"Last Night in Soho": Gnadenlose Verführung

Edgar Wrights "Last Night in Soho" demaskiert die Swinging Sixties.
| Florian Koch
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Jack (Matt Smith) angelt sich Sandy (Anya Taylor-Joy) und hat Übles mit ihr vor.
Jack (Matt Smith) angelt sich Sandy (Anya Taylor-Joy) und hat Übles mit ihr vor. © Parisa Taghizadeh/2021 Focus Features, LLC

Blumenkleider, Schlaghosen und Miniröcke, die zehn Zentimeter über dem Knie enden mussten - die Mode der 60er Jahre war ein durchaus freizügiges Statement. Ein klares Abgrenzen der Jugend von den Eltern. Und heute? Ist der Stil über Generationen hinweg in den Alltag übergegangen, wirkt der Retro-Chic mit seiner ständigen Suche nach neuen Details in alten Schablonen austauschbar.

Die nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst nie erlebt hat, treibt auch Eloise (Thomasin McKenzie) an. Ein unschuldiges Landei mit großen Ambitionen. Der Sprung von Cornwall nach London, zur Modedesign-Studentin, er gelingt der bei der Oma (Rita Tushingham) behütet aufgewachsenen 18-Jährigen, die in der Swinging-Sixties-Ästhetik um Twiggy, Mary Quant und Audrey Hepburn badet.

Verführungsspiel: Mit einer umwerfenden Eleganz und Detailfülle inszeniert

Die Warnungen der Großmutter, dass die englische Metropole auch gefährlich sein könne und Eloises psychisch kranke Mutter sogar in den Selbstmord getrieben hätte, treffen auf taube Ohren. Die Ernüchterung folgt jedoch bald, erst beim widerlich anzüglichen Taxifahrer, später bei den biestigen Mitkommilitoninnen. Und was macht Eloise? Sie wechselt das Quartier, ihre Geisteshaltung und halluziniert sich nachts unter der Bettdecke in ein London voller Sixties-Glamour.

1965, im Café du Paris begegnen wir dann ihrer Doppelgänger-Figur, Sandy (Anya Taylor-Joy aus "Das Damengambit"). Im zart-pinken Chiffon-Kleid schreitet die Blondine die Treppen zum Club hinunter, wissend um ihren großen Auftritt und die sündigen Blicke der Männer. Nur einen lässt die angehende Sängerin dann doch an sich heran, den abgezockten Manager Jack (Matt Smith).

Ein fataler Schachzug, denn der schneidige Aufreißer entpuppt sich bald als brutaler Zuhälter. Ihr anfangs noch verlockendes Verführungsspiel, das noch die Möglichkeit einer erfüllenden Liebe in sich trägt, inszeniert Edgar Wright ("Baby Driver") mit einer umwerfenden Eleganz und Detailfülle. Die formale Brillanz, mit der hier ein neongrelles Soho zum Sound der Sixties ("Downtown") wieder lebendig wird, kann die Geschichte leider nicht einhalten.

Verklärung oder Verteufelung?

Unglaubwürdig schnell schaltet Eloise in den aus "Black Swan" bekannten Panik-Modus, driftet sie wie einst Natalie Portman in eine dunkle, schizophrene Welt, in der Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen. Wrights plötzliche Genre-Umkehr in den totalen Horror voller böser gesichtsloser grauer Herren macht auch seine Hauptfigur klein, degradiert sie zur hysterisch-paranoiden Opferfigur - obwohl Eloise im sensiblen Mitkommilitonen John (Michael Ajao) doch jede Hilfe bekommt, die sie benötigt.

So bleibt "Last Night in Soho" letztlich ein Film, der sich nicht entscheiden kann zwischen Verklärung und Verteufelung seiner Swinging-Sixties-Nostalgie. Immerhin beschert Wright der verstorbenen Diana Rigg ("Mit Schirm, Charme und Melone") als undurchschaubare Vermieterin hier noch einmal einen letzten großen Leinwand-Auftritt.


Kinos: Cinema (OV), CinemaxX, Mathäser, Museum Lichtspiele (OV); Regie: Edgar Wright (GB, 116 Min.)

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