Immer auf der Fahrt zu sich selbst

Die Tragikomödie "Töchter" hat Witz, Tiefe und brutale Ehrlichkeit in allen Lebensfragen und ist spitze besetzt
| Margret Köhler
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Alexandra Maria Lara (links) als Martha, Josef Bierbichler als ihr Vater und Chaos-Single Betty (Birgit Minichmayr).
Alexandra Maria Lara (links) als Martha, Josef Bierbichler als ihr Vater und Chaos-Single Betty (Birgit Minichmayr). © Warner Bros

Zwei Mädels on the Road, zwei Freundinnen in der Mitte ihres Lebens: Martha (Alexandra Maria Lara) und Betty (Birgit Minichmayr) kennen sich seit über 20 Jahren. Martha ist verheiratet und versucht mit ihrem Mann angestrengt Familienplanung, während die biologische Uhr tickt.

Betty hingegen hält sich als Single nach einem Klinikaufenthalt mit Anti-Depressiva bei Laune und bringt sich immer selbst ins Abseits. Gerade als sie in Italien auf den Altar steigt, um den für sie lasziv am Kreuz hängenden Jesus näher unter die Lupe zu nehmen, klingelt das Handy. Martha bittet sie verzweifelt um Hilfe. Ihr kranker Vater Kurt (Josef Bierbichler) will in die Schweiz, um seinem Leben ein Ende zu setzen.

"Wer allein lebt, der denkt zuviel"

Martha ist schon seit Urzeiten nicht mehr Auto gefahren, deshalb soll Betty den Alten zum Ziel chauffieren. Die beiden holen ihn in Dortmund ab und los geht's im klapprigen Golf, Baujahr 1996. "20 Jahre unfallfrei", wie Kurt stolz betont, der das Rauchverbot an Tankstellen für "neumodischen Mist" hält und Zigaretten und Frauen für das ultimative Glück: "Wer allein lebt, der denkt zuviel".

Bald stellt sich heraus: Der Kerl will eigentlich gar nicht sterben, sondern seine Jugendliebe am Lago Maggiore wiedersehen, die ihn schon sehnsüchtig erwartet und liebevoll umtüddelt. Wer glaubt, das war's in diesem Film, irrt gewaltig. Jetzt geht das verrückte Roadmovie unter den Klängen des Schlagerohrwurms "Felicita" erst richtig los.

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Die Frauen eint die ungeklärte Beziehung zu ihren Vätern. Martha fühlt sich nie richtig akzeptiert vom lausigen Erzeuger Kurt, Betty trauert ihrem Stiefvater nach, der von einem Tag auf den anderen abhaute als sie zwölf war und seit Jahren gestorben sein soll.

Aber dann entdeckt sie ein Geheimnis um den Lebenden, das sie von Italien bis zur griechischen Insel Amorgos führt und in ein überraschendes Abenteuer."Wird das hier 'Thelma & Louise'?", fragt Betty mal ironisch.

Nein, so radikal wird es nicht. Der größte Gesetzesverstoß liegt darin, mal über Friedhofsmauern zu klettern oder die alte am Abhang hängende Karre stehenzulassen und sich mit den Nummernschildern zu verdünnisieren.

Witz, Tiefe und brutale Ehrlichkeit

Die unerwartete Reise ist gespickt mit Komplikationen, so manche Spur führt ins Nichts, so manche Fahrt in eine Sackgasse, so manche Hoffnung in die Irre. Aber irgendwann kommt auf der Kykladeninsel die Stunde der Wahrheit, gibt es kein Ausweichen oder Schönreden der Wirklichkeit mehr, heißt es Abschied nehmen von Illusionen, sich den eigenen Abgründen und Vaterfiguren stellen.

Regisseurin Nana Neul nähert sich in ihrer dritten Kinoarbeit dem Roman von Lucy Fricke, mit der sie gemeinsam das Drehbuch schrieb, mit Witz, Tiefe und brutaler Ehrlichkeit, hält sich an die durch die Vorlage vorgegebenen Motive, Betty als Off-Erzählerin wird zur starken Filmfigur. Im Mittelpunkt stehen Freundschaft, Väter, Abschiednehmen, Identitätssuche.

Mit einer Freundin an der Seite geht alles besser, so gelingt beiden ein individueller Befreiungsschlag, wenn sie sich ehrlich fragen, wo sie mit Anfang 40 eigentlich stehen.

Das nicht perfekte, aber umwerfende Frauenduo trägt die Handlung. Tragik und Komik, dazu eine Dosis Lässigkeit und Humor halten die Balance, wenn Gewissheiten bröckeln.

Einfach fabelhaft, wie am Ende im mediterranen Licht nach einem Innehalten das Leben mit Leichtigkeit und Lust wieder Fahrt aufnimmt. Drauf einen Ouzo!


Kino: Rio, R: Nana Neul (D, 122 Min.)

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