Künstler Christo: Dokumentarfilm Walking on Water

Der Künstler Christo brauchte vierzig Jahre, um seine Idee der „Floating Piers“ zu realisieren. Jetzt zeigt ein Dokumentarfilm das Projekt von 2017.
| Interview: Julia Kili; Kritik: Adrian Prechtel
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Ein ästhetisches und physisches Erlebnis: Die Floating Piers“ im Lago d’Iseo mit der Privatinsel der Familie Beretta.
Britta Pedersen Ein ästhetisches und physisches Erlebnis: Die Floating Piers“ im Lago d’Iseo mit der Privatinsel der Familie Beretta.

Der Künstler Christo brauchte vierzig Jahre, um seine Idee der "Floating Piers" zu realisieren. Jetzt zeigt ein Dokumentarfilm das Projekt von 2017.

München - Im Lago d’Iseo bei Brescia in der Lombardei ließ Christo 16 Tage lang Menschen übers Wasser wandeln. Auf dem italienischen Bergsee installierte er im Juni 2017 dazu Schwimmstege aus verbundenen Kanisterelementen, die mit leuchtend gelb-orangem Stoffbahnen überzogen wurden: die "Floating Piers". Über dieses Projekt ist jetzt der Dokumentarfilm "Christo – Walking on Water" im Kino.

Der 83-jährige, aus Bulgarien stammende Künstler arbeitete Jahrzehnte mit seiner Frau Jeanne-Claude zusammen, die 2009 gestorben ist. Das Paar verhüllte den Reichstag, die Pariser Brücke Pont Neuf und stellte im New Yorker Central Park Tausende Tore auf. Im Frühjahr 2020 will Christo mit seinem Team den Pariser Triumphbogen verhüllen. In Abu Dhabi plant Christo ein Bauwerk aus Ölfässern.

AZ: Herr Christo, woran arbeiten Sie momentan?
CHRISTO: Gerade arbeite ich in meinem Studio. Ich lebe seit 1964 im gleichen Gebäude in Downtown Manhattan. Über 50 Jahre also, im gleichen Gebäude, am gleichen Ort. Ganz oben, ohne Aufzug. Ich arbeite da auch nicht an einer Sache, sondern immer an mehreren. Zum Beispiel am Projekt im Nahen Osten mit Ölfässern. Aber es gibt auch viele andere Dinge.

"Alle unsere Projekte sind voller Drama"

Ihr Studio liegt im fünften Stock – ohne Aufzug?
Ja. Tatsächlich können Sie einen Teil meines Studios auch im Film über die "Floating Piers" sehen. Dort wo ich Skizzen vorbereite für das Projekt am Iseosee. Die Anfangsszenen von "Walking on Water", die spielen in meinem Studio.

Die Installation der Schwimmstege sah nach Stress aus. Wie nah dran waren Sie am Nervenzusammenbruch?
Das war sehr stressig. Aber es war auch stressig, den Reichstag zu verhüllen. Das wurde auch dreimal abgelehnt. Alle unsere Projekte sind voller Drama. Deswegen machen wir das ja. Deswegen machen wir nie zweimal das gleiche. Alle Projekte machen das durch: Drama, Probleme, Aufregung. Das hält mich lebendig.

"Es geht um die echten Dinge"

Manche Ihrer Kunstwerke brauchen Jahrzehnte in der Vorbereitung. Wie bleiben Sie so geduldig?
Wissen Sie, wir arbeiten an mehreren Projekten gleichzeitig. Wir arbeiten nie nur an einem, das wäre frustrierend. Die Idee zu den "Floating Piers" ist aus den 1970ern. Wir haben versucht, das in Argentinien umzusetzen. Wir haben versucht, es in Japan umzusetzen. Schließlich haben wir es in Italien am Iseosee gemacht. Aber währenddessen haben wir auch an vielen anderen Projekten gearbeitet, etwa am Reichstag, am Pont Neuf.

Im Film erzählen Sie vor Schülern, wie sehr Sie "echte Dinge" mögen.
Ich will keinen Film darüber, dass man drei Kilometer auf dem Wasser laufen kann. Kein Bild. Kein Foto. Kein Gemälde. Es geht um die echten Dinge: das echte Weiß, die echte Trockenheit, den echten Wind, die echte Angst.

"Wir machen jedes Projekt nur einmal im Leben"

Gerade hat man das Gefühl, dass viele eher im Internet leben.
Das sind Scheinwelten. Dort fühlt man keine echte Angst. Das Drama, das man braucht, um Entscheidungen zu treffen. Man muss doch die Feuchtigkeit fühlen, die echte Hitze spüren, die Luft. Ich bin so begeistert von den echten Dingen.

Haben Sie ein Smartphone?
Nein. Ich mag es nicht mal zu telefonieren. Ich spreche gerne mit echten Menschen. Ich mache das hier, weil wir so beschäftigt sind. Aber normalerweise mag ich es, die Leute im Interview zu sehen. Ich weiß nichts über Computer, ich kann Computer nicht verstehen. Wir sind doch nur eine kurze Zeit auf der Welt. Und wenn man die Realität nicht genießt, dann ist das sinnlos. Deswegen machen wir jedes Projekt nur einmal im Leben. 



AZ-Kurzkritik: "Christo - Walking on Water"

Ein Künstler, gerade wenn er Christo heißt, ist ein Mythos. Und dem sollte man nicht zu nahe kommen, sonst kann er sich entzaubern. In "Christo – Walking on Water" sieht man den damals 81-jährigen als Wüterich, wenn jemand ihm bei der Planung widerspricht oder reinredet. Dann wieder ist er wie ein spielerischer Junge, wenn er den Aufbau bestaunt. Oft sieht man ihn extrem nervös, aber immer als charmanten Medienprofi, der sich scheu gibt.

Die Italiener wiederum sind im Film gar nicht so bürokratisch, dann, als mehr als doppelt so viele Besucher kommen, überfordert, letztlich aber immer enthusiastisch. Am Ende ist Christo auch nicht entzaubert, sondern ein ganz sympathischer, etwas unduldsamer Großvatertyp, der über seine Kunst sagt: "Unsere Werke sind alle komplett nutzlos. Wir schaffen sie nur, weil wir sie gerne anschauen möchten".

Der Künstler ist kein Übermensch, sondern ein alter Spieler

Der Film von Andrey Paounov ist bei alledem auch amüsant, besonders in einer Szene, in der ein Millionär – von seiner Frau geschickt – ein Bild bei Christo kaufen soll: Geld spielt keine Rolle, Ahnung auch nicht. Etwas schade aber ist, wovon er zu wenig zeigt oder was er verschweigt: die Proteste gegen das Projekt, weil es unter anderem mit Geld des Rüstungsmilliardärs Beretta finanziert wurde, der im Lago d’Iseo seine Privatinsel hat.

Oder dass zeitweise Tausende umkehren mussten, weil der Verkehr zusammenbrach oder wegen Überfüllung und Regenstürmen die "Floating Piers" gesperrt waren. Auch fehlen längere Vogelperspektiv-Bilder die die ganze Landart-Ästhetik hätten zeigen können. Auch flaniert der Film nie länger mit den Menschen über die wunderbar sanft mit den Wellen schwingenden Schwimmstege, um für den Kinozuschauer das besondere Gefühl des "Walking on Water" einzufangen. 

 

Hier mehr lesen: Christo in London: "The Mastaba" schwimmt im Hyde Park

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