"Lion": Der verlorene Sohn

Wohlfühlkino ohne zu viel Rührseligkeit: "Lion" erzählt die Geschichte einer späten Heimkehr.
| Margret Köhler
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
"Lion": Der verlorene Sohn
Long Way Home / Mark Rogers 2 "Lion": Der verlorene Sohn
"Lion": Der verlorene Sohn
Long Way Home / Mark Rogers 2 "Lion": Der verlorene Sohn

Unglaublich, aber wahr: Nach 25 Jahren findet ein junger Australier mit indischen Wurzeln durch Google Earth-Recherchen sein Heimatdorf und seine leibliche Mutter wieder. Dort fing für den fünfjährigen Saroo alles an, im Jahr 1986, an einem Tag wie jedem anderen. Als ihn der ältere Bruder in der nächsten Kleinstadt beim Sammeln von Münzen und Essensresten für die ernährerlose Familie kurz auf dem Bahnhof allein lässt, schleicht er sich in ein Zugabteil, schläft ein und landet Tage später im 1600 Kilometer entfernten Kalkutta.

Orientierungslos irrt er herum, versteht kein Bengali und niemand seinen Hindi-Dialekt. Nach Wochen auf der Straße kommt er in eine triste Verwahranstalt, wo ihn bald ein australisches Paar (Nicole Kidman, David Wenham) adoptiert. Die beiden schenken ihm ein liebevolles Zuhause in der neuen Heimat.

Zwei Jahrzehnte später scheint er glücklich mit seinen Eltern und seiner australischen Freundin, startet eine Ausbildung als Hotelmanager. Doch plötzlich packt ihn der Wunsch, etwas über seine Herkunft zu erfahren, seine Familie wiederzufinden. Die einzige vage Erinnerung sind ein Wasserturm und diffuse Schienenstränge. Nacht für Nacht sucht er obsessiv im Internet, steckt auf einer Karte von Nordindien Orte ab, bis er wirklich sein Dorf entdeckt.

Vorlage: "Mein langer Weg nach Hause"

Nach Saroo Brierleys autobiografischem Bestseller "Mein langer Weg nach Hause" zeichnet der frühere Werbefilmer Garth Davis in diesem Wohlfühlkino (nominiert für sechs Oscars) ohne zu viel Rührseligkeit die Suche eines zwischen zwei Kulturen zerrissenen Menschen nach Identität. Wenn sich am Ende Saroo und seine leibliche Mutter in den Armen liegen und auch die Adoptiveltern bei einem Besuch in Tränen ausbrechen, geht das zwar an die Nieren, aber der Bogen von der Kindheit zum Erwachsensein wird zu schnell geschlagen, und durch ständiges Starren auf den Laptop verliert man in der zweiten Hälfte etwas die Lust an der Geschichte, geht die anfänglich leise Poesie flöten. Streckenweise glaubt man sich in einem Werbespot für die Google Internet-Software.

"Slumdog Millionär" Dev Patel, dessen Verzweiflung parallel zum wild sprießenden Haarschopf wächst, spielt – wie auch die überzeugende Nicole Kidman – mit großer Intensität. Aber die Show stiehlt ihnen der sechsjährige Darsteller Sunny Pawar durch seine umwerfende Natürlichkeit. Wenn er mit großen Augen voller Angst und Verlorenheit durch den Moloch Kalkutta rennt, ist die Trostlosigkeit eines Kinderlebens in Indien hautnah. Kein Einzelschicksal: 80.000 Kinder gelten in dem Land jährlich als vermisst.     


R: Garth Davis (Aus, 120 M.)

Kinos: ABC, Atelier, Cinema, CinemaxX, City, Mathäser, Museum-Lichtspiele

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren