Ihre beste Stunde: Bill Nighy berichtet im AZ-Interviw über seinen neuen Film

In "Ihre beste Stunde" spielt Bill Nighy einen Nebendarsteller von immenser Eitelkeit.
| Margret Köhler
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Drehbuchautorin Catrin (Gemma Arterton) hätte ruhig eine größere Rolle für Ambrose (Bill Nighy) entwickeln können – findet er.
Concorde Drehbuchautorin Catrin (Gemma Arterton) hätte ruhig eine größere Rolle für Ambrose (Bill Nighy) entwickeln können – findet er.

Bill Nighy, mit 67 Jahren einer der populärsten britischen Schauspieler, spielt in Lone Scherfigs "Ihre beste Stunde" den in die Jahre gekommenen Altstar Ambrose Hilliard, der sich mit einer Nebenrolle begnügen muss und am Set alle durch seine Egozentrik nervt. Scherfig fängt in ihrer romantischen Dramödie beides ein, die Unsicherheit und Angst während des Zweiten Weltkriegs und des Bombardements auf London und die Welt eines Filmteams, das mit einem patriotischen "Propagandafilm" die Moral der Bevölkerung stärken soll. Nighy stellte den Film vergangene Woche beim Filmfest München vor – jetzt kommt er ins Kino.

AZ: Mr. Nighy, was halten Sie von diesem selbstverliebten, aber auch charismatischen Ambrose Hilliard, der sich über die unpassende Rolle beklagt?
BILL NIGHY: Furchtbare Rollen kenne ich von meinen Anfängen. Sprechen wir nicht darüber, da muss man durch. Ich wollte immer schon mit Lone Scherfig drehen und so ein gutes und unterhaltendes Drehbuch wie zu "Ihre beste Stunde‘‘ ist rar. Man erfährt, wie das tägliche Leben damals ablief – in seiner Brutalität und Solidarität. Eine super witzige und berührende Rolle und ein großes bewegendes Thema, für mich eine wahre Killerkombination. Wer sich allerdings wie Ambrose am Set verhält, würde nach zehn Minuten im hohen Bogen rausfliegen, so etwas tolerieren die anderen nicht. Dieser Mann verdrängt wahnhaft sein Alter und hält sich immer noch für den wilden Verführer. Mit Ende dreißig, Anfang vierzig war ich noch ziemlich unsicher und fürchtete mich vor dem Alter, sobald ich in den Spiegel schaute. Diese Probleme sind passé. Ich bin inzwischen Großvater und habe schon manchmal einen Großvater gespielt, kann froh sein, wenn die Figur am Ende des Films noch lebt. Derzeit liegen zwei Drehbücher auf meinem Schreibtisch, in denen meine Figuren unter sexueller Funktionsstörung leiden. Was soll’s?

Stimmt es, dass Sie sich Ihre Filme nie angucken?
Dabei fühle ich mich nicht wohl, sondern richtig unglücklich, denke ständig, was habe ich da nur wieder gemacht. Warum sollte ich mich quälen? Ich kenne doch das Drehbuch aus dem Effeff, den Ton des Films und die Dialoge, weiß, was die Regisseurin wollte. Nur "Tatsächlich … Liebe" habe ich über die Jahre ab und an gesehen, das ließ sich nicht vermeiden, der läuft Weihnachten immer im Fernsehen.

Dieser Film brachte den recht späten Wendepunkt in Ihrer Karriere.
Und da war ich schon 54! Im Theater und später in TV-Serien spielte ich Hauptrollen, aber im Kino kannte mich niemand so richtig. Mit "Still crazy", in dem ich 1998 einen Rock’n’Roll-Idioten verkörperte, kam der erste Erfolg, darauf folgten annehmbare Angebote in Independent-Produktionen. "Tatsächlich… Liebe" war der absolute Durchbruch. Die Leute hielten mich plötzlich für einen großen Shakespeare-Darsteller. Statt sie in dem Glauben zu lassen, habe ich die Wahrheit gesagt, nämlich, dass ich nicht vom klassischen Theater komme, und da moserte man wieder: "Wer ist dieser Typ?". Keiner konnte mich einordnen. Aber durch diesen Film eröffneten sich neue Chancen. Ich wurde endlich "sichtbar" und "bankable", einträglich.

Seitdem drehen Sie fast jedes Jahr drei, vier Filme. Woher kommt Ihre Energie?
So stressig ist das nicht, vor allem, wenn man für ein Projekt brennt. Andere machen im Büro einen harten Job mit nur vier Wochen Jahresurlaub. Ich genieße mehrere freie Monate zwischen den Filmen. Dass wir uns als Schauspieler aufarbeiten, ist ein Vorurteil, wie die Vorstellung, wir seien alle egozentrisch und sexsüchtig.

Wie kommt es, dass die besten Kinoschauspieler im englischen Theater begannen?
Da lernt man das Handwerk von der Pike auf. Auf der Schauspielschule in den Siebzigern hieß es, das Theater würde uns für die Leinwand verderben – ziemlich naiv und kompletter Unsinn. Nur weil man in großen Häusern gespielt hat, heißt es nicht, dass man nicht vor der Kamera gut sein kann. Hollywood wäre undenkbar ohne die jüdischen Schauspieler mit Theatererfahrung, die aus Osteuropa, Deutschland oder Österreich ins Land strömten, andere Schauspieler kamen direkt vom Broadway. Schauspielerei ist Schauspielerei, egal ob auf der Bühne oder vor der Kamera.

Man nennt Sie "The Lovable English Gentleman", den liebenswerten englischen Gentleman. Gefällt Ihnen das Etikett?
Ich bin glücklich über jede positive Reaktion und natürlich über dieses Label: "english" ist okay, Gentleman sowieso, und liebenswert ist doch ein fantastisches Kompliment.


Regie: Lone Scherfig (GB 2016, 118 Min.)

Kinos: ABC Kino, Arena , Atelier, Gloria, Museum-Lichtspiele, Rio         

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