmann (Senta Berger) und Hermann Krings (Michael Wittenborn) beim Gurgelritual im Badezimmer.
Inge Brinkmann (Senta Berger) und Hermann Krings (Michael Wittenborn) beim Gurgelritual im Badezimmer. © Komplizen Film/Doll Filmproduktion/ Warner Bros. Entertainment

Aber ist das nicht anstrengend?
Natürlich hat er auch mal bei einem einzelnen Wort sowas gesagt, wie: "Das hätte meine Großmutter nie gesagt!" Joachim Meyerhoff ist ein sensibler Seismograph und ein sehr intensiver Mensch. Und er hat dann auch Tränen in den Augen, wenn er über Szenen mit seinen Großeltern spricht, die ihm nahegehen. Da merkt man, wie viel Wahrheit in seinen Texten steckt, auch wenn klar ist: Es ist ein Roman! Aber diese "Lücke", der Tod seines Bruders, ist bei ihm nach Jahrzehnten immer noch entsetzlich.

Das Gefühl des Verlusts haben Sie auch mit dem Tod Ihres Vaters erlebt, der 2024 gestorben ist.
Absolut, aber beim Bruder ist es noch etwas anderes, weil er plötzlich und jung stirbt. Es war berührend zu sehen, wie er auf meine Filmszenen, die emotional waren, reagiert hat: sehr emotional. Er wollte auch nicht, dass die Geschichte vom Bruder nur benutzt wird, um nur um des Effekts Willen, immer wieder Tragik zu schaffen.

Im Film bleibt es daher auch unausgebeutet im Hintergrund.
Aber eben am Anfang klar und kräftig gesetzt.

"Auch bei mir galt: Meine Oma war immer da"

Aber alles bleibt ja eine Fiktion, sonst müsste man sich als damaligen Intendanten der Kammerspiele genau Dieter Dorn vorstellen und ihn so darstellen.
Klar, aber es ist eben schon im Roman eine poetische Form, die Wirklichkeit abzubilden. Und ich selbst habe auch nicht die Villa der Großeltern nachgebaut oder eine konkrete, damalige Schauspiellehrerin studiert. Ich habe verfilmt, was durch den Roman bei uns im Kopf entsteht und nichts Dokumentarisches schaffen wollen.

Die Spannung entsteht durch eine Schere: Da tritt einer in sein Leben und die anderen – die Großeltern – gehen.
Einer wird, der er ist und die andern verabschieden sich langsam von dem, der sie waren. Das sind sehr emotionale Bewegungen, die wir alle kennen, weil wir alle in beiden Rollen in unserem Leben einmal waren und sein werden. Sich verabschieden, auch von sich selbst, einer Zeit, der Gesundheit. Das ist das Bewegende. Und ich habe mich von meinem Vater verabschieden müssen, aber ich habe auch schon Freunde verloren, schneller als man gedacht hat.

Ihre Mutter Senta Berger spielt die Schauspielerin Inge Birkmann die in München an den Kammerspielen engagiert war und als Schauspiellehrerin an der Falckenberg-Schule arbeitete.
Und diese Inge Birkmann hatte einen schweren Unfall, der ihr Bein verletzte. Und meine Mutter hat gesagt: "Das ist doch verrückt, dass ich jetzt im Nachhinein auch so einen schweren Unfall hatte, wie die Frau, die ich spiele."

Senta Berger als Inge Brinkmann, Bruno Alexander als Joachim und Michael Wittenborn als Hermann Krings.
Senta Berger als Inge Brinkmann, Bruno Alexander als Joachim und Michael Wittenborn als Hermann Krings. © /Komplizen Film GmbH / Doll Filmproduktion GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH/dpa

Ist die Beziehung Großeltern-Enkel eine besondere?
Auch bei mir galt: Meine Oma war immer da, auch wenn es im Leben oder Elternhaus auch mal wild zuging. Der Film ist auch eine Hommage an Großeltern, und es ist der Enkel, der sie am Ende über Jahre hinweg begleitet, bis sie nicht mehr da sind. Es ist eine wunderbare, liebevolle Freundschaft über zwei Generationen bei aller scharfer Beobachtung. Natürlich hat mir auch das Milieu gefallen, weil ich es selbst kenne: diese Beschäftigung mit Kultur in einer großen Ernsthaftigkeit. Was aber auch witzig dargestellt wird. Und der Mut, eigenwillig zu sein, man selbst zu sein!

"Ich fange um 5.30 Uhr in der Frühe an" 

Die Welt der Großeltern ist stark von Ritualen geprägt.
Das Paradoxe ist, dass sie durch Alkohol Struktur finden und die Sicherheit, durch den Tag zu gehen. Es gibt keine Säuferromantik. Aber alles musste ganz speziell und genauso wie jeden Tag sein – vom Frühstück über Spaziergänge bis zum Musikhören am Abend.

Sie haben auch ein Künstlerleben, das etwas Unstetes hat. Welche Rituale pflegen Sie?
Absolut. Mein Beruf ist vor allem Schreiben, weil den Film zu machen, ist dann erst der einfachere Schlussakt, wenn ich geschafft habe, etwas Brauchbares, Vorzeigbares geschrieben zu haben. Denn wenn ich drehe, habe ich viele Profis um mich für alle künstlerischen und technischen Aspekte. Beim Schreiben bin ich allein. Und damit das gelingt, fange ich um 5.30 Uhr in der Früh an. Denn im Laufe des Lebens geht es abends immer schlechter. Morgens gibt es noch eine euphorische Offenheit, und die alltäglichen Anforderungen des Tages treten noch nicht an einen heran. Ich mache das Katzenklo, füttere die Katzen, mache mir einen Kaffee und zwar einen guten – genieße noch kurz den Nachhall der Nacht. Und dann fange ich an.

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