Pippi Langstrumpf und der Krieg

Heute hat der Krieg begonnen. Niemand will es glauben“, notiert Astrid Lindgren am 1. September 1939 in ihr Tagebuch, mit dem sie die nächsten sechs Jahre lang das Unfassbare festhalten wird, auch um sich selbst in den unsicheren Zeiten einen Halt zu geben.
Die mit Zeitungsartikeln, politischen Kommentaren, aber auch privaten Ereignissen gefüllten 17 Kladden wurden erst 2015 unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ (ein Zitat aus den Tagebüchern) veröffentlicht. Nun hat Regisseur Wilfried Hauk diese Texte zur Grundlagen eines hochinteressanten, mit Spielszenen durchsetzten Dokumentarfilms gemacht. Lindgrens Tochter Karin, Enkelin Anika und Urenkel Johan begeben sich darin gemeinsam auf Spurensuche, zeigen die Wohnsitze der Familie und rollen das Leben der Autorin auf.
„Es ist eine Schande, dass niemand Hitler erschießt“, notiert Lindgren, die in ihren faszinierenden Tagebüchern völlig ungefiltert ihre Verzweiflung, Empörung und Angst zum Ausdruck bringt. „Wie kann nicht jedem Menschen klar sein, dass nur ein psychisch gestörter so spricht, wie Hitler es tut?“.
Ein Wendepunkt im Leben der Schriftstellerin
Während Europa immer mehr im Krieg versinkt, erlebt Astrid Lindgren an der Seite ihres Mannes Sture mit den beiden Kindern einen sozialen Aufstieg im neutralen Schweden. Die Familie zieht in eine größere Wohnung in Stockholm, kauft neue Möbel und bisweilen schämt sich Astrid Lindgren über den kleinen Luxus, das gute Essen, das sie sich leisten können: „Wenn ich an die monatlich 200 Gramm Butter der Franzosen denke, habe ich ein schlechtes Gewissen.“
Eine mehrwöchige Krankheit ihrer Tochter wird ein Wendepunkt in Lindgrens Leben. „Erzähl mir Geschichten von Pippi Langstrumpf“, fordert die siebenjährige Karin - und damit ist der Name in der Welt. Die Mutter erfindet nun Abend für Abend Abenteuer von einem kleinen Mädchen mit übernatürlichen Kräften. Und als Astrid Lindgren selbst nach einem kleinen Unfall ans Bett gefesselt ist, schreibt sie die Geschichten auch auf und notiert: „Ich amüsiere mich prächtig mit Pippi Langstrumpf.“

Da Lindgren bei der staatlichen Zensurstelle arbeitet und Feldpostbriefe öffnet, ist sie sehr gut über die Kriegsverbrechen informiert und erfährt früher als viele von den deutschen Verbrechen an den Juden. Wilfried Hauk Als sie von dem SS-Massaker in Lidice erfährt, schreibt sie: „Diese Tat hat ein Volkbegangen, das ,Stille Nacht’ erschaffen hat.“
Aber, auch das notiert sie, „alle Deutschen hassen“ kann sie nicht. „Ich habe auch Mitleid mit den Deutschen, die so entsetzlich leiden müssen“, schreibt sie über das Schicksal der Soldaten in Stalingrad. Dann verfinstert sich ihre Stimmung aus einem anderen Grund: Sture hat eine andere Frau kennengelernt und will die Scheidung. Ein Erdrutsch sei über sie hereingebrochen, schreibt sie und verfällt in tiefe Melancholie.

Sture wird seine Entscheidung revidieren und zur Familie zurückkehren, Astrid Lindgren aber weiß, was nun ihre wahre Bestimmung im Leben ist: „Am Glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe.“ Zwar lehnt zunächst ein Verlag das eingereichte Pippi-Langstrumpf Manuskript ab, aber nach der Teilnahme an einem Geschichtenwettbewerb ist am 25. November 1945 so weit: Astrid Lindgren kauft in einer Stockholmer Buchhandlung ihr eigenes, gerade ausgeliefertes erstes Werk.