Interview

Matthias Helwig über das 14. Fünf Seen Filmfestival

Matthias Helwig startet am Mittwoch sein 14. Fünf Seen Filmfestival mit vielen Stars und Filmpremieren
| Margret Köhler
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Ganz so dicht gedrängt wie im vergangenen Jahr kann das Publikum in diesem Jahr nicht im Strandbad Starnberg Kinofilme schauen.
Ganz so dicht gedrängt wie im vergangenen Jahr kann das Publikum in diesem Jahr nicht im Strandbad Starnberg Kinofilme schauen. © ffs

Festivalchef Matthias Helwig traut sich was: ein Live-Festival in Coronazeiten. Das 14. Fünf Seen Filmfestival ist keine reduzierte Ausgabe, sondern präsentiert als "Special Edition" an 14 Festivaltagen vom 26. August bis 9. September in Gauting, Starnberg, Seefeld und Weßling insgesamt 164 Spiel-, Dokumentar- Kurz- und Video-Art-Filme, darunter eine Weltpremiere und zehn Deutschlandpremieren. Gastländer sind die Ukraine und Taiwan.

Viele Veranstaltungen finden unter freiem Himmel im Seebad Starnberg statt, so auch die Eröffnungsfeier mit der lakonischen Beziehungsgeschichte "Glück gehabt" oder die Verleihung des Hannelore-Elsner-Schauspielpreises an Nina Hoss mit anschließender Vorführung von "Schwesterlein" mit Lars Eidinger, der auch in Vadim Perelmans "Persischstunden" als SS-Kommandant vor der Kamera steht.

Das Drama konkurriert mit sieben weiteren Beiträgen um den "Fünf Seen Filmpreis". In diesem bunten Programm aus Filmen, Gesprächsrunden, Lesungen und Live Musik bleibt kein Wunsch offen. Da lohnt sich auch für Münchner der Weg. Ein Schmankerl ist das Publikumsgespräch plus musikalischer Einlage mit dem diesjährigen Ehrengast Klaus Doldinger sowie ein Konzert und ein Film aus der Reihe "Jazz im Kino".

AZ: Herr Helwig, in zwei Tagen startet das Festival, die Coronazahlen steigen. Wie entspannt sind Sie noch?
MATHIAS HELWIG: Entspannt war ich nie. Natürlich höre ich die Nachrichten und höre, was kommt und natürlich schießt mir in der Früh oder spät abends mal ein schwieriger Gedanke durch den Kopf. Den schiebe ich aber weg, sonst könnte ich gar nichts mehr machen. Man weiß nicht, was morgen oder übermorgen passiert. Wir sind machtlos.

In Theater, Kino und Konzertsälen gilt in geschlossenen Räumen eine Obergrenze von 200, im Freien 400 Besucher. In Berlin darf jeder zweite Kinosessel belegt werden, in Bayern nicht. Geraten Sie da nicht in Rage?
Und wie! Es ist widersinnig und absurd. Nehmen Sie unsere Open Air Vorführungen in den letzten Wochen im Seebad Starnberg. Bis 19 Uhr liegen die Badegäste dort wie Ölsardinen in der Büchse. Wenn unsere Veranstaltungen beginnen und die Menschen von markierten Plätzen aus auf die Leinwand schauen, herrschen höchste Sicherheitsmaßnahmen. Wir kümmern uns wie jeder Buchladen oder Supermarkt um Hygiene und alle Vorschriften.

Die Open Air Vorstellungen galten als Test fürs Festival. Wie liefen die?
Am Anfang verhalten. Die Leute waren erst einmal abwartend. Aber dann lief es, auch wegen des guten Wetters, sehr gut mit knapp 5000 Zuschauern. Wir hatten je nach Film 200 bis 300 Besucher. Mir lag daran, trotz aller Abstandsregelungen eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen.

Sie sind einer der wenigen, der sich an ein Live-Festival heranwagt. Andere fahren zweigleisig mit einem hybriden Konzept. War das auch mal in der Diskussion?
Das war nie eine Frage. Ich stehe für Kino. Punkt! Ich stehe für den Raum und das Treffen mit anderen Menschen live vor Ort. Ein Festival muss auch Vorreiter sein, die Menschen wieder für das Kino und den Raum des Kinos zu interessieren, damit sie wieder zurückkommen. Und deswegen ist es für mich auch ein starkes Statement durch dieses Festival das Kino als positiven Raum wieder zu besetzen, einen Ort der Begegnung zu schaffen.

Im Vorwort des Festival-Magazins schreiben Sie "Es lebe die Kultur und das Kino". Beide werden in Zeiten der Pandemie sträflich vernachlässigt. Wie kann man in diesen Zeiten ein Festival auf die Beine stellen? Auch finanziell?
Wir mussten eine neue Kalkulation erstellen, ich rechne mit einem Drittel der Besucher von 2019. Da hatten wir 21 000. Wenn wir auf 7000 kommen, wäre das bei den derzeitigen Einschränkungen wunderbar. Erlaubt ist nur eine Sitzplatzauslastung zwischen 33 und 50 Prozent. Auf der anderen Seite stockte das Staatsministerium für Digitales die Förderung um ein Drittel auf. Das hilft. Wir haben besonders teure Vorhaben wie die beliebte Dampferfahrt, die allein schon 12 000 Euro kostet, rausgelassen, ohne den Charakter des Festivals zu verlieren. Es gab eine große Welle der Solidarität im März und April mit Spenden und Gutschriften von Privatpersonen. Damit habe ich nicht gerechnet. Und wir haben zwei Hauptsponsoren dazugewonnen, die mit einem fünfstelligen Betrag in die Bresche gesprungen sind.

Was macht "Glück gehabt" zum passenden Eröffnungsfilm?
Ein Eröffnungsfilm muss Qualität und Unterhaltung verbinden. Der deutsche Markt war in dieser Hinsicht ziemlich leer. Die Deutschlandpremiere von Peter Payers österreichischer Beziehungskomödie ist eine bissig-amüsante Parabel über die Launen des Glücks.

Sie warten auch mit einem starken Dokumentarfilmprogramm auf und einer Weltpremiere, dem Film "Vor mir der Süden" von Oscar-Preisträger Pepe Danquart.
Es gibt unheimlich witzige und fesselnde Dokumentarfilme, bei denen man von der ersten Sekunde an dabei bleibt. Im Jahre 1959 umrundete Pier Paolo Pasolini mit seinem Fiat Millecento einmal die italienische Küste. 60 Jahre später setzt sich der Danquart auf dessen Spuren und fängt eine andere Wirklichkeit ein, verbindet Erinnerungen an die damalige Zeit und Gesellschaft mit der heutigen. Eine Weltpremiere in Starnberg – bleiben wir mal auf dem Teppich – ist schon toll.

Nach Zeit (2018) und Raum (2019) war für dieses Jahr "Bewegung" als Motto angedacht. Jetzt heißt es "Bewegung und Stillstand". Wieso?
Die Idee entstand während der Pandemie im März. Diesen Stillstand wollten wir thematisieren und uns nicht mehr einfach nur auf Bewegung reduzieren. Für Bewegung haben wir Klassiker zusammengestellt, hauptsächlich Roadmovies oder auch besondere Filme, die mit Bewegung und Stillstand zu tun haben wie Theo Angelopoulos‘ "Der schwebende Schritt des Storches". Vom Stillstand zur Bewegung ist es oft nur ein Schritt. Stillstand hat auch etwas Kontemplatives.

Was wünschen Sie sich, vom guten Wetter mal abgesehen?
Ich wünsche mir, dass das Vertrauen in den Raum Kino wieder steigt und die Zuschauer den Raum wieder entdecken und sich durch unsere Begeisterung für Kultur und Kino anstecken lassen. Ob Sonne, Regen oder Kälte: Unser Programm lohnt den Besuch, versprochen.

Wie geht es weiter mit dem Kino?
Kino ist systemrelevant und menschenrelevant. Es war ein Fehler, Kinos als eine der letzten Kultureinrichtungen wieder zu öffnen. Das erweckt den Eindruck, Kino sei etwas Gefährliches. Aber auch unsere eigene Branche hat versagt und sich wegen mangelnder Solidarität ins Abseits manövriert. Wenn eine deutsche Produktions- und Verleihfirma an einem Tag sagt, Kino ist unsere DNA und am nächsten Tag einen Publikumsfilm wie "Kaiserschmarrndrama" aus der Eberhoferreihe verschiebt, ist das ein Schlag ins Kontor. Die Zahlen sind desaströs, dazu der heiße Sommer und das Fehlen von Krachern wie "Leberkäsjunkie" im letzten Jahr. Aber Kino ist großartig, bereichert Herz und Kopf. Und deshalb mache ich auch das Fünf Seen Filmfestival.

Weitere Infos sowie ein ausführliches Programmheft gibt es auf www.fsff.de

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren