Märchen schreibt die Zeit ...

Disneys Realverfilmung von "Die Schöne und das Biest" ist nah genug am Trickfilm-Original, um Fans glücklich zu machen. Aber ist es auch weit genug davon entfernt, um nicht als bloße Kopie durchzugehen?
| Annekatrin Liebisch
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1991 kam "Die Schöne und das Biest" als Trickfilm in die Kinos. Nun reicht Disney die Realverfilmung nach. In der Hauptrolle: "Harry Potter"-Star Emma Watson.
2016 Disney 1991 kam "Die Schöne und das Biest" als Trickfilm in die Kinos. Nun reicht Disney die Realverfilmung nach. In der Hauptrolle: "Harry Potter"-Star Emma Watson.
Was für eine Aufregung so kurz vor dem Kinostart von "Die Schöne und das Biest": Zunächst zerbrach man sich in den (sozialen) Medien die Köpfe darüber, ob Hauptdarstellerin Emma Watson
als Feministin denn leicht bekleidet für ein Magazin posieren dürfe. Dann rief die Ankündigung, dass im Film eine schwule Figur vorkomme, russische Politiker auf den Plan. Die forderten aufgrund der "skrupellosen Verherrlichung von Sünde und perverser sexueller Verhältnisse" ein Verbot des Films und setzten in Russland schließlich eine Altersfreigabe ab 16 durch. Und so steht "Die Schöne und das Biest" nun plötzlich im Zentrum gesellschaftspolitischer Debatten, in die der Märchenfilm nun wirklich nicht gehört. Denn eigentlich gibt es nur eine Frage, die sich Disney und Regisseur Bill Condon
mit ihrem Live-Action-Remake des Trickfilmklassikers von 1991 stellen lassen müssen. Und zwar die nach der Notwendigkeit. Warum muss "Die Schöne und das Biest", lange Zeit der einzige animierte Film überhaupt, der in der Königskategorie "Bester Film" oscarnominiert war, neu verfilmt werden? Stimmt etwas mit dem Original nicht, das laut American Film Institute zu den 25 bedeutendsten amerikanischen Musicalfilmen zählt? Oder hat Disney
wie 2012 bei "Maleficent" einen raffinierten Dreh gefunden, um die Geschichte komplett neu zu erzählen? Zumindest die Antworten auf die letzten beiden Fragen liegen angesichts der Neuverfilmung auf der Hand: Mit dem Original von 1991 ist alles in Ordnung, sonst hätten sich Regisseur Bill Condon und sein Team wohl nicht so eng daran orientiert. Noch immer wird ein Prinz (Dan Stevens, "Downton Abbey") in ein Biest verwandelt, um für seine Oberflächlichkeit bestraft zu werden. Noch immer begibt sich Dorfmädchen Belle ("Harry Potter"-Star Emma Watson
) in die Gefangenschaft des Biestes, nachdem sich ihr Vater (Kevin Kline
) in dessen verwunschenes Schloss verirrte. Und noch immer hoffen die zu Haushaltsgegenständen verzauberten Diener des Ungetüms, dass sich endlich eine Frau in ihren Herren verliebt, damit der lästige Fluch rechtzeitig gebrochen wird. Ob in den originalgetreuen Kostümen oder dem detailverliebten Set-Design, überall können die Zuschauer die Spuren des Originals erkennen, selbst wenn es etliche Jahre her ist, dass sie es gesehen haben. Geradezu unverblümt versuchen Bill Condon und seine Unterstützer, Nostalgie zu wecken und das Publikum gedanklich in den Trickfilm aus Kindertagen zurückzuversetzen. Wie gut diese Taktik aufgeht, ist wirklich erstaunlich: Schon nach wenigen Minuten, wenn Emma Watsons
Belle "Unsere Stadt" anstimmt, ist man wieder mittendrin im Klassiker, freut sich über vertraute Bewegungen und Verse und nimmt neugierig erste kleine Unterschiede wahr. Die gibt es nämlich durchaus: Dass etwa Belle anders ist als die restlichen Dorfbewohner, wird von den Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos noch etwas mehr herausgestellt. Auch das Biest bekommt ein bisschen mehr Hintergrundgeschichte - eine neue Gesangsnummer inklusive. Denn ein Musical ist "Die Schöne und das Biest" immer noch. Wäre ja auch schade um den oscarprämierten Soundtrack und den ebenso ausgezeichneten Song "Die Schöne und das Biest". Und wenn sich Bill Condon mit etwas auskennt, dann mit Musicals. Seine stärksten Momente hat der Film folgerichtig dann, wenn der "Dreamgirls"-Regisseur und "Chicago"-Schreiber seine Darsteller zum Tanz bittet. Was für Choreografien! Was für eine Dynamik! Was für ein Vergnügen! Zur Ballade "Die Schöne und das Biest" lässt er die beiden Hauptfiguren förmlich über das Parkett schweben, zum Evergreen "Sei hier Gast" zündet er buchstäblich das viel zitierte Effekt-Feuerwerk. Ob ein Remake wirklich nötig war, fragt man sich in Momenten wie diesen nie. Doch wenn Emma Watson in den reinen Spielszenen mal etwas hölzern wirkt, wenn eine erzählerische Neuerung den Film künstlich in die Länge zieht und der Bombast ein wenig überhandnimmt, dann ist sie wieder da: die Frage, ob Disney, mit nun einem guten Dutzend angekündigter Live-Action-Remakes, die Ideen ausgehen. Das sicher nicht. Dafür schafft es Disney zu oft, den Zuschauer in einer altbekannten Geschichte zu überraschen: mit Humor, mit einer deutlich selbstbestimmteren weiblichen Hauptfigur oder brillanten Casting-Entscheidungen wie der, Luke Evans den selbstverliebten Dorfhelden Gaston spielen zu lassen. Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, ob ein Märchen denn nur einmal erzählt werden darf. Oder es nicht erst dadurch zum Märchen wird, dass es immer wieder neu, immer wieder ein bisschen anders erzählt wird.
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