Kritik

Lockdown-Doku im Kino: Die schöne Melancholie ohne die Tourismusfluten

Der Dokumentarfilm aus dem Lockdown: "Moleküle der Erinnerung - Venedig, wie es niemand kennt".
| Margret Köhler
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Eine Gondoliere, die sonst Ruderkurse für Touristen gibt, reflektiert über die ungewohnte Glätte des Wassers auf dem Canale Grande.
Eine Gondoliere, die sonst Ruderkurse für Touristen gibt, reflektiert über die ungewohnte Glätte des Wassers auf dem Canale Grande. © FKT

Auf dem Markusplatz picken ein paar verlorene Tauben, die gestapelten Stühle vor Italiens ältestem und berühmtem Kaffeehaus Florian verbreiten Tristesse, unter den Arcaden singt eine junge Frau die Arie "Lascia ch'io pianga" aus Händels Oper Rinaldo, die durch Mark und Bein geht. Der Karneval ist abgesagt. Stillstand. Ödnis. Ruhe. Keine Menschenseele weit und breit.

Regisseur Segre saß in Venedig fest

Dabei kamen auf die 50.000 Einwohner in der Lagune (1.000 wandern jährlich ab) noch 2019 ungefähr 30 Millionen Besucher, davon 12 Millionen Übernachtungen. Andrea Segre verschlug es im Februar 2020 nach Venedig, um einen Film über Hochwasser und Tourismus zu machen. Dann kam der Lockdown, er saß bis April fest.

Entstanden ist eine poetisch-essayistische Doku begleitet von Teho Teardos melancholisch-schwerer Musik über die Lagunenstadt und ihre Bewohner, die plötzlich unter sich sind. Keine Massen vor dem Markusdom oder Drängeleien vor dem Campanile. Die Venezianer entdecken ihre Stadt neu.

Junge Bewohner sind rar

Fischer bringen ihre vollen Netze vom Meer ein, eine Gondoliere, die sonst Ruderkurse für Touristen gibt, wundert sich über fehlende Wellen auf dem Canale Grande und den spiegelglatten Canale de Giudecca, sie gehört zu den wenigen Jungen, die bleiben. Von ihren 29 Mitschülern leben nur noch fünf in Venedig. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum.

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Der sukzessive Verlust von Gemeinsamkeit

Die Geschichten anderer Einheimischer drehen sich um Kindheit und Wandel, das Leben auf Pfahlbauten, das Anpassen an wiederkehrende Hochwasser, den sukzessiven Verlust von Gemeinsamkeit. Der Regisseur reflektiert bei dieser Zeitreise die fragile Beziehung zu seinem in Venedig aufgewachsenen Vater Ulderico, die Sprachlosigkeit zwischen ihnen und führt mit dem Verstorbenen einen letzten Dialog.

Perönliche Erinnerungen treffen auf die Gegenwart

Geschickt mischt er persönliche Erinnerungen und alte Fotos und Super-8-Aufnahmen des Vaters aus den 60er Jahren mit magischen Bildkompositionen einer Geisterstadt der Gegenwart, erzählt vom Verschwinden und der unheimlichen Leere. Seine apokalyptische und gleichzeitig bukolische Version ist eine wehmütige Liebeserklärung an die morbide Zerbrechlichkeit, unwirkliche Schönheit und kolossale Würde der Serenissima.


Kino: City, Arena, Isabella, Theatiner (alle OmU)

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