Schlöndorff verfilmt Erpenbecks „Heimsuchung": Wer sind die deutschen Stars?

In der Mitte des Films hört man dumpfes Donnergrollen, das sich nähert. Auch der Himmel ist nachts am Horizont rötlich erhellt. Der Mann hat sich abgesetzt, die Frau des Architekten schafft Vorräte in die Geheimkammer hinter dem großen Ankleideschrank. Ein paar Filmminuten später hat die Rote Armee das Haus am Märkischen See erreicht. Ein junger, abgekämpfter Rotarmist findet die zusammengekauerte Frau (Susanne Wolff) - und es passiert, was tausendfach geschehen ist: eine Vergewaltigung.
Private Geschichten, deutsche Geschichte und schöne Sommer
Diese Szene in Jenny Erpenbecks Bestsellerroman von 2007 ist auf viel Kritik gestoßen, denn es ist hier natürlich kein einvernehmlicher Sex, aber eben auch kein reiner Akt der Rohheit. So zeigt es jetzt auch die Verfilmung von Volker Schlöndorff. Aber es ist eine Zäsur im fließenden filmischen Erzählteppich, auf dem die Figuren eine gewisse Zeit die deutsche Geschichte entlang laufen, bis sie wieder verschwinden - in den geschichtlichen Verwerfungen aus Flucht, Vertreibung, Exil, Enteignung oder auch Tod.

Die deutsche Sprache hat die schöne Möglichkeit, Wörter zu kombinieren. Bei „Heimsuchung“ fällt das nicht gleich auf, aber es drückt ja gleichzeitig etwas Unheimliches, Fluchbeladenes aus, kann aber auch poetisch gelesen werden als Suche nach Heimat. Und beides steckt im Roman und im Film.
Im Zentrum und über die Zeiten hinweg liegt in „Heimsuchung“ ein Grundstück an einem märkischen See, auf dem ein schönes, sommerliches Haus der klassischen Moderne entsteht. Schlöndorff hat hierfür im Albert-Einsteinhaus bei Caputh bei Potsdam drehen dürfen und als Seen den Scharmützelsee oder Templiner See genutzt.

Und weil die Geschichte hier von den 20er-Jahren bis in die Nach-Wendezeit geht, kann dieses Haus erzählen von der Weimarer Republik, über den NS-Staat, die DDR und die bundesrepublikanische Neuordnung - eingebunden in die ruhige, stoische Seenlandschaft mit ihren schönen Sommern. Der 87-jährige Schlöndorff, ein Experte für Literaturverfilmungen („Der junge Törless“, „Kohlhaas“, „Blechtrommel“, „Homo Faber“, „Rückkehr nach Montauk“), hat den Roman „Heimsuchung“ begradigt, ohne ihn zu verbiegen. Denn das Problem für einen Film ist das Episodische, das nur durch das Haus am See zusammengehalten wird - unterstützt von verbindenden Bildern, Geräuschen, Musik. Aber auch Nachrichten im Radio oder später im Fernsehen sind Teil des Lebens hier.

Schlöndorff versammelt hier eine große Zahl großer deutscher Schauspieler, wie Martina Gedeck als DDR-Schriftstellerin, an der sich so gut die Spannung zwischen sozialistischem Idealismus und charakterlicher und gesellschaftlicher Wirklichkeit zeigen lässt. Detlev Buck spielt den Gärtner, eine fast märchenhafte Figur, an der die Zeitläufe unheimlich spurlos vorübergehen. Susanne Wolff ist die Frau des Architekten, für die Lars Eidinger das Haus baut.
Dieser Architekt ist eine schillernde Figur: narzisstischer Künstler, Opportunist in jedem System, der gerne mit Albert Speer Berlin zu Germania umgebaut hätte. Aber er bekommt den Posten nicht, weshalb er sich in der jungen DDR als Widerständler darstellen kann und so in Ost-Berlin die stalinistischen Pracht-Alleen mitbauen kann.

Zuvor, in den 30er Jahren, hatte er noch dem jüdischen Nachbarn dessen Grundstück unter Wert abgekauft, weil der dringend Geld brauchte, um vielleicht noch dem drohenden Holocaust zu entkommen. Beleidigt ist der Herr dann aber, als er den Bescheid zur „Entjudungsgewinnabgabe“ bekommt.
Als eine große, echte Ungerechtigkeit erlebt der Zuschauer später im Film dann die Entscheidung nach der Wiedervereinigung, Eigentum zurückzugeben, anstatt es bei den Ostdeutschen zu lassen.

Dass dies alles ohne Jahreszahlen, ohne politische Exkurse erzählt wird, ist die Stärke von Film und Roman: Es ist erlebte Geschichte, kein Geschichtsunterricht. Das wiederum fand die deutsche Kultusministerkonferenz so gelungen, dass sie den Roman in vielen Bundesländern zum Abiturstoff machte.
Jetzt werden in die Verfilmung „Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte“ aber nicht nur Schulklassen gehen, sondern hoffentlich alle, die Deutschlands Gegenwart auch aus dem Herkommen verstehen wollen.

K: ABC, Astor im Bayerischen Hof, Leopold, City, Solln, Rio, Isabella
R: Volker Schlöndorff (D, 118 Min.)