Interview

"Quo vadis, Aida": Was habt ihr getan?

Am 4. August startet ein außergewöhnlicher Film: "Quo vadis, Aida?" Ein Interview mit Jasmila Žbanic über den Wahnsinn von Srebrenica.
| Marget Köhler
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Die Regisseurin Jasmila Žbaniæ wurde 1974 in Sarajevo geboren. Gleich ihr Spielfilmdebüt "Esmas Geheimnis" wurde 2006 mit dem Goldenen Bären bei den Filmfestspielen in Berlin ausgezeichnet. 2010 erhielt sie für ihren Spielfilm "Zwischen uns das Paradies" den Friedenspreis des Deutschen Films
Die Regisseurin Jasmila Žbaniæ wurde 1974 in Sarajevo geboren. Gleich ihr Spielfilmdebüt "Esmas Geheimnis" wurde 2006 mit dem Goldenen Bären bei den Filmfestspielen in Berlin ausgezeichnet. 2010 erhielt sie für ihren Spielfilm "Zwischen uns das Paradies" den Friedenspreis des Deutschen Films © Imrana Kapetanovic

Der Film "Quo Vadis, Aida?” erzählt von den dramatischen Tagen vor dem Massaker in Srebrenica im Juli 1995, bei dem mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen von der bosnisch-serbischen Armee unter Ratko Mladic ermordet und verscharrt wurden. Dieser Völkermord gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die holländischen UN-Verantwortlichen vertrauten dem Schlächter und währten nur wenigen Bedrohten in ihrem Stützpunkt Schutz. Im Mittelpunkt von Jasmila Žbanics oscarnominiertem Drama steht Dolmetscherin Aida, die für die UN arbeitet und versucht, ihre Familie und andere Menschen zu retten.

Zunehmende faschistische Strukturen machen Jasmila Žbanic Sorgen

AZ: Frau Žabanic, könnte so eine "ethnische Säuberung", so ein Genozid wieder stattfinden?
Jasmila Žbanic: Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens, hetzte man muslimische, serbische uns kroatische Menschen aufeinander. Nachbarn, die friedlich miteinander gelebt hatten, waren plötzlich Feinde. Ausgrenzung ist immer der Anfang. Für mich fehlt es heute an Solidarität, am Glauben an humanistische Werte, die leider nur für bestimmte Privilegierte existieren. Und wenn ich sehe, wie faschistische Strukturen und rechte Regierungen in Europa und im Rest der Welt, auch der USA, zunehmen, macht mir das Sorgen. Bestimmte Worte und Begriffe in manchen Reden erinnern mich an den Beginn des Jugoslawienkrieges. Das Gift frisst sich langsam in Herzen und Hirn und setzt sich dort fest.

Ist Ihr Film ein Fanal gegen das Vergessen?
Mich hat vor allem die menschliche Seite interessiert, weniger das Datum. Ich habe von so viel Leid gehört und versucht, den Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Wir wussten auch gar nicht, wann wir fertig sein würden - oder ob überhaupt. Die Finanzierung war sehr schwierig, insgesamt dauerte die Arbeit fünf Jahre. Allein das Drehbuch habe ich x-mal umgeschrieben. Aber wenn mein Film Menschen an das schreckliche Ereignis erinnern kann und zu Fragen motiviert, wie so etwas in Europa passieren konnte, ist das gut. Mir ging es darum, die Reise der Menschen zu zeigen, die das alles durchlitten haben. Keine bosnische Geschichte, sondern eine globale.

"Politisch wird der Genozid geleugnet"

Mir scheint, dieser Krieg wurde bewusst aus dem Gedächtnis getilgt. Andererseits wollen Leute auch vergessen, sonst können sie kein neues Leben anfangen.
Wir haben ein sehr komplexes und in der Region immer noch sehr politisches Thema aufgegriffen. Ich wusste, dass ich mich in die Nesseln setzen würde. Politisch wird der Genozid geleugnet und verdrängt, ein Tabu. Auch weil viele Politiker in die Entscheidungen eingebunden waren und jetzt nichts mehr davon wissen, nicht mehr darüber reden wollen. Sogar viele Bosnier wissen wenig darüber. Mich beschäftigt die Frage, wie die Entscheidungen heute ausfallen würden.

Ist die Geschichte fiktional oder gibt es einen wahren Hintergrund?
Wir hatten die Rechte an Hasan Nuhanovics autobiografischem Buch gekauft, er war damals Übersetzer für die UN. Mit den fiktionalen Charakteren haben wir uns bemüht, den Ereignissen und Gefühlen treu zu bleiben. Eine ziemliche Gratwanderung zwischen dokumentarischen und fiktionalen Aspekten. Die üblichen bekannten Fernsehbilder reichen mir nicht, ich wollte einen stärkeren emotionalen Zugang schaffen.

Ich kann mir vorstellen, dass die Recherchen schwierig waren, die Gespräche mit Überlebenden.
Je mehr ich recherchierte, um so mehr war ich schockiert, was im modernen Europa der 90er-Jahre passieren konnte. Die meisten Überlebenden sind traumatisiert, bei vielen Schicksalen möchte man nur noch weinen. Ich habe eine Frau getroffen, die 60 Menschen verloren hatte - Vater, Brüder, Söhne, männliche Verwandte. Eine andere Frau sucht seit 25 Jahren nach deren Überresten von Mann und Söhnen. Über 1.000 Leichen wurden noch nicht gefunden. Leid und Schmerz kann man schwer visualisieren. Einmal im Jahr treffen sich Überlebende am Srebrenica-Memorial. Ich weiß nicht, wie sie das alles verarbeiten, woher sie die Kraft nehmen und diese Humanität. Es gibt nicht einen einzigen Rachefall in Bosnien. In vielen Organisationen sind Frauen vertreten, sie sitzen eben nicht in der Ecke und weinen, sondern machen weiter, auch damit die Welt von dem Unrecht erfährt. Hausfrauen, Arbeiterinnen, Akademikerinnen. Für all diese Kämpferinnen steht meine Hauptfigur Aida.

"Der weibliche Blick auf den Krieg ist ein ganz anderer als der männliche"

Wie haben Sie die Figur der Aida entworfen?
Ich brauchte eine starke Identifikationsfigur. Vieles was ich erfahren habe, inspirierte mich zu der Figur. Deshalb ist "Quo vadis, Aida?" vor allem die Geschichte einer Frau, die ihren Mann und ihre zwei Söhne retten will. Ich bin Feministin. Der weibliche Blick auf den Krieg ist ein ganz anderer als der männliche. Ich versuche, alles Spektakuläre und Spekulative zu vermeiden. Diese oft kindliche Freude von Männern an Panzern und Kriegsgerät ist mir fremd. Als wir endlich einen Panzer zur Verfügung hatten, gerieten die männlichen Teammitglieder aus dem Häuschen und ließen sich vor dem Trumm fotografieren. Sogar Antikriegsfilme vermitteln oft einen bestimmten Eros oder irgendeine Lust am Krieg. Für mich hat Krieg nichts Faszinierendes, sondern nur etwas Abstoßendes. Das merken die Zuschauer hoffentlich. Es ist ein sehr persönlicher Film.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten General Ratko Mladic überzeichnet?
Um genau diesen Vorwurf von Mladic-Anhängern zu entkräften, haben wir seine Worte übernommen und nichts dazuerfunden. Er ist ein Kriegsverbrecher, in Srebrenica wurde unter seinem Kommando Völkermord begangen, dass er Süßigkeiten an Kinder verteilte, ist in diesem Zusammenhang nur zynisch.

Waren die holländischen UN-Soldaten wirklich so hilflos?
Mein Film wendet sich nicht gegen die UN. Aber die sollte keine politischen Interessen verfolgen, sondern sich den Human Rights verpflichtet fühlen. Die 400 Blauhelme hätten sicherlich die vor dem Camp wartenden Menschen aufnehmen oder sie irgendwo hin transportieren können. Ich bin überzeugt: Hätte es sich nicht um Muslime, sondern um Katholiken gehandelt, wären die Reaktionen anders ausgefallen. Da gab es schon Vorurteile und Animositäten.

"Hass ist nicht per se da, sondern wird gesät"

Die Holländer weisen alle Schuld von sich.
Aber warum haben sie nicht durchgegriffen oder zurückgeschossen? Nicht eine einzige Kugel wurde abgefeuert. Oberstleutnant Thomas Karremans hätte "Nein!" zu Mladic sagen können, es gibt immer einen Weg. Ein Foto zeigt die beiden bei einem gemeinsamen Trinkspruch. Der Report nach dem Genozid attestiert den Holländern mangelnde Vorbereitung, sie hausten weit weg von der Bevölkerung, wussten nicht, was draußen vorging. Viele der sehr jungen Soldaten, die erstmals im Ausland eingesetzt wurden, waren total überfordert. Auch von ihnen sind viele traumatisiert. Bei meinen Gesprächen hatte ich den Eindruck, sie waren erleichtert, mal alles rauszulassen, erzählen zu könne. Viele machen sich Vorwürfe.

Sie sagen, es gab keine Racheakte seitens der Opfer. Aber wie leben die Menschen heute miteinander? Das muss doch furchtbar sein, den Mörder seines Mannes als Nachbar zu haben.
Ich zähle zu meinen Freunden Juden, Kroaten, Serben... Hass ist nicht per se da, sondern wird gesät. Politiker bestimmen das Verhalten, sie schüren Angst, um ihrer Pfründe nicht verlustig zu gehen, die Wiederwahl zu gewinnen. Nicht wenige würden ihren Job verlieren, wenn es zu einer ehrlichen Aufarbeitung käme. Der Bürgermeister von Srebrenica leugnet immer noch den Genozid, erkennt die internationale Gerichtsbarkeit nicht an. Wir durften auch nicht dort drehen. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule, aber es herrscht eine bedrückende Stille durch das dröhnende Schweigen der Eltern. Wir wollen die Gesellschaft nicht spalten, aber es wäre besser, offen miteinander zu reden und zu verstehen, versuchen, unsere Wunden zu heilen. Vielleicht kann die junge Generation in Zukunft etwas ändern, das ist meine einzige Hoffnung.

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