Jemals oder Niemals? Dieser bewegende Dokumentarfilm ist für einen Oscar nominiert

Garrett Bradleys bewegender Dokumentarfilm "Time" über das US-Unrechtssystem.
| Michael Stadler
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Sibil und Rob, bevor er ins Gefängnis gehen muss - für absurde, grausame 60 Jahre.
Sibil und Rob, bevor er ins Gefängnis gehen muss - für absurde, grausame 60 Jahre. © Amazon Studios

Eine Frau am Telefon, freundlich, ruhig, geduldig. Immer wieder versucht Sibil Richardson zu dem Richter vorzudringen, der mit dem Fall ihres inhaftierten Mannes betraut ist. Immer wieder lauscht sie dem "Freizeichen", bis sie eine Sekretärin am Apparat hat. Die könnte sie durchstellen, einen Moment bitte... Lange Stille am anderen Ende der Leitung. Dann wird Sibil abgewimmelt, auf den nächsten Montag vertröstet, vielleicht tut sich ja dann etwas.

Das Ehepaar beging einen Banküberfall

Es tut sich: nichts. Damit der Zuschauer einen Hauch der Frustration mitbekommt, den Sibil Richardson bei ihren Anrufen verspürt, lässt Regisseurin Garrett Bradley einige dieser Anrufe ohne Schnitt durchlaufen, so dass man gemeinsam mit Sibil ausharrt. Wie zäh die Zeit verstreicht, wie lange sich Sekunden dehnen können, es ist fast nicht zu ertragen. Pars pro toto stehen diese Szenen für ein wesentlich längeres Warten: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Rob und einem Neffen beging Sibil Richardson, Spitzname Fox Rich, 1997 einen bewaffneten Banküberfall. Ein Paar in ihren Zwanzigern waren sie damals, wollten in Shreveport, Louisiana, ihren eigenen Kleiderladen aufmachen, gerieten aber in finanzielle Schwierigkeiten, so dass sie kurz und schicksalhaft in die Kriminalität abdrifteten.

Sie kam nach dreieinhalb Jahren frei, er muss 60 Jahre absitzen

Die Räuber wurden geschnappt; Sibil, die den Fluchtwagen fuhr, ließ sich auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein und wurde auf zwölf Jahre Haft verurteilt, kam bereits nach dreieinhalb Jahren wieder frei. Das Urteil bei Rob lautete: sechzig Jahre Gefängnis, ohne Möglichkeit auf Bewährung. Sechzig Jahre Lebenszeit in "Angola" also, so der Spitzname des "Louisiana State Penitentiary", wo Rob inhaftiert wurde, nach einem Überfall, bei dem kein Mensch ums Leben kam. Ob ein weißhäutiger Mensch jemals so eine Strafe bekommen hätte?

"Erfolg ist die beste Rache"

Eine weitreichende politische Anklage ist Garrett Bradleys Dokumentarfilm "Time" geworden und gleichzeitig das Schwarz-Weiß gedrehte Porträt einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Zwanzig Jahre lang hat Sibil Richardson um die Freilassung ihres Mannes gekämpft, unermüdlich telefoniert sie weiter, hält öffentliche Vorträge, in denen sie als "Abolitionistin" ein Justiz- und Gefängnissystem anprangert, das in seinem Rassismus an die Zeit der Sklaverei erinnert und auf drakonische Bestrafung, nicht auf Rehabilitation aus ist. In ihren Reden gibt sie anderen Verwandten von Inhaftierten Mut. "Erfolg ist die beste Rache", stellt sie da fest, und auch wenn ihr Mann weiterhin im Gefängnis sitzt, hat sie es doch geschafft, sechs Kinder alleine großzuziehen und erfolgreich Karriere als Besitzerin eines Autohandels zu machen.

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Sechs Kinder zog Sibil alleine groß

In eingestreuten Home-Videos, die Sibil einst selbst gedreht hat und zwar für Rob, der das Verpasste zumindest in Bildern nachvollziehen können soll, sieht man sie kurz nach Abbüßen ihrer Haftstrafe: eine junge Frau, die vier Söhne erziehen und bändigen muss und hochschwanger mit Zwillingen ist. Freedom und Justus wird sie die zwei nennen, wobei Justus nicht auf "Justice" anspielt, sondern auf das "Just us" ("nur wir") einer Familie, die zusammenhält. Es bedarf dann nur eines Schnitts, schon sieht man die Zwillinge, gerade noch klein im Kindergarten, schon groß in der High School. Wie schnell doch die Zeit vergeht.

Zuhause steht ein Abbild aus Pappe

Dass unsere eigenen Taten die Zeit beeinflussen, sagt Sibil einmal. "To do time" ist der englische Begriff dafür, wenn jemand im Gefängnis seine Zeit absitzt. Sibils Besuche im Gefängnis zeigt der Film jedoch nicht, er nutzt seine Zeit anders, schaut lieber zurück, zeigt zum Beispiel Rob als jungen Mann in Sibils Homevideos. Oder als Pappkameraden, den sie zu Hause aufstellt, als zweidimensionale Präsenz zur Erinnerung, dass er weiterhin am Leben ist, nur an einem anderen Ort, vielleicht als Hoffnungsschimmer, das er zurückkommen wird.

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Ein aufwühlender Film

"Time" rüttelt in aller Ruhe auf, ist still und bewegend, lässt zwischendurch Wolken langsam vorbeiziehen, so, wie alles in Bewegung ist, nur eben manchmal unmerklich. Sibil jedenfalls gibt die Hoffnung nie auf, sie und der Film sehnen sich nach einem Happy End. In achtzig Minuten kondensiert "Time" zwanzig Jahre und nimmt sich dennoch Zeit, spielt mit ihr, spult am Ende einfach ein paar schöne Momente zurück.

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