Kritik

Münchens raue Seite: So schlägt sich das neue "Tatort"-Team in "Zwischenwelten"

Das Filmfest München zeigt ein halbes Jahr vor der Ausstrahlung die erste Folge mit Nikola Buvak und Ferdinand Hofer, den Nachfolgern des legendären Teams von Batic und Leitmayr
von  Peter Gratz
Von links: Carlo Ljubek (Rolle: Nikola Buvak) und Ferdinand Hofer (Rolle: Kalli Hammermann) vor dem Eingang zum Polizeipräsidium München in der Ettstraße.
Von links: Carlo Ljubek (Rolle: Nikola Buvak) und Ferdinand Hofer (Rolle: Kalli Hammermann) vor dem Eingang zum Polizeipräsidium München in der Ettstraße. © Linda Gschwentner (BR;Bavaria Fiction GmbH)

Nahaufnahme eines Gesichts in olivgrüner Sturmhaube, schweres Atmen im Laderaum eines Lieferwagens - dann schnell raus, Lagebesprechung und schon geht’s ab ins Gebäude. Aufzüge blockiert, Treppe rauf und rein in die Wohnung. 

Wir begleiten den neuen Ermittler Nikola Buvak (Carlo Ljubek) vom SEK auf einem Einsatz. Wie im Actionfilm ist man nah dran am Geschehen. Ein Haftbefehl wird in Neuperlach vollstreckt. Die Zielperson steht im Verdacht, einen Raubmord verübt zu haben. Nach dem Zugriff kommt es zum ersten Zusammentreffen des neuen Teams, das offiziell noch gar keins ist. 

Man stellt sich einander vor, dann darf Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) – der als Assistent von Batic und Leitmayer schon seit über 10 Jahren in München dabei ist – erst einmal allein ran. Herr Hammermann trägt neuerdings Hemd und arbeitet im Gegensatz zum Kollegen in Ruhe und ohne Stress.

Auch Schauspieler Hofer musste sich wahrscheinlich keine großen Sorgen um seinen Job machen. Zu beliebt war seine alte Rolle und zu gerne nutzt man beim BR vermutlich seine Bekanntheit aus den unvermeidlichen Eberhofer-Krimis.

Wachsendes Selbstvertrauen

Nunmehr auf sich allein gestellt, darf der alte Neue im Laufe der Geschichte zu sich finden. Anfangs noch unsicher – als er das erste Mal das Präsidium betritt, hält er inne und man sieht, wie sich das imposante Gebäude in der Löwengrube vor ihm aufbaut – steigt das Selbstvertrauen im Laufe des Films und er beginnt seinem Bauchgefühl zu folgen. 

Dies wird zum Beispiel im Umgang mit der neuen Dezernatsleiterin (Sophie von Kessel), die ihm wegen der Aussicht auf den Leitungsposten der Mordkommission Druck macht, und dem wie immer unsympathischen Staatsanwalt (Franz Pätzold) sichtbar, die ihn zu Beginn gehörig gängeln. Erstmal sitzt er aber im leeren Büro und möchte vorschriftsmäßig Polizeiarbeit verrichten.

Von links: Die Kommissare Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Nikola Buvak (Carlo Ljubek) nehmen die Verfolgung auf.
Von links: Die Kommissare Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Nikola Buvak (Carlo Ljubek) nehmen die Verfolgung auf. © Linda Gschwentner (BR, Bavaria Fiction GmbH)

Nachdem ihm dabei das letzte Mal die frisch pensionierten Ex-Chefs einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, was nicht die einzige Parallele zum letzten Fall der Münchner Ermittler ist, ermittelt diesmal der Kollege vom Spezialkommando auf eigene Faust. Für den ist der vorliegende Fall nämlich ein Heimspiel.

Außerdem ist der Bosnier mit dem "Ich-denk-mir-meinen-Teil-Blick“ nicht nur gerade erst von einem zweijährigen Auslandseinsatz in Somalia wieder gekommen, sondern war zu Beginn seiner Karriere auch bei der Kriminalpolizei.

Der Polizist im Milieu

Als er dann noch vom Verschwinden einer 18-Jährigen aus den Blocks seiner Kindheit erfährt, ist sein Interesse geweckt. Auch die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein, als er in die alte "Hood" zurückkehrt.  

Zuerst blockt Kalli die Anfrage des Kollegen kategorisch ab, doch ihr Verhältnis bessert sich mit dem Fortschreiten der Handlung. Eine Grundskepsis bleibt aber bestehen. Die Tatort-erfahrene Regisseurin wird zudem nicht müde, die Unterschiede zwischen den Polizisten und Milieus herauszuarbeiten: Büroarbeit vs. Athletiktraining, Hemd vs. Collegejacke, Dienst-BMW vs. U-Bahn oder Zentrum vs. Stadtrand. Eigentlich sind sich die beiden im Kern aber durchaus ähnlich: Gute Typen mit dem Herz am rechten Fleck.

Buvak wird dargestellt als einer, der es "raus" geschafft hat aus dem sozialen Brennpunkt: dem "Ring" in Neuperlach, Münchner Beton. Obwohl er lange weg war und seine Herkunft größtenteils hinter sich lassen will, findet er sich noch immer blind im alten Umfeld zurecht. 

Von links: Die Kommissare Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Nikola Buvak (Carlo Ljubek).
Von links: Die Kommissare Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Nikola Buvak (Carlo Ljubek). © Linda Gschwentner (BR;Bavaria Fiction GmbH)

Man fühlt sich an Hip-Hop-Tracks wie Sidos "Mein Block" oder "Cop am Block" erinnert. Das Video zu letzterem wurde auch in Neuperlach gedreht. Im Gegensatz zu den dort beschriebenen Staatsdienern ist der Protagonist aber natürlich ein Guter. Er kommt von hier und macht nur seinen Job!

Die alten Zeiten

Die  Street Credibility des Neuen mehr als nur einmal versichert und seine Rolle als migrantischer Aufsteiger zementiert. Herr Hammermann findet sich in der Betonwüste naturgemäß nicht so gut zurecht. So haben die Themenfelder Migration, Herkunft, Identität und die "Zwischenwelten", die sie schaffen, einigen Platz in einem "Tatort", der fast ebenso viel Sozialstudie wie Kriminalfilm ist.

Der biodeutsche Kalli hat Zugang zum altehrwürdigen Präsidiumsbau im Zentrum, während der migrantische Neuperlacher im Wartebereich am Eingang ausharren muss. Das sind sowohl inhaltlich als auch ästhetisch schöne Bilder, die hier gezeigt werden. Teilweise rutscht die Szenerie ins Klischee ab, wenn zum Beispiel im Sonnenuntergang auf dem Hochhausdach gekifft wird. 

Von links: Produzent Ronald Mühlfellner, Kameramann Robert von Münchhofen, Regisseurin Katharina Bischof, Carlo Ljubek (Rolle: Nikola Buvak), Antje Traue (Rolle: Suzana Saliakas), Redakteur Cornelius Conrad und Ferdinand Hofer (Rolle: Kalli Hammermann).
Von links: Produzent Ronald Mühlfellner, Kameramann Robert von Münchhofen, Regisseurin Katharina Bischof, Carlo Ljubek (Rolle: Nikola Buvak), Antje Traue (Rolle: Suzana Saliakas), Redakteur Cornelius Conrad und Ferdinand Hofer (Rolle: Kalli Hammermann). © Linda Gschwentner (BR;Bavaria Fiction GmbH)

Dabei agieren fast alle Figuren nach dem gleichen Schema: nach innen kritisch und hart, nach außen schützend und verständnisvoll. Zum Beispiel schilt Kalli Buvak für seine Vorgehensweise ("Wenn Sie ein Praktikum machen wollen, dann bewerben Sie sich"), hält sich in diesem Punkt auf Nachfrage seiner Vorgesetzten aber bedeckt und deckt den Kollegen. Früher nahm man es im Präsidium mit den Vorschriften ja auch oft nicht so genau, ehemalige Protagonisten der Münchner Krimiwelt tauchen aber nur in vereinzelten Andeutungen auf. 

Interessanter Film

Nach dem gelungenen Ausstieg der alten Haudegen ermittelt in München nun wieder ein balkan-bajuwarisches Team. Die beiden erfinden das Rad nicht neu, der Fall aber taugt aber für einen interessanten Film.

Die Arbeitsweise der neuen Kollegen ist normalerweise keine Bewerbung für höhere Positionen, aber auf jeden Fall eine für neue Filme! Gut so, denn Folge zwei ist nämlich schon abgedreht und die Leseproben für den dritten Fall haben bereits begonnen.

Nochmal zu sehen am So, 28. Juni im Kino Mond und Sterne, Tickets unter filmfest-muenchen.de, TV-Ausstrahlung voraussichtlich im ersten Halbjahr 2027.

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