Joseph Vilsmaier wird 75 - ein Interview

Wenn die Kamera in die Vergangenheit blickt: Der Regisseur Joseph Vilsmaier feiert heute seinen 75. Geburtstag. Im Gespräch erinnert er sich an die Kindheit, den Weg zum ersten eigenen Film und das gerade Wesen der Anna Wimschneider
| Adrian Prechtel
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Joseph Vilsmaier mit Carolin Reiber auf der Wiesn.
dpa 4 Joseph Vilsmaier mit Carolin Reiber auf der Wiesn.
Der Regisseur Josef Vilsmaier und seine Ehefrau, die Schauspielerin Dana Vavrova. Sie starb 2009 im Alter von nur 41 Jahren.
dpa 4 Der Regisseur Josef Vilsmaier und seine Ehefrau, die Schauspielerin Dana Vavrova. Sie starb 2009 im Alter von nur 41 Jahren.
Joseph Vilsmeier mit seiner Partnerin, der BR-Moderatorin Birgit Muth.
dpa 4 Joseph Vilsmeier mit seiner Partnerin, der BR-Moderatorin Birgit Muth.
Joseph Vilsmeier und seine Töchter.
dpa 4 Joseph Vilsmeier und seine Töchter.

Ein intimes Geburtstagsfest? Nein, Vilsmaier haut auf den Putz und feiert heute mit hunderten Gästen in Ottobrunn in einem Hangar des Helikopter-Service seines Freundes Hans Ostler. Aber Vilsmaier beteuert. „Ich zahl’ das alles selbst!“ Heute aber ist der Regisseur, der Mitte der 80er für „Herbstmilch“ vom Kameramann zum Filmemacher wurde, erst einmal mit der Zahl 75 konfrontiert.

AZ: Herr Vilsmaier: 75! Ist das eine Zahl, die Sie beunruhigt?

JOSEPH VILSMAIER: Nein, man läuft ja nicht durch den Tag und denkt dauernd: „Oh Gott, ich bin 75.“ Nein, das passt schon.

Aber man kann einen großen Bogen zurückschlagen.

Ja, ich habe einzelne Erinnerungen sogar noch an Kriegsnächte.

Sie sind ja in München geboren, ehe Sie als Kind nach Niederbayern kamen.

Und ich erinnere mich an das Bild von den vielen Kinderwagen vor dem Hochbunker in Obersendling. Dorthin sind wir mit meiner Tante von Thalkirchen aus hoch gerannt. Für mich war der Kinderwagen in der Angst dieser Bombennächte wie eine Schutzburg.

Ist das auch ein Grund, weshalb Sie sich viel in Ihren Filmen mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben?

Sicher. Wenn ich zum Beispiel an meinen Film „Stalingrad“ denke, hatte der auch etwas mit meiner Familie zu tun. Mein Vater hatte drei Brüder, die alle dort gefallen sind.

Sie haben versucht, den Wahnsinn des Krieges filmisch einzufangen.

Ich erinnere mich an den Dreh genau. Ich hatte einen Unfall und wir haben wirklich in der Kälte gedreht, am Polarkreis bei 30 bis 40 Grad minus. Wenn es dann noch windig war, hat man sich noch so warm anziehen können, es war trotzdem grausam und elend, zum Verzweifeln.

Danach mussten Sie wieder etwas lustiges machen, „Charlie und Louise“ – Erich Kästners „Doppeltes Lottchen“...

...aber dann gleich wieder „Schlafes Bruder“ und die Verfilmung von Sigi Sommers „Und keiner weint mir nach“.

Der Film ist damals ein bisschen untergegangen...

Ja, das ist nicht immer gerecht. Aber die Ponkie hat in der AZ geschrieben: „... wahrscheinlich Vilsmaiers bester Film.“ Da bin ich heute noch stolz drauf.

Dann kam 1997 der Riesenerfolg der „Comedian Harmonists".

Dabei haben mich viele gewarnt: „Was willst Du denn mit denen. Da gibts CDs für drei Mark zu kaufen, weil das Ladenhüter sind.“ Und am Ende hat sogar das Weiße Haus eine Kopie angefordert, weil Präsident Clinton ihn sich anschauen wollte. Der Film war damals sein Lieblingsfilm und den Zeitungsartikel darüber aus er Washington Post habe ich heute noch.

Hat es eigentlich den Punkt gegeben, wo sie als Kameramann gesagt haben: Jetzt langt's, jetzt drehe ich selbst!

Nein, das war keine bewusste Entscheidung. Aber 1985 hatte ich die Kamera an einem nasskalten Tag in der Bretagne aus dem Wagen gehoben und es hat einen Knacks getan – an meinen Bandscheiben. Ich bin dann zur Erholung – heute sagt man Reha oder Wellness – dahin gefahren, wo ich aufgewachsen bin – auf einem kleinen Hof zwischen Eggenfelden und Pfarrkirchen und hab mich mit ein paar Bauernbuben aus der Umgebung getroffen, mit denen ich als Kind befreundet war.

Es war also eine Tour zu Ihren Wurzeln...

Ja, und ich fahr' da vorbei und sehe einen Bauern auf'm Feld, den ich von früher her eben kannte, und halte an. Und der erzählt: „Du, da gibt's eine verrückte Bäuerin in Schönau drüben, die hat ein Buch geschrieben. Und da kommt euer Hund, der Spitz Schockerl vor.“ Bin sofort nach Passau in die Buchhandlung, hab's gleich im Hotel noch gelesen, das Telefonbuch genommen und alle Wimschneiders durchtelefoniert. Die dritte Nummer war der Treffer. Es war halb zehn abends, da sind die schon im Bett, weil sie so früh raus müssen... Aber der Albert Wimschneider hat gesagt: „Kimmst um elfe, um halb zwölfe gibt's Essen...“ Es war Sonntag, ich bin vorbei gekommen und erst um halb acht abends wieder weggefahren. Erst haben sie gelacht, aber dann hatte ich sie überzeugt, dass ich aus „Herbstmilch“ einen Film machen will.

Aber Sie hatten doch von Produktion, Kalkulationen gar keine Ahnung...

Aber ich hab’ mir gedacht: Ich versuch's und wenn's nichts wird, mach' ich halt wieder Kamera weiter und zahle so die Schulden ab...

Und wenn Sie sich überfordert hätten?

Das hätte man dann schon gesehen. Und damals waren ja schon 100 000 Bücher verkauft.

Und die Anna Wimschneider wurde zu einem Star. Hat sie das verändert?

Nein, als ich mit ihr beim Gottschalk war, kommen wir auf die Bühne, und sie sagt: „Herr Gottschalk, jetzt hab ich mein Tascherl vergessen...“ und geht zurück hinter die Kulisse...

Aber Anna Wimschneider ist ja reich geworden durch ihr Buch und den Film...

Bei einer Premiere in Hamburg wurde sie aus dem Publikum gefragt, ob sie jetzt reich sei? „Ja, jetzt hamma was. Vorher hamma nix g’habt“, hat sie gesagt und ihr Mann hat ihr heimlich einen kleinen Tritt gegeben, weil er das nicht wollte, dass die Leute das wissen.

So war „Herbstmilch“ doch der Wendepunkt für Sie.

Dabei habe ich damals anfangs nicht einmal eine Filmförderung bekommen.

Wissen Sie, warum?

Weil ich beim Antrag in allen Sparten „Vilsmaier“ reingeschrieben habe, weil ich ja alles selbst machen musste. Da haben die gedacht: ein Verrückter! Aber es stimmte ja, ich habe alles selber gemacht, die Locations gesucht, alte Dreschmaschinen aufgetrieben...

Hat Ihnen niemand geholfen?

Den damalige Landrat von Rottal-Inn, Ludwig Mayer, hab' ich aufgesucht. Und der hat gesagt: „Du, ich bin a guter Fotograf.“ Der wurde dann Setfotograf und wusste, wer was Passendes hatte für den Film. Ich bin monatelang rumgefahren, bin zu Rosshändlern und jeder wusste,oder hatte irgendwas...

Und dann war es Ihr erster Film als Regisseur, der gleich einschlug!

Am Anfang sind wir nur mit 40 Kopien gestartet. Aber am Schluss hatten 2,5 Millionen Menschen den Film, gesehen.

Und was haben Sie jetzt, 25 Jahre später, gerade gedreht?

Ich war in Brasilien für einen Spielfilm, in dem Fußball eine Rolle spielt und wir in die Favelas rein mussten und im Maracanã-Stadion haben wir auch gedreht. Aber jetzt schneide ich gerade einen Film über Österreich.

So im Stile ihres letzten Dokumentarfilms „Bavaria – Traumreise durch Bayern“?

Ja und wieder sind viele Szenen aus der Luft aufgenommen, aber mehr als bei „Bavaria“ auch am Boden.

A propos „am Boden“ der Tatsachen ist auch ihr heutiger 75. Geburtstag.

Ja, und den feiere ich jetzt erst einmal kräftig.

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