Kinokritik zu "Greenland": Wer wird gerettet - und wer nicht?

Ein packender Katastrophenthriller, der sehr gut in die Zeit passt: "Greenland" mit Gerard Butler.
| Florian Koch
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Eine Szene aus dem Katastrophenfilm "Greenland".
Eine Szene aus dem Katastrophenfilm "Greenland". © Courtesy of STXfilms

Bei der Bewerbung um das Unwort des Jahres gibt es 2020 so einige Kandidaten. "Systemrelevant" gehört mit Sicherheit dazu. Ein Ausdruck, der gerade Familien während des Lockdowns traf - denn Künstler und in ähnlich angeblich nicht systemrelevanten Branchen arbeitende Menschen mussten sich ganz hinten anstellen, bis ihre Kids wieder in den Kindergarten durften.

Katastrophenfilm "Greenland": Start vorverlegt

Eine vergleichbare Selektion findet man nun wieder in dem packenden Katastrophenfilm "Greenland", den Kinobetreiber als so systemrelevant für ihre Branche empfanden, dass der Verleiher Tobis auf ihr Bitten hin den Start noch auf den letzten Drücker um eine Woche vorverlegte.

Millionen Menschen durch Kometen bedroht

In "Greenland" geht die Brisanz um die Systemrelevanz aber noch ein Level weiter, denn es stehen gleich Millionen von Menschenleben auf dem Spiel. Ein in Anlehnung an den Science-Fiction-Autor Clarke benannter Komet rast auf die Erde zu, ein Naturschauspiel, sicherlich, wenn es nicht den Haken gäbe, dass sich die Wissenschaftler beim Einschlag verrechnet haben. Die gewaltigen Brocken des Himmelskörpers krachen nacheinander nämlich nicht ins Meer, sondern auf Land und Städte.

Die US-Regierung weiß, dass den Menschen nun ein ähnliches Schicksal wie einst den Dinosauriern droht - hat aber vorgesorgt, mit gewaltigen Bunkern, die leider in Grönland liegen und nur einem Bruchteil der - nun ja, "systemrelevanten" - Amerikanern Zuflucht bieten.

Gerard Butler als Auserwählter der US-Regierung

John Garrity (Gerard Butler) zählt dazu: Er ist Bauingenieur und wird so später beim Wiederaufbau ja gebraucht, wenn die Städte Trümmerfeldern gleichen. Die Regierungsnachricht, ein Auserwählter zu sein, wird John während des Kindergeburtstags seines Sohnes Nathan (Roger Dale Floyd) auch auf den Fernseher übermittelt - und alle eingeladenen Eltern und Kinder können sie sehen.

Dem versierten Regisseur Ric Roman Waugh ("Angel Has Fallen") gelingt es, diese bittere Situation, dieses Wissen der anderen nicht dazuzugehören und eben nicht systemrelevant zu sein, in beklemmend realistische Bilder zu kleiden.

Bedrückende und realistische Bilder

Bedrückend ist auch die daran anschließende Szene, als John mit seiner von ihm eigentlich getrennten Frau Allison (Morena Baccarin) und dem gemeinsamen Sohn in Richtung Militärbasis zu den bereits wartenden Flugzeugen aufbricht und verzweifelte Nachbarn am Auto rütteln, damit wenigstens ihre Tochter mitgenommen wird.

Ihr Waterloo erleben die Garritys dann aber auch, in der Militärbasis, als Allison mitgeteilt wird, dass ihr Sohn als Diabetes-Patient für einen Transfer nicht infrage kommt. Den rettenden Flieger dürften schließlich nur "gesunde Amerikaner" besteigen.

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Dieser Zynismus, der auch viel über die zerrüttete amerikanische Gesellschaft sagt, findet sich noch in weiteren Szenen, so wenn John bei all den Unruhen fast mit Achselzucken feststellt: "Die Plünderungen gehen aber schon früh los."

Flucht-Rettungs-Roadmovie mit Potential

In der Folge erzählt Waugh vor allem davon, wie die Familie auseinandergerissen wird, wie Allison mitansehen muss, wie ihr Nathan von einem scheinbar normalen Pärchen plötzlich entführt wird und John sogar zum Mörder mutiert, um den letzten Hoffnungsschimmer nicht zu verlieren: einen privat gecharterten Flieger zu erreichen, der von Kanada aus eine Gruppe Eingeweihter nach Grönland ausfliegt.

Und auch wenn nicht jeder Special-Effects in diesem Wettlauf gegen die Zeit, dieser Actionvariante von Lars von Triers intellektuellerem "Melancholia" auf Roland-Emmerich-Niveau ist und sich die Familien-Zusammenführung gegen Ende im Klischee verliert, hat dieses Flucht-Rettungs-Roadmovie durch ein verwüstetes Amerika doch die Kraft, die Spannung und die Brisanz, um auch das Mainstream-Publikum endlich wieder ins Kino zu locken.


Kino: Cinemaxx, Royal sowie Gloria, Mathäser (auch OV) und Museum (OV)
Regie: Ric Roman Waugh
(USA, 119 Min.)

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