Kritik

Im Kopf des Täters: Russell Crowe als Göring in "Nürnberg"

Starbesetzt, packend, trivialisiert: Wie der Film von James Vanderbilt die Kriegsverbrecherprozesse gegen die Nazi-Größen auf ein Psycho-Duell zwischen Göring und dem US-Psychiater Douglas M. Kelley verdichtet
Florian Koch |
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Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse im Film von James Vanderbilt.
Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse im Film von James Vanderbilt. © IMAGO/Landmark Media

Wie heißt es so schön: Bilder sagen mehr als tausend Worte. Und wenn ein, zugegeben, abgegriffener Spruch mal zutrifft, dann auf das Werbeplakat von "Nürnberg". Ganz im Zentrum steht hier - der Blick streng, das Gesicht im Halbschatten - Russell Crowe in der hellblauen Fantasieuniform von Hermann Göring. Und falls bis dahin noch niemand die Bedeutung der Besetzung des Oscarpreisträgers zur Kenntnis genommen hat, folgt noch: "Russell Crowe ist Hermann Göring."

Die befremdende Überhöhung des Schauspielers und der NS-Größe passt zu diesem ambivalenten Film, der gleichsam Geschichtsstunde sein will, aber eben auch starbesetztes Unterhaltungskino. Und ja, so mancher Historiker dürfte bei den vielen Unstimmigkeiten Bauchschmerzen bekommen. Gedreht wurde nicht einmal in Nürnberg, sondern vor allem im Studio in Budapest. Dennoch ist es durchaus legitim, einen solch komplexen wie wichtigen Stoff einem breiteren, jüngeren, auch unwissenden Publikum zugänglich zu machen.

Das psychologische Kammerspiel, das in Deutschland stark verspätet in die Kinos kommt (der internationale Start war zum 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse im Herbst 2025), konzentriert sich auf ein Duell der Positionen und der Schauspieler. Vorlage für den Film ist Jack El-Hais Biografie "Der Nazi und der Psychiater".

Rami Malek und Russell Crowe in „Nürnberg“.
Rami Malek und Russell Crowe in „Nürnberg“. © IMAGO/Landmark Media

Beunruhigend normale Männer

Dokumentiert wird hier die Arbeit des Militär-Psychiaters Douglas M. Kelley (Rami Malek), der die Aufgabe hatte, vor den Nürnberger Prozessen psychologische Gutachten der 22 inhaftierten Schwerverbrecher zu erstellen. Sein Fazit: Bei den Nazi-Größen handle es sich keineswegs um Psychopathen, sondern um "beunruhigend normale Männer". Das war natürlich irritierend. Die Folge: Kelley wurde durch Dr. Gilbert (Colin Hanks) ersetzt. Der kam dann auch zu einem bekömmlicheren Urteil: Alle Angeklagten wären pathologisch, schlicht "Böse".

Der Film aber, unaufdringlich inszeniert von James Vanderbilt (Autor von "Zodiac"), konzentriert sich auf die Sichtweise von Kelley, sein Scheitern, sich dem öligen Charme des Hitler-Stellvertreters Göring ("Ich habe die beste Statur in Deutschland - fragen Sie mal meine Frau!") zu entziehen.

Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse im Film von James Vanderbilt.
Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse im Film von James Vanderbilt. © IMAGO/Landmark Media

Den ausgeprägten Hang zum Narzissmus teilt Kelley anfangs sogar mit Göring. Das wird bereits im Auftreten des Psychiaters mit schneidigem Ledermantel und lässiger Sonnenbrille klar. Auch die spannende Frage nach dem Warum, nach einer möglichen Entschlüsselung eines grundbösen Verhaltensmusters, hat bei ihm nichts Selbstloses: Mit einem Buch über das Innenleben der Nazigrößen wäre viel Geld zu verdienen, der Name Kelley weltweit bekannt.

Der Star als Faustpfand

Und Göring? Der spürt, dass hier einer ist, der ihm nahe ist, dem er vertrauen kann, dem er sogar verrät, dass er auch Englisch spricht und versteht. Bald aber soll dieser Kelley nicht nur herausfinden, wie diese in Mondorf in Luxemburg inhaftierten Überlebenden aus der NS-Führerkaste ticken, sondern auch noch spionieren, wie sie sich vor Gericht verteidigen wollen.

Russell Crowe als Göring in „Nürnberg“
Russell Crowe als Göring in „Nürnberg“ © IMAGO/Landmark Media

Hier springt der Film auf eine zweite Erzählebene, belässt es nicht bei einem psychologischen Duell. Die Bedeutung der Nürnberger Prozesse, bei denen erstmals Hauptverantwortliche von Kriegsverbrechen vor Gericht standen, für die spätere Rechtsprechung: Sie will der Film auch noch herausarbeiten - mit dem Chefankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon) als ihren Repräsentanten.

Bei all den Handlungssträngen, den vielen Figuren, muss zwangsläufig einiges unter den Tisch fallen, verkürzt werden. So bleiben auch die anderen Mitangeklagten bloße Randerscheinungen, konzentriert sich alles auf Göring. Und ja, auch auf Russell Crowe.

Russell Crowe als Göring in „Nürnberg“
Russell Crowe als Göring in „Nürnberg“ © IMAGO/Landmark Media

Der Australier sieht dem Reichsmarschall wahrlich nicht ähnlich, auch sein angelerntes Deutsch (im engl. Original) bleibt unfreiwillig komisch. Und doch ist der Star das größte Faustpfand des Films, weil es ihm gelingt, die Brutalität, Eitelkeit und Verschlagenheit von Göring kongenial zu vermitteln. Womit die Werbung für „Nürnberg“ mit ihrer Fokussierung dann doch nicht ganz falsch lag.

Kino: Leopold sowie Astor im Arri (auch OmU) Monopol (OmU), Museum (OV), R: James Vanderbilt, (USA, 148 Min)

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