Iris Berben: "Schöne Beziehungen statt Ehe"
Wie gut Regisseur Marc Rothemund und Autor Richard Kropf zusammenarbeiten, haben sie bereits bei "Wochenendrebellen" bewiesen, der sich mit über einer Million Tickets als Hit im Kinoherbst 2023 erwies. Jetzt hat Rothemund für "Ein fast perfekter Antrag" zwei deutsche Kinogrößen vor die Kamera geholt: Iris Berben und Heiner Lauterbach. Es ist eine romantische Komödie für die Liebe 60-plus.
Iris Berben spielt eine leidenschaftliche Kunstgeschichtsprofessorin, die zwangspensioniert werden soll. Unter ihren Studenten taucht plötzlich ein "alter Freund" als Seniorenstudent auf, der an seine alte Liebe noch einmal anknüpfen will, auch wenn sein Antrag vor 40 Jahren fürchterlich schief gegangen war.
AZ: Frau Berben, Sie spielen eine selbstbewusste, die Freiheit liebende Frau. Wurde die Rolle für Sie geschrieben?
IRIS BERBEN: Ich habe die Rolle angenommen, weil ich mich in der Freigeistigkeit, Selbstbestimmung, Offenheit und Neugierde wiedererkannt habe. Ich fand auch, dass diese Rolle unerwartet ist für das Alter. Aber die Buchvorlage ist schon älter und Heiner Lauterbach war als erster im Spiel.
Sie sagen, dass diese Vitalität und Gegenwartsbezogenheit sehr selten bei Rollen für ältere Frauen ist.
Ja, dabei sollte genau dieser Typ viel öfter gezeigt werden. Es entspricht ja nicht nur mir und geht weit über den Typ "Frau mit 40" hinaus. Und ein Liebesfilm mit einer Frau über 70 ist auch nicht häufig. Es geht ja um die Sichtbarkeit von Frauen auf der Leinwand in diesem Alter. Hellen Mirren und Jane Fonda sind Beispiele, denen starke Rollen angeboten werden und die damit auch eine große Reichweite erzielen. Liebe, Sehnsüchte, Zärtlichkeiten, Sex - das alles hört ja im Alter nicht auf. Unsere Gesellschaft altert ja auch. Früher hat man ja auch "die Alten" gefragt, um etwas zu verstehen.

Mein Hasswort ist Cancel Culture
Das hat sich aber mit der Digitalisierung umgedreht. Jetzt fragt man die Jüngeren.
Ja, aber diese Techniken will auch ich noch verstehen und darüber alles wissen. Und die, die davor Angst haben, muss man auch mitnehmen, sonst wenden sie sich ab und wählen falsche nostalgische Versprechen. Und was Lebenserfahrung, Gesellschaft und Politik anbelangt, gibt es durchaus noch die Altersweisheit.
Aber dagegen gibt es dann wiederum Kampfbegriffe wie "alter weißer Mann".
Das ist natürlich eine Schublade und diskriminierend. Mein Hasswort ist "Cancel Culture", weil ich gedacht habe, dass genau wollten wir mit unseren Emanzipationsbewegungen nicht. Wir wollen Menschen mitnehmen und im Dialog bleiben und nicht Andersdenkende "canceln", denen manches zu schnell geht. Das ideologische Oktroyieren von Sprachänderungen hat viele verschreckt, anstatt erst einmal viel zu erklären und viele mitzunehmen. Das war dann eine Steilvorlage für die, die den Fortschritt umkehren wollen.

Wir ziehen uns nicht aufs Altergrau zurück
Was ist das Problem, einen Film mit Inhalten wie LIebe im Alter zu machen?
Keines. Wir müssen uns ja im Alter nicht ins Grau zurückziehen, können uns schön anziehen, auch bunt, ohne albern zu wirken. Lieber ein bisschen drüber sein.
"Ein fast perfekter Antrag" zeigt zwei Heiratsanträge. Ihre Figur lehnt sie ab, wenn auch nicht eine Beziehung als solche. Was ist denn die Schwäche eines bürgerlichen Ehekonzepts?
Ich habe ja bis heute nicht geheiratet, weil mir das Ehekonzept nicht gepasst hat. Ich bin in den 60er-Jahren sozialisiert und politisiert worden. Und da war Ehe eher ein Konstrukt, gegen das wir uns gewehrt haben, weil wir eine neue Welt schaffen wollten. Wir hätten damals als verheiratet Frauen kein Konto eröffnen dürfen oder eine Arbeit aufnehmen können ohne die Zustimmung des Ehemannes. Und ich bin - auch wenn sich vieles geändert hat - sehr gut ohne Ehe durchs Leben gekommen und hatte schöne langjährige Beziehungen.
Können Sie verstehen, dass für andere Frauen die Ehe eine erstrebenswerte Idee ist?
Sehr gut, weil ich ja auch kein Ehegegner bin. Vielleicht gibt das Menschen - zum Teil auch finanziell - Sicherheit. Aber das war nie meine Sicherheit. Aber wie schön, dass wir in einer Zeit leben, in der man sich entscheiden kann.
Es gibt - gerade auch in Sozialen Medien - eine starke Gruppe: die sogenannten Trad-Wifes, die sich ganz bewusst auf die dienende Haus- und Familien-Rolle zurückziehen.
Natürlich ist das erschreckend, und noch viel irritierender ist, dass zum Großteil auch Frauen Trump gewählt haben trotz seiner Biografie, was sein Verhalten gegenüber Frauen betrifft. Ich frage mich: Wie kann das sein? Aber damit ist klar: Alle emanzipatorischen gesellschaftlichen Fortschritte sind immer gefährdet, dass sie zurückgedreht werden. Also müssen wir das alles immer verteidigen und gegebenenfalls neu erkämpfen. Das habe ich in dieser Wucht auch nicht erwartet - bis hin zur Gefährdung der Demokratie selbst.
Warum verfängt das?
Ich kann das auch nicht erklären. Ich erschrecke, weil ich natürlich geglaubt habe: Frauenemanzipation und Demokratie sind unbestrittene Errungenschaften. Es ist ein Rückschlag. Sprachlos darf man da nur zwei Minuten lang sein, und dann muss man sich sammeln und Widerstand leisten und ganz laut werden.

Sie wäre gerne in "A Clockwork Orange" dabei gewesen
Sie selbst haben mal "A Clockwork Orange" als einen Ihrer Lieblingsfilme bezeichnet. Hätten Sie da selber gerne mitgespielt?
Aber natürlich. Man muss sich mal überleben, welche Filmbilder in einem oder in der Gesellschaft in Erinnerung bleiben: Da ist Stanley Kubrick natürlich ganz weit vorne.
Und heute?
Ich habe in "Triangle of Sadness" von 2022 mitgespielt. Der Film von Ruben Östlund ist für mich so ein Beispiel, weil er mit besonderen Bildern und Situationen sehr klug unsere Gegenwartsgesellschaft porträtiert: Eitelkeit, Materialismus, Kippen des Kapitalismus, Umkehr von Machtverhältnissen.
Man darf die Politik Israels nicht mit dem Volk gleichsetzen
Auf der Berlinale gab es große Unruhe, weil sich viele zum Gaza-Krieg positionierten oder positionieren sollten. Sind Sie selbst, die sich auch gegen Antisemitismus und Anti-Israel-Hetze einsetzen, nicht auch manchmal umgekehrt gefragt, wenn es darum geht, was in Israels Politik falsch läuft?
Entscheidend ist, dass man die Politik eines Landes nicht auf das Volk projiziert. Ich kenne so viele Menschen in Israel, die an der Politik ihres Staates verzweifeln, die sich dagegen engagieren. Die kann man doch nicht in Mithaftung nehmen. Und mein Herz blutet doch, wenn ich die Situation in Gaza sehe. Und natürlich versuche ich als jemand, dem man auch in Israel vertraut, meine kritische Haltung klarzumachen. Aber es ist alles furchtbar verhärtet, es wird sofort laut und hysterisch. Auch an Universitäten muss man einfordern, dass sie ein Raum sind, an dem man noch reden kann, diskutieren, und erklären.
Nun war die Revolte der 60er-Jahre an den Universitäten auch nicht immer tolerant und friedlich.
Klar, aber das muss man immer einfordern: Raum geben, um verschiedene Meinungen zumindest auszuhalten, anstatt dichtzumachen gegen Andersdenkende. Die Welt ist nicht "entweder oder". Ein tolles Spiel ist, Meinungskarten ziehen zu lassen, und jeder muss dann die Meinung vertreten, die draufsteht. Da würde man sich auch mal in etwas anderes hineinversetzen. Eine Grenze ist bei der Tolerierung aber natürlich Demokratiefeindlichkeit.
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