„Marty Supreme“: Wie Timo Boll mit Timothée Chalamet trainierte

Die Tragikomödie ist neun Mal Oscar-nominiert - darunter als bester Film. In „Marty Supreme“ will im New York der 50er-Jahre ein Hasardeur und Schuhverkäufer (Timothée Chalamet) Weltmeister im Tischtennis werden, was in den USA eine völlige Außenseitersportart ist. In dem atemlosen Film hat auch Timo Boll einen Auftritt. „Ich bin ein Fan von ihm. Er ist einer der Besten und ich habe sogar einen Schläger von ihm“, hatte Regisseur Josh Safdie erzählt. Die AZ hat Timo Boll interviewt.
AZ: Herr Boll, als öffentlich wurde, dass Sie an der Seite von Timothée Chalamet im Hollywood-Film „Marty Supreme“ zu sehen sein würden, hagelte es Interviewanfragen: einerseits schön, andererseits auch frustrierend, wenn nun mehr Anfragen kommen als zu Ihrer Zeit als Tischtennisprofi.
TIMO BOLL: Aber es freut mich, dass der Sport so viel Aufmerksamkeit bekommt. Es fühlt sich an, als wäre ich gerade Olympiasieger! Dafür, dass ich im Film nur eine kleine Rolle habe, ist das schon viel Wirbel.

Ehrlich gesagt habe ich Sie im Film gar nicht erkannt…
Das ist sogar vielen Freunden von mir passiert. Die haben meinen Look überhaupt nicht erkannt. Ich bin ja nur in ein paar Szenen und bei einem Ballwechsel mit Timothée zu sehen. Gedreht haben wir fünf Ballwechsel über drei Stunden, haben aber eine Woche lang dafür trainiert. Schon ein Monster-Aufwand für das, was dann rauskommt. Ich kannte das ein bisschen von Werbe-Drehs und Dokus, die über mich gedreht wurden, und wusste, dass Fernsehen viel Aufwand ist. Aber in Hollywood ist das nochmal viel, viel extremer. Da wird auf jedes Detail geachtet und nochmal und nochmal gedreht. Als ich dann mal ein oder zwei Szenen verhunzt hatte, war mir das sehr unangenehm.
Peinlich: "Ich habe den Schläger falsch herum gehalten"
Was haben Sie angestellt?
In einer Szene, nachts um zwei Uhr, wo wir mit 40, 50 Mann einfach so da stehen, habe ich als Einziger den Schläger falsch herum gedreht, und wir mussten die Szene nochmal drehen - da hab’ ich einen schön roten Kopf bekommen. Aber der Regisseur hat drüber geschmunzelt und gemeint: „Das kann selbst den Besten passieren.“

Wenn Regisseur Josh Safdie nicht so ein Tischtennisfan wäre, hätte es den Film nie gegeben.
Er hat auch das Drehbuch geschrieben. Durch ihn habe ich die Rolle bekommen, er spielt privat sogar einen Timo-Boll-Schläger, hat mir am Telefon dann genau erklärt, warum ihm die Tischtennis-Szenen so wichtig sind. Haben sie jedenfalls cool gemacht!
Chalamet hat sich gut vorbereitet: mit einem Tischtennis-Choreografen
Ganz schön finster waren Ihre Szenen. Hat man in den 50er-Jahren tatsächlich so im Dunkeln gespielt?
Die haben viel Recherche betrieben und den Look der Londoner Wembley-Arena übernommen, die Lampen nachgebaut, weil es die nirgends mehr zu kaufen gibt, die Tischbeine vom Schreiner machen lassen, auf jede mögliche Spiegelung geachtet. Wie gesagt: jedes Detail. Deshalb wird es wahrscheinlich auch so rund und so gut, wenn man akribisch ist.

Für die Dreharbeiten waren Sie zwei Wochen in New York. Wo wurde gedreht?
Gewohnt habe ich in Manhattan, trainiert haben wir die gescripteten Ballwechsel in irgendeinem Hochhaus, wo ein komplettes Stockwerk gemietet war. Mit Timothée habe ich vorab in seinen Drehpausen trainiert, bevor er zum Set nach Brooklyn gefahren ist. Die Tischtennis-Szenen sind dann in New Jersey in einer riesigen Halle gedreht worden.
Wie gut spielt Timothée Chalamet im richtigen Leben Tischtennis?
Für ihn war gar nicht so entscheidend, ein unfassbar guter Tischtennisspieler zu sein, sondern dass es in der Kamera gut aussieht. Dafür hat er sich lange vorbereitet, auch mit dem Tischtennis-Choreografen, dessen Frau chinesische Nationalspielerin war. Mit der hat Timothée lange trainiert. Das hat man gesehen, seine Koordination war wahnsinnig gut, die Bewegungen sahen flüssig aus. Man hat ihm nicht angesehen, dass er kein Tischtennisprofi aus den 50er-Jahren ist. Seine Mutter war Tänzerin - daher hat er wohl das koordinative Talent für all die schweren Schritte, die er machen und sich merken musste. Es waren teilweise lange Ballwechsel. Ich hab’ mit ihm die fünf Ballwechsel immer am Stück gedreht, ohne Cut, 20 oder 25 Mal, und jedes Mal hat er das fehlerfrei hingekriegt. Am nächsten Tag hatte ich ordentlich Muskelkater.

Man könnte Chalamet also als nicht untalentierten Hobbyspieler bezeichnen?
Da wir mit Hartbrettern gespielt haben, die nicht so diesen Spin haben, war das einfacher als mit den modernen Schlägern, bei denen man mit der Rotation umgehen muss. Er hat das echt sehr gut gemacht.
Und jeder am Set wollte mal ein paar Bälle mit Ihnen schlagen, oder?
Ich glaube, ich hab’ mit jedem am Set gespielt, in den Drehpausen. Auch Timothée wollte in den Drehpausen manchmal noch trainieren, hat sich viele Tipps geholt, war sehr wissbegierig. Da sieht man seine Besessenheit. Es waren immer lange, anstrengende Tage, die oft bis tief in die Nacht gingen. Aber es hat echt Spaß gemacht, ich bin einfach ein großer Film-Fan, habe mein erstes Heimkino mit 13 oder 14 daheim ins Kinderzimmer gebaut, mit Leinwand und Beamer. In jedem Haus, wo ich bislang gewohnt habe, gab es ein Zimmer als Heim-Kino. Insofern war das witzig, mal ein kleiner Teil eines solchen Films zu sein.
Ob ich meiner 12-jährigen Tochter den Film zeigen soll?
Was lief als Erstes im Heimkino?
Die erste DVD, die ich mir gekauft habe, war „Postman“, von und mit Kevin Costner.
Und heute?
Mittlerweile auch viele Serien, weniger die Blockbuster, für die man die große Kino-Leinwand braucht. Im Heimkino darf es auch mal richtig knallen oder bildgewaltig sein. Ich habe mir jetzt auch fast alle Filme der Safdie-Brüder angeschaut: schon ein sehr spezieller Stil, den man so kaum kennt, ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist nichts für jeden Tag, aber für einen speziellen Abend sehr cool. Man wird durch so einen Film durchgepeitscht, es ist rasant, man hat richtig Puls. Ansonsten lese ich gerne Fantasy, fand auch cool, wie sie damals „Herr der Ringe“ umgesetzt haben, schaue aber auch Filme wie „Die Verurteilten“ mit Morgan Freeman und Tim Robbins, auch deutsche Filme.

Alles daheim oder im Kino?
Wir haben einen Hund, den wir ungern allein oder im Auto lassen. Aber die Tochter will schon mal ins Kino.
Die Familie war in den Herbstferien mit zum Dreh in New York, aber die Tochter wurde dann krank?
Ich wollte sie zum Dreh mitnehmen, was auch problemlos möglich war, aber sie lag eine Woche mit 40 Fieber flach. Als wir wieder heimkamen, hatte ich tags darauf ein Bundesligaspiel, und weil ich zwei, drei Wochen nur mit diesem Hartbrett gespielt hatte, konnte ich wirklich kein Tischtennis mehr spielen mit einem normalen Schläger. Ich hab’ so auf die Ohren bekommen und zwei Mal 0:3 verloren. Ich hab’ gedacht: Jetzt muss ich direkt aufhören, statt mich so zu blamieren.
Dann müssen Sie mit der Tochter eben mal wieder zu einem Dreh nach New York!
Ich bin noch hin und her gerissen, ob ich ihr den Film überhaupt schon zeigen kann. Sie ist ja erst zwölf, und so ganz jugendfrei ist der Film nicht. Oder ich halte ihr ab und an die Augen zu. Man weiß ja auch nicht so richtig, ob man diesen Marty mögen soll.
Der Film ist für neun Oscars nominiert, am 15. März fällt in L.A. die Entscheidung…
Wäre schon schön, wenn auf meiner Autogrammkarte mal Oscarpreisträger stehen würde - mit einem Smiley.