Rendezvous mit dem Vergnügen

Auch ohne Klamauk zum Brüllen komisch: "Monsieur Pierre geht online" dürfte die witzigste romantische Komödie dieses Sommers sein. Nicht nur Pierre Richard weiß darin zu brillieren.
| Andreas Günther
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"Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" ist gut gealtert: Pierre Richard überzeugt auf ganzer Linie.
2017 Neue Visionen Filmverleih "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" ist gut gealtert: Pierre Richard überzeugt auf ganzer Linie.
Beim ersten Date in einer Brüsseler Weinstube verbeugt sich Flora (Fanny Valette) mit gefalteten Händen vor Alex (Yaniss Lespert), spricht eine chinesische Begrüßung und beschenkt ihn mit einem chinesischen Buch. Eher betroffen als gerührt nimmt Alex ihre Huldigungen entgegen. Seine Gefühle
sind zwiespältig. Einerseits ist er angetan von Flora. Andererseits hält sie ihn für jemanden, der er gar nicht ist - einen Experten für chinesische Kultur, der seine Freundin bei einem Autounfall verloren hat. Seine Lage verdankt Alex dem rüstigen Rentner Pierre (Pierre Richard). Am Tisch hinter Flora
sitzend, mit Blickkontakt zu Alex, lächelt und nickt er wohlgefällig zu seinem Werk - zu dem, was er über ein Online-Portal so eingefädelt hat. Dabei handelt Pierre keineswegs uneigennützig, sondern will selbst bei Flora landen. "Monsieur Pierre geht online" beweist, wie grandios Situationskomik mit den richtigen Schauspielern und einem einfallsreichen Drehbuch
sein kann. Anfangs ist Alex bloß Pierres Computerlehrer. Pierres Tochter Sylvie (Stéphane Brissot) hat den erfolglosen Schriftsteller dafür angeheuert. Wohl um ihren Vater besser überwachen zu können, der nur Erinnerungen an seine verstorbene Frau nachhängt und zunehmend verwahrlost. Bei einer der Computerstunden sieht sich Pierre plötzlich per Skype seiner Tochter gegenüber, die ihn bittet, doch mal einen anderen Pullover anzuziehen! Sie kommuniziert vom Büro aus, und als eine Kollegin mit einer dringenden Angelegenheit kommt, muss sie abbrechen. Staunend blickt er auf das erstarrte Bild seiner Tochter auf dem Monitor. "Ähm, gibt es vielleicht eine Möglichkeit, dass wir unbemerkt anhören können, was die besprechen?", fragt Pierre. Alex lacht. "Nein, leider nicht." Fasziniert von der Technologie, fängt Pierre damit an, allein im Internet
zu surfen, und wird fündig. Nicht bei zweifelhafter Werbung, aber bei Datingportalen. Er findet Gefallen daran, romantische Mitteilungen an junge Frauen zu schreiben, die aussehen wie seine Frau vor 40 Jahren. Wäre da nur nicht sein eigenes fortgeschrittenes Alter von über 80. Kurzerhand benutzt er für sein Profil ein Foto von Alex sowie dessen Geburtsdaten und erfindet für ihn eine aufregende Sinologen-Vita. Bei Flora
kommt Pierres Schreibstil so gut an, dass sie sich unbedingt mit ihm treffen will. Pierre kauft sich den klammen Alex als seinen Vertreter in der Brüsseler Weinstube ein. Aus Geldnot nimmt er an, hat aber Gewissensbisse: Schließlich ist er heimlich mit Pierres Enkelin Juliette (Stéphanie Grayencour) zusammen. Als Pierre Flora nach Paris lockt und Sylvie von deren Rolle in Pierres Leben Wind bekommt, treiben die haarsträubenden Verwicklungen und Missverständnisse weiteren Höhenpunkten zu. Allen Slapsticks ledig, aber vielleicht besser aussehend denn je, gibt Pierre Richard
den charmanten Grandseigneur in der Winterblüte. Doch der als "Großer Blonder mit dem schwarzen Schuh" berühmt gewordene Komiker glänzt weniger als Star denn als Zentrum eines hervorragenden Ensembles. Und Filmemacher Stéphane Robelin zieht eine überraschende, aber niemals abgehobene Idee nach der anderen aus dem Ärmel, um die Situationen zuzuspitzen, ohne je an Empathie, Sensibilität und Respekt für seine Figuren einzubüßen. Für den Zuschauer wird "Monsieur Pierre geht online" zum Rendezvous mit einem Vergnügen, das herzhaft lachen, aber auch wehmütige Momente liebgewinnen lässt.
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