Kunst und Kommerz? "Big Eyes" mit Christoph Waltz und Amy Adams

Tim Burtons "Big Eyes" erzählt die unglaubliche, wahre Geschichte der Malerin Margaret Keane. Und Christoph Waltz darf brillieren
| Adrian Prechtel
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Er gibt sich für den Maler der Bilder seiner Frau aus: Walter Keane (Christopher Waltz).
Studiocanal Er gibt sich für den Maler der Bilder seiner Frau aus: Walter Keane (Christopher Waltz).

Tim Burtons "Big Eyes" erzählt die unglaubliche, wahre Geschichte der Malerin Margaret Keane. Und Christoph Waltz darf brillieren

Anfang der 60er auf einem Flohmarkt in San Francisco spricht er sie an: „Sie verkaufen sich unter Wert. Es ist mit Herz gemalt!“ Und schon hat Walter Keane charmant Margarets Herz gewonnen. Aber man merkt seinem breiten Christoph-Waltz’schen Gewinner-Dauerlächeln an, dass er ein narzisstischer Selfmade-Mann ist. Man verfällt ihm leicht, aber man sollte ihm nicht trauen.
Margaret (Amy Adams) tut sich mit Walter zusammen, und es beginnt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, in die sich bald Bitterkeit mischt, um dann in ihrem fantastischen Befreiungsschlag vor Gericht zu münden.
„Big Eyes“ vom Exzentiker und Phantasten Tim Burton ist ein wunderbar leichter Film, dessen intensive 60er-Jahre-Farben ein wenig von der Kitschoberfläche der Bilder infiziert sind, um die es geht: Die Kindergesichter mit den großen traurigen Augen, mit denen Walter Keane reich und berühmt wird, bis auffliegt, dass es die Bilder seiner Frau sind.

Alle Diskussionen und Themen eingebaut: Was ist Kunst, Emanzipation und Hochstapelei

In dieses Grundgerüst, dass der wahren Geschichte von Margaret Keane entspricht, baut Burton eine überwältigende Vielfalt ein, die es uns Zuschauern ermöglicht, auf vielen Ebenen zu erleben und nachzudenken:
Da ist die romantische Liebesgeschichte, die auch eine frühe Emanzipationsgeschichte ist. Denn Margaret hat – bevor sie sich auf Walter einlässt – ihren Ehemann verlassen und die Tochter mitgenommen, weil sie sich eingeengt fühlte im Familienbild der späten 50er.
Vor diesem Hintergrund diskutiert „Big Eyes“ auch die klassische, unlösbare Frage: Was ist Kunst? Denn Keanes Bilder sind purer Kitsch, verkaufen sich aber – durch Walters (Self-)Marketing-Talent – bald zehntausendfach, gerade auch als Poster und Postkartendrucke. Nicht umsonst gibt es charmante Warhol-Anspielungen im Film, wenn Walter im Supermarkt Campbell’s Tomato Soup einkauft: Warhols Massengeschmacks-Popart-Ikone. Margret Keans Bilder kommen aus einer Kindheitserfahrung, sind also von ihr als Malerin aus Empfindung geboren. Und dass Keane technisch ganz gut malen kann, ist auch außer Frage.

Kitsch und Lebenslügen

Aber die Kunstkritiker verweigern (zu Recht) die Anerkennung, was das Ego von Walter tief verletzt.
Hier öffnet sich eine weitere psychologische Ebene: das Phänomen, dass Hochstapler oft ihre eigenen (Lügen-)Geschichten so verinnerlicht haben, dass sie Wahrheit und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können. Und so spielt Christoph Waltz diesen Walter Keane als einen ansteckend lebenstänzerischen, autosuggestiven Menschen, der zunehmend härter werden muss, um die Lebenslügen aufrecht zu erhalten. Wir entziehen ihm – in einem spannend schleichenden Prozess – zunehmend unsere Zuschauer-Sympathie.
So ist dieser klassisch erzählte, kunstvoll gemachte Kunst-, Gesellschafts- und Beziehungs-Film, der wie jede gute romantische Komödie auch Tragik enthält, das was man beste Unterhaltung nennt.
  
Kino: Eldorado, Solln, Cadillac, Mathäser, Münchenr Freiheit sowie Atelier (OmU) und Museum Lichtspiele (OV)
R: Tim Burton (USA, 106 Min.)

 

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