"Krank" - Die AZ im Kino mit Münchner BDSM-Fans

Die AZ hat mit drei echten BDSMlern den Kino-Hit „50 Shades of Grey“ geschaut. Das Ergebnis: Der Film vermittelt ein fragwürdiges Bild einer Sadomaso-Beziehung. Das Fazit.
| Tim Wessling
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Nicht nur im Kino ein Kassenschlager: "Fifty Shades of Grey"
Universal Pictures Nicht nur im Kino ein Kassenschlager: "Fifty Shades of Grey"

München - Der Kinosaal ist voller Vanillas. Wenn sich alle auf eine Eis-Sorte einigen müssten, würde am Ende Vanille raus kommen. „Vanillas“ sind in den Augen von Martina, Patrick und Marvin (alle Namen geändert) Menschen mit einem normalen Sexleben. Also Menschen, die sich im Schlafzimmer nur ungerne mit voller Wucht auf den Hintern hauen.

Martina, Patrick und Marvin sind von „JungeSMünchen“, der jungen Münchner BDSM-Community. Sie nehmen Platz im Kino 6, Reihe M, Platz 17 bis 20. Der Saal ist rappelvoll. Es riecht nach Damen-Parfum.

Ein Erkennungszeichen der BDSMler: Der Ring der O

Auf der Leinwand wird gleich der Hype-Film des Jahres laufen: 50 Shades of Grey. Später werden sie ihn für die Abendzeitung kommentieren (siehe Texte unten). Patrick trägt einen Kapuzenpulli von einem Stadtlauf, Marvin sieht mit seinem schwarzen Jackett ein bisschen aus wie ein Geheimagent, und Martina schält sich gerade aus ihrer schlammgrünen Jacke. Nein, optisch unterscheiden sich die drei nicht vom Rest des Kinosaals. Man muss schon nach Indizien suchen. Marvin und Martina tragen zum Beispiel den „Ring der O“: ein kleinerer Silber-Ring, befestigt an einem größeren Ring. Ein Erkennungszeichen der Szene. Wer es auffällig mag, trägt ihn am Hals. Das Pärchen hat ihn am Finger.

Gerade läuft noch Werbung. Ein rotes Auto wird an kunstvoll verknoteten Seilen an die Decke gezogen, eine Dame in Lack fordert mit Peitsche zum Kauf auf. Jeder zweite Spot ist voller Anspielungen auf den SM-Film. Die drei seufzen. Die Werbeindustrie bedient sich ihrer Symbolik, ihrer Erotik. „Das ist okay und sogar sehr gut für uns“, erklärt Marvin. „Wenn die Werbung unsere Kultur mit etwas Positivem assoziiert, haben wir etwas erreicht.“

Insofern müsse man dem Film, dem Buch und dem Hype dankbar sein. Er habe die Praktiken, die sich einst nur in Schlafzimmern der Community abspielten, salonfähig gemacht. BDSMler trauen sich heute offener, über ihre Neigung zu reden, konfrontieren andere schneller damit.

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Und: „Ein Treffen mit der Presse wäre vor drei Jahren nicht drin gewesen. Heute schon“, erklärt Marvin.

Die Praktiken sind „harmlos“ – aber etwas anderes stört

Alle drei haben das Buch gelesen. Alle drei wissen, was sie erwartet. Trotzdem sind sie gespannt. Denn ihnen ist bewusst, dass sich viele junge Paare von den Bildern auf der Leinwand inspiriert fühlen und die Sexshops der Stadt stürmen werden. Sollten sie das? Die einstimmige Meinung der drei: „Ja, aber auf keinen Fall so wie im Film.“ Grundsätze der Szene werden missachtet, die Motivation von Hauptfigur Christian Grey sei falsch. Der sei „krank“.

„Die Praktiken sind harmlos“, sagt Patrick. Den Szene-Kennern ist etwas anderes viel wichtiger: Ist Ana mündig genug, um so drastisch über ihre Sexualität zu entscheiden? Und sind die Beweggründe des dominanten Christian Grey noch im Rahmen? Hauptkritikpunkt der SMler: Die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwimmen. Christian Grey verarbeitet sein persönliches Trauma im Schlafzimmer, lässt gar seine Wut an seiner Partnerin aus. Und das ist etwas, was im echten Leben höchst bedenklich wäre.

 

„Wut? Niemals im Spielzimmer!“

Marvin, 35: „Christian Grey bezeichnet sich als dominant. Aber er ist ein purer Sadist. Kein erotischer, sondern ein pathologischer. Das ist falsch. Niemals sollte man seine Wut im Spielzimmer auslassen.

„So einen Sadisten würden wir am Stammtisch ausfiltern“

Grey ist die Sorte Sadist, die wir an unserem Stammtisch ausfiltern würden. Klar, was im Schlafzimmer passiert, können wir nie wirklich rausfinden, aber würde ich diese Geschichte im echten Leben hören, hätte ich nur einen Rat: Geh zum Arzt. Als dominanter Part hat man die größte Verantwortung. Doch Grey kauft Ana. Er manipuliert sie außerhalb des Spiels und ist dabei unfähig zu kommunizieren.

Härtere Spielarten sind natürlich okay, allerdings muss er sie vorher warnen, wie weit er wirklich gehen kann – und sie über seine Beweggründe aufklären. Er sagt selbst: „Ich bin abgefuckt.“ Gefährlich ist er obendrein.

Wir werden übrigens oft gefragt, ob der Sklaven-Vertrag im Film realistisch sei. Das ist er durchaus, aber nur sehr wenige wollen so etwas wirklich und dann vor allem wegen der Symbolik. Rechtlich ist so ein Vertrag natürlich absolut irrelevant.“

 

„Vom Ende bin ich enttäuscht“

Martina, 24: „Bevor ich mich unterwerfe, muss ich mich erst mal emanzipieren. Wie soll ein junges Mädchen wissen, worauf sie steht, wenn sie noch Jungfrau ist? Googeln – so wie im Film – reicht nicht aus. Auch dass Christian seine Ana selbst entjungfert, finde ich unverantwortlich. Das ersetzt keine sexuelle Selbstfindung.

Theoriemäßig sind Buch und Film gut recherchiert und vermitteln Grundsätze, die uns in der Szene wichtig sind: Die ,Safe Words’ und Kondom zum Beispiel. Leider gibt der Film diesen Dingen nicht genug Raum, die wir unter ,Safe, Sane, Consensual’ zusammenfassen.

Andere Sachen gehen gar nicht. Betrunken wird nicht gespielt. Punkt. Auf Fetisch-Partys wird auch kein Alkohol ausgeschenkt. Beide Partner müssen vollkommen klar im Kopf sein.

Außerdem trennen wir Spiel und Realität voneinander. Christian Grey lebt seinen Kontrollzwang auch außerhalb des Schlafzimmer aus. Die wenigsten wollen so eine Rund-um-die-Uhr-Beziehung, bei der die Motivation des Dominanten auch noch unklar ist.

Deshalb bin ich vom Ende ein wenig enttäuscht. Als Ana abstürzt, hätte der Film klarer machen sollen, dass das mit Erotik nichts mehr zu tun hat. Sondern ein krasser Fehler von Christian war, der Ana seine Gefühle hätte erklären müssen.“

 

„Das Stalking schockiert mich“

Patrick, 26: „BDSM ist ein komplexer Vorgang im Kopf. Es geht um Dominanz und Unterwerfung, aber eben auch um die so genannte ,After Care’, also das Kuscheln und Auffangen nach der Session. Kaum zu glauben, aber SMler schmusen mindestens genau so viel, wie sie sich schlagen.

Grey lässt Ana nach dem Spiel einfach alleine, erklärt nichts und lässt sich noch nicht einmal anfassen. Ein absolutes Unding bei uns. Noch viel wichtiger als die Session ist die Zuneigung danach.

So fängt man sich wieder auf und verhindert einen Absturz. Das Spiel ist eine Extremsituation, die man nicht unterschätzen darf.

Am meisten schockiert mich die Darstellung von Greys Stalking. Selbst das bekommt im Film noch eine erotische Komponente – doch es ist einfach nicht in Ordnung.

Wenn der devote Part aus dem Spiel aussteigt, ist er draußen. Der Dominante muss das respektieren und darf seine Partnerin danach nicht durch das halbe Land verfolgen.

Abgesehen davon: Einen Normalo in eine SM-Beziehung einzuführen, geht eigentlich immer schief. Und wenn, dann sollte das ein Prozess von mehreren Monaten sein. Da kann noch so oft die Frage ,Bist du wirklich bereit dafür?’ in den Film geschnitten werden. Fakt ist, dass Christian seine unerfahrende Partnerin vollkommen überrumpelt.“

 

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