Interview

Schulung der Sinne: "Das Flüstern der Wälder"

Der Wildtierfotograf Vincent Munier spricht über seinen Film „Das Flüstern der Wälder“ , über Umweltzerstörung und warum er keine Zoos mag
Ulrich Lössl |
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Ein schwer zu fotografierender Waldbewohner: Der Luchs hat das Talent zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden.
Ein schwer zu fotografierender Waldbewohner: Der Luchs hat das Talent zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden. © Vincent Munier

Vincent Munier ist ein französischer Naturfotograf und Dokumentarfilmer, der im Laufe der letzten Jahre einige Bücher über seine Expeditionen veröffentlicht hat, darunter „Im eisigen Weiß“, „Adelie: Eismeer - Eisland: An Land und unter Wasser in der Antarktis“ und „Europas Wildnis“. Mehrfach wurde er mit dem „Wildlife Photographer of the Year Award“ ausgezeichnet. Sein neuer Dokumentarfilm „Das Flüstern der Wälder“ ist eine poetisch-elegische Meditation über die Flora und Fauna eines Waldes in den Vogesen. Gemeinsam mit seinem Sohn Simon begibt sich Munier auf eine Reise in die atemberaubende Schönheit der unberührten Natur.

AZ: Monsieur Munier, stimmt es, dass die Leidenschaft für die Wildlife-Fotografie in Ihnen geweckt wurde, als Sie mit zwölf Jahren mit Ihrem Vater durch die nahegelegenen Wälder streiften?
VINCENT MUNIER: Ja, wir wohnten damals in der Nähe von sehr großen Wäldern. Und zusammen mit meinen Eltern und Geschwistern habe ich viel Zeit in den Wäldern verbracht. Meine Eltern legten sehr viel Wert darauf, dass wir uns viel im Freien aufhielten. Vor allem mein Vater liebte die Natur über alles und hat mich sehr früh dazu gebracht, mit ihm zusammen Expeditionen zu unternehmen und die unberührte Natur zu fotografieren. Als ich zwölf Jahre alt war, ließ er mich - unter einer Tarndecke - allein im Wald zurück. Er gab mir eine Flasche Wasser und Proviant und meinen ersten Fotoapparat. Ich wartete dann Stunde um Stunde, aber nichts passierte. Dann hörte ich Geräusche hinter mir. Da habe ich schon ein bisschen Angst bekommen. Und dann sah ich wenige Meter vor mir ein Reh. Das war mein erstes Tierfoto. Es war nicht besonders gut, aber damals entfachte das in mir meine Leidenschaft für die Naturfotografie.

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Haben Sie auch deshalb den Film „Das Flüstern der Wälder“ gemacht, um die Wunder der Natur Ihrem Sohn Simon nahezubringen, der Sie begleitet hat?
Nach meinem ersten Film „Der Schneeleopard“, den ich in Tibet gedreht habe, wo ich sehr exotische Tiere fotografierte, wollte ich jetzt etwas Intimeres machen. Etwas, das mit den Wäldern und den Tieren zu tun hat, die mir schon mein ganzes Leben vertraut sind. Außerdem wollte ich, dass dieses Mal auch mein Sohn mit dabei ist, damit ich meine Erlebnisse mit ihm teilen und ihm auch vieles über die Natur und die Tiere beibringen kann, was ich bei meinem Vater gelernt habe. Mein Hauptanliegen für diesen Film war aber, dass wir die Zuschauer ganz nah in diese wunderschöne Natur mit hineinnehmen. Und mit ihnen unsere Erlebnisse und vor allem auch unsere Emotionen teilen.

"Die Hektik der Zivilisation ist brutal"

Können Sie beschreiben, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie Hunderte Nächte geduldig in diesen Wäldern verbringen, ganz still, ohne einen Mucks zu machen, nur um darauf zu warten, dass sich etwas ereignet?
Das ist eben mein Leben. Ich lerne viel von den Tieren, wenn ich mich ganz still zur Beobachtung in diese Wälder zurückziehe. Viele Tiere sind sehr scheu, und man braucht viel Geduld, um ihnen wirklich aus der Nähe zu begegnen. Wenn ich unter meiner Tarndecke sitze, bin ich ganz und gar offen für alles, was um mich herum passiert. Ich lese nicht, höre keine Musik. Ich lausche dem Wind, dem Wispern, dem Knacken, dem Zwitschern der Vögel, dem Murmeln des Baches … Ich verschmelze mit meiner Umgebung. Das ist eigentlich kein Warten, bis sich etwas ereignet. Es ist einfach ein Da-Sein. Und irgendwann kommen sie dann: die Rehe und Hirsche, der Luchs - und wenn man viel Glück hat, sogar der Auerhahn.

Vincent Munier 2021 beim Festival in Cannes, wo er seinen Film "Der Schneeleopard" vorstellte
Vincent Munier 2021 beim Festival in Cannes, wo er seinen Film "Der Schneeleopard" vorstellte © Norbert Scanella via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Wenn Sie so lange im Einklang mit der unberührten Natur waren - fällt es Ihnen dann nicht schwer, sich danach wieder in das laute Alltagsleben einzufügen?
Oh, ja! Wenn ich wieder in die Zivilisation zurückkehre, brauche ich immer ein paar Tage, um mich wieder zurechtzufinden. Der Lärm, die Hektik - der Kontrast ist oft sehr brutal.

Sie haben Ihre Reisen nach Tibet erwähnt. Als Sie sich dort aufgehalten haben, um diese exotischen Tiere zu fotografieren - wie sind Sie denn der tibetischen Kultur begegnet? Sind Sie dort vielleicht sogar Buddhist geworden?
Ich bin sehr respektvoll mit den Menschen und ihrer Art zu leben umgegangen. Aber ihre Religion hat nicht auf mich abgefärbt. Doch wie man an meinen Filmen sehen kann, bin ich ein sehr spiritueller Mensch. Und was meine Religion betrifft … ich glaube daran, dass Gott überall ist. In der Natur, in jedem Menschen. Wenn ich mich so lange ganz alleine in der Natur aufhalte, ist das für mich wie eine Meditation oder ein Gebet.

Ein Uhu mit seinen zwei Jungen. Für seine Aufnahmen durchstreifte Vincent Munier die Vogesen quer durch alle Jahreszeiten.
Ein Uhu mit seinen zwei Jungen. Für seine Aufnahmen durchstreifte Vincent Munier die Vogesen quer durch alle Jahreszeiten. © Vincent Munier

Durch Ihre Filme kann man das Sehen und Betrachten lernen.
Ja, und die Stille. Wir reden zu viel. Viel zu viel. In meinen Filmen geht es mehr um Einkehr, um Stimmungen, Gefühle und Instinkte. Und auch darum, den Puls der Welt zu fühlen.

Sie geben - im Gegensatz zu vielen anderen Wildtierfilmern - den Tieren keine Namen.
Ja, diese Vermenschlichung finde ich furchtbar. Viele Filme über Wildtiere beschränken sich ja nicht auf Beobachtung, sondern da muss immer irgendetwas Aufregendes passieren. Ein Löwe reißt ein Gnu, ein Elefant zertrampelt ein Krokodil. Wenn diese sensationellen Bilder fehlen, kriegen Tierfilmer gar kein Geld von den Sendern, sei es von National Geographic oder der BBC. Ich habe da einen ganz anderen Ansatz. Und ich freue mich, dass meine Art Filme zu machen von sehr vielen Menschen geschätzt wird.

"Wir sind nicht allein. Das gibt mir Hoffnung" 

Die Erde wird schon seit dem frühen 19. Jahrhundert von uns Menschen systematisch zerstört. Glauben Sie, wir haben den Punkt der Unumkehrbarkeit bereits überschritten oder haben Sie noch Hoffnung?
Es ist keine Frage, dass diese lang andauernde Umweltverschmutzung schon sehr viel Schaden angerichtet hat. Aber wir sollten die Hoffnung, dass wir das Ruder vielleicht doch noch herumreißen können, nicht aufgeben. Ich versuche mit meinen Filmen die Menschen wieder für die Wunder der Natur zu sensibilisieren. Und ohne erhobenen Zeigefinger ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir alle viel für den Erhalt dieser Natur beitragen können. In Frankreich haben sich mehr als eine halbe Million Zuschauer meinen „Schneeleoparden“ im Kino angeschaut und „Das Flüstern der Wälder“ schon über eine Million. Das gibt mir Hoffnung. Wir sind nicht allein.

Michel, Vincent und Simon Munier - drei Generationen, verbunden durch ihre Faszination für den Wald und seine Tiere. .
Michel, Vincent und Simon Munier - drei Generationen, verbunden durch ihre Faszination für den Wald und seine Tiere. . © Vincent Munier

Aber das Problem ist doch auch, dass sich die meisten Medien kaum um die Umweltzerstörung kümmern und sich viel lieber mit belanglosem Klatsch und Tratsch befassen.
Ja, vor allem im Internet werden wir doch mit nutzlosen Informationen zugemüllt. Ich will auch nicht jeden Tag in den Nachrichten die Visage von Trump sehen. Es gibt wirklich Wichtigeres auf der Welt. Und letztlich geht es denen, die so rücksichtslos mit den Ressourcen umgehen, doch immer nur um Geld. Um Geld und Macht. Ich finde das schrecklich.

Was halten Sie eigentlich von Zoos?
Ehrlich gesagt, bin ich kein großer Freund von Zoos. Vielleicht sind sie ja sinnvoll für das Züchten seltener Arten, die in der Natur fast ausgestorben sind. Aber ein Tiger hinter Gittern? Ich bin eher dafür, dass Menschen sich die Fauna und Flora in ihrer Umgebung bewusst anschauen. Und sich, wenn möglich, einen kleinen Garten anlegen, wo sie Vögel beobachten können. Und natürlich bei Spaziergängen im Wald vielleicht Füchsen oder Dachsen begegnen und am Fluss die Bieber in ihrem natürlichen Umfeld sehen.

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