"James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben": Frauen leben länger

Mit eineinhalb Jahren Verspätung tritt Daniel Craig in "Keine Zeit zu sterben" ein letztes Mal als James Bond an - in einem Film der starken Frauen.
| Philipp Seidel
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Nur noch als Beifahrer unterwegs? Lashana Lynch als neue Agentin 007 und Daniel Craig als James Bond, der eigentlich schon im Ruhestand sein wollte.
Nur noch als Beifahrer unterwegs? Lashana Lynch als neue Agentin 007 und Daniel Craig als James Bond, der eigentlich schon im Ruhestand sein wollte. © Nicola Dove / Danjaq / MGM

Jahrzehntelang hatte James Bond eine Schwäche für Frauen. Jetzt sind die Frauen seine Schwäche: Erst war der britische Geheimagent ernsthaft (und verständlicherweise) verliebt in Eva Green als Vesper Lynd (in "Casino Royale" und "Ein Quantum Trost"). Das ging tragisch aus.

In "Skyfall" war er noch mal ganz der alte Frauenverbraucher. Dann trat in "Spectre" Léa Seydoux als Dr. Madeleine Swann in sein Leben - und wieder muss Daniel Craig als 007 nicht nur auf seinen eigenen Hintern, sondern auch auf den seiner Freundin aufpassen. Da wird man schnell erpressbar.

"Keine Zeit zu Sterben": James Bond im Ruhestand

Dabei fängt es für ihn in "Keine Zeit zu sterben" so hübsch an: James Bond ist im Ruhestand (worunter man sich nicht das Leben eines deutschen Durchschnittsrentners vorstellen darf) und verbringt mit seiner Geliebten Madeleine angenehme Tage in süditalienischen Gefilden, im malerischen Matera, der europäischen Kulturhauptstadt 2019 in der Basilikata.

Aber bevor es zur großen Rosamunde-Pilcherisierung kommen kann (ab und zu hat man doch Angst), stellt Madeleine fest: "Solange wir immer wieder über unsere Schulter schauen müssen, ist die Vergangenheit nicht tot." Und Bond schaut sich immer wieder um, ob da nicht Böses lauert. Und als es wirklich knallt, setzt er sie in den Zug und sagt: "Du siehst mich nie wieder." Und wie immer, wenn dieser Satz fällt, sieht man sich ganz sicher wieder.

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Das mit dem Wiedersehen war bei 007 ja lange Zeit unsicher. "Keine Zeit zu sterben", der 25. Bond-Film und der fünfte mit Daniel Craig (53) in der Hauptrolle, sollte schon im April 2020 im Kino anlaufen - dann kam Corona. Die Produzenten lehnten es aber ab, den Film als Stream zu veröffentlichen. Sehr zur Freude der Kinobetreiber, die dringend einen Kassenschlager brauchen. Und das wird dieser Film ziemlich sicher, auch wenn er manch eingefleischten Bond-Fan sanft enttäuschen wird.

Nach der Trennung von Madeleine (Bond lebt inzwischen sehr angenehm auf Jamaica, wo auch der 007-Erfinder Ian Fleming eine Villa hatte) trifft Bond auf eine ganze Reihe anderer Frauen. Denn dies ist ein Film der starken Frauen, die zudem - bemerkenswert - nicht zeitgeistig künstlich ins Drehbuch hineingeschraubt wirken.

Naomie Harris hat als Eve Moneypenny eine kleinere Rolle als gewohnt. Dafür arbeitet Bond mit der zunächst niedlich-nervösen, dann aber schlagkräftigen Agentin Paloma (Ana de Armas) zusammen, die dann dramaturgisch ungeschickt plötzlich aus dem Drehbuch verschwindet und mehr Raum verdient hätte. Und er lernt seine 007-Nachfolgerin beim MI6 kennen: Lashana Lynch als Agentin Nomi (eine Wucht!).

Billie Eilish liefert James Bond-Titelmusik

Eine Frau lieferte auch wieder das Titellied: Billie Eilishs "No Time To Die" ist eine viel zu stille Herzschmerz-Geschichte, die mit den klassischen Bond-Motiven spielt, aber für einen Bond-Soundtrack viel zu farblos und zurückgenommen ist.

Die Männer spielen in "Keine Zeit zu sterben" fast durchgehend die zweite Geige: Bonds Ex-Chef Mallory (Ralph Fiennes) steht nur viel mit gerunzelter Stirn vor Monitoren. Das nerdige Waffenwunderkind Q (Ben Whishaw) kann mit seinen Technik-Spielereien diesmal auch nicht richtig aufdrehen. Und "Spectre"-Oberbösewicht Blofeld kommt - so völlig überflüssig - nur am Rande vor: Christoph Waltz hat hier eine reine Sitzrolle im Hochsicherheitsgefängnis, angeschnallt wie Hannibal Lecter in seinem Käfig.

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Und wer ist der klassische Bösewicht diesmal? Oscar-Preisträger Rami Malek sieht trotz narbiger Maske immer ein bisschen aus wie das finstere Gegenstück zur Kindlichen Kaiserin in der "Unendlichen Geschichte". Aber gut: Wenn Q jung sein darf, dürfen es die Fieslinge auch, nur müssen sie so ein Bürschchen sein? Verglichen mit dem grandiosen Javier Bardem aus "Skyfall" bleibt Rami Malek einfach zu blass. Sein Safin will - guter alter Größenwahn - mit einer wirklich fiesen, weil ansteckenden Bio-Waffe (vor Coronazeiten konzipiert) alles menschliche Leben auf der Welt auslöschen.

Es gibt natürlich wieder viele sehr schöne Schauplätze (und einen nicht so schönen für den allzu verballerten Showdown), sowie Actionszenen mit allerlei Automodellen aus dem Hause Aston Martin und diversen Motorrädern, natürlich auch Verfolgungsjagden und Schießereien - aber eben auch einige romantische Szenen, die Bond als einen Mann zeigen, der sich klassisch binden will. Dazu kommen Anspielungen auf frühere und sehr frühe Filme. Um das alles zusammenzubringen, braucht Regisseur Cary Fukunaga enorme 163 Filmminuten, die aber keinen Moment langweilig sind.

Auch sonst ist dieser Film anders als seine Vorgänger: So emotional wie jetzt bei Daniel Craig durfte Bond bisher nur 1969 bei "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" sein, als der Einmal-Bond George Lazenby den Agenten verkörperte und am Ende seine frisch angetraute Tracy verlor - im Auftrag Blofelds.

James Bond als häuslich-familiärer Typ

In "Keine Zeit zu sterben" sehen wir James Bond also als häuslich-familären Typen. Die Frage ist, ob ein Übermensch wie James Bond überhaupt soziale Bindungen haben kann. Als James Bond muss man unabhängig sein, am Morgen in Jamaica aufwachen und am Abend in Hongkong mit einer Frau ins Bett gehen. Darauf beruht ja der Bond-Mythos. Sobald sich 007 mit Eigelbflecken auf der Krawatte herumschlagen muss, funktioniert das nicht mehr. Außerdem wird er als liebender Mann erpressbar, was für einen Geheimagenten äußert schlecht ist.

"Keine Zeit zu sterben" markiert nun also den Abschied von Daniel Craig als James Bond. Und diese Ärea ist wirklich auserzählt. Denn mit Craig verlor Bond zuerst alles Spielerische und wurde auch zum geschundenen Schmerzensmann. Dann psychologisierte man ihn durch bis zur Menschlichkeit. Jetzt - in "Keine Zeit zu sterben" - ließ man ihn noch an Ehe und Familie glauben. Weil danach nichts mehr kommen kann, gibt es die Möglichkeit eines kompletten Neustarts.

Viel wurde spekuliert: Wer wird der nächste James Bond? Vielleicht ein schwarzer Schauspieler? Oder eine Frau? Oder gar eine schwarze Frau - wie Lashana Lynch?

Die Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson schließen das aus. Bond werde ein Mann bleiben! Dessen Darsteller wird keine leichte Aufgabe haben: Er muss James Bond in die nächste Ära überführen - sicher modern, aber vielleicht eben doch auch wieder ein spielerischer Macho? Denn "Bond" ist eben eine alte, klassische Marke.


Regie: Cary Joji Fukunaga (GB, 163 Min.)

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