Nazikomödie "Heil": Schläge auf den Hinterkopf

Wie kann man die Themen Ausländerfeindlichkeit und Nazis in einer Komödie verpacken? Der Film „Heil“ versucht es und spaltet die Zuschauer.
| Michael Stadler
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Johnny (Jacob Matschenz, l), Sven Stanislawski (Benno Fürmann, 2.v.r.) und Kalle Schulze (Daniel Zillmann, r) haben den Schriftsteller Sebastian Klein (Jerry Hoffmann) im Kinofilm "Heil" entführt.
X-Verleih/dpa Johnny (Jacob Matschenz, l), Sven Stanislawski (Benno Fürmann, 2.v.r.) und Kalle Schulze (Daniel Zillmann, r) haben den Schriftsteller Sebastian Klein (Jerry Hoffmann) im Kinofilm "Heil" entführt.

Wie kann man die Themen Ausländerfeindlichkeit und Nazis in einer Komödie verpacken? Der Film „Heil“ versucht es und spaltet die Zuschauer.

In Uruguay mag Señor Kaplan mit seinem Kumpel Wilson noch mit dem sanft schrägen Charme des Amateurs einen „alten Nazi“ jagen (derzeit ebenfalls in unseren Kinos). Im ostdeutschen Prittwitz hingegen stehen die Zeichen auf brachiale Attacke: Hier zeigen sich die Neo-Nazis in aller schlagkräftigen Offenheit und müssen sich vor irgendwelchen Nachstellungen nicht fürchten.

 

Nazi-Jugend als "Halbstarke"

 

Ganz im Gegenteil: Der Bürgermeister verharmlost die Nazi-Jugend des Örtchens als „Halbstarke mit überschüssiger Energie“. Und Dorfpolizist Sascha, irgendwann verdonnert zum Straßendienst, um Schnellfahrer zu blitzen, zeigt sich in der Konfrontation mit den Glatzköpfen äußerst hilflos

Wer Political Correctness in einer Komödie namens „Heil“ sucht, ist sicherlich fehl am Platz. Doch Brüggemann lässt wirklich alle Leinen los, inszeniert nach seiner streng durchkomponierten Katholizismus-Anklage „Kreuzweg“ nun eine wild durchdrehende Farce, bei der jede Seite ihr Fett wegbekommt: die lahmarschig-korrupte Staatsgewalt, die sensationsgeilen wie talkfreudigen Medienvertreter, die linken Revolutionäre, die sich bei jeder Aktion verquatschen. Und die tumben Nazis sowieso.

Streit um Nazi-Komödie: Heillose Diskussionen

Die Groteske kommt so richtig in Gang, als die Nazi-Kumpels Johnny und Kalle Schulze auf den afrodeutschen Autor Sebastian Klein (Jerry Hoffmann) stoßen, beziehungsweise ihm einen Schlag mit dem Baseballschläger verpassen. Klein verliert daraufhin sein Gedächtnis und plappert alles nach, was man ihm sagt. Und wird so zum rechte Parolen verkündenden Sprachrohr von Gruppenanführer Sven, den Benno Fürmann gnadenlos in die Charge treibt, so wie alle in dieser Komödie Vollgas geben.

 

Nazi trifft Hipster

 

Mit beeindruckender Konsequenz lässt Brüggemann den Witz ins Böse wuchern: Sven wirbt um Nazi-Braut Doreen (gespielt von Brüggemanns Schwester Anna). Die meint, dass erst was geht, wenn Sven endlich in Polen einmarschiert. Dann werden Panzer geklaut, dann gibt es eine Schlacht, bei der die Nazis aus Berlin sich mit den Nipstern, den schicken Nazi-Hipstern aus Hamburg, bekriegen.

Zwischendurch hat Brüggemann einen Regisseur namens Brüggemann in einer Talk-Show auftreten lassen, der sich der Frage stellen muss, ob man über Neo-Nazis lachen darf. Und können deutsche Komödien überhaupt lustig sein? Die Antwort gibt vielleicht „Heil“. Ansehen. Ärgern. Oder lachen.

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