George Clooney: "Aber was ist mit dem Anstand?“
Was ist die Aufgabe eines Festivals? Jung bleiben! Einer hat das geschafft: Auf George Clooney, mit 65 Jahren eigentlich im klassischen Rentenalter, wartet immer noch ein großer Schwung Teenies am Roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema am Lido - seit dem frühen Morgen in zunehmend sengender Hitze.
„Der Löwe vom Lido“ hieß Clooney seit der Jahrtausendwende hier in der Presse, weil er als Superstar auch eine besonders gute Projektionsfläche für die Italiener war: mit Villa am Comer See quasi ein Wahlitaliener, dazu gutaussehend und lange Jahre ungebunden. Jetzt residiert er in einem kleinen Hotel am Canal Grande, und natürlich ist er charmant ergraut, sozusagen zum Silberlöwen mutiert. Und dass er jetzt für seine Karriere den Goldenen Löwen bekommt, ist da nur konsequent.
Clooney repräsentiert auch den „guten Amerikaner“ in Trump-Zeiten, verlässlich liberal. Er sieht die Midterm-Wahlen im November als Chance: „Wenn alles gut läuft, werden wir zu einer Situation größerer Normalität zurückkehren.“ Es sei absurd, wenn Grausamkeit zur Grundlage und zum Bestandteil der Unterhaltung gemacht werde.
Ein Film über Rupert Murdochs Blatt „The Sun“
„Das ist Kakistokratie“, sagte Clooney. Der Begriff bezeichnet die Herrschaft der Schlechtesten. „Aber was ist mit dem Anstand? Wo ist unser Sinn für Anstand geblieben? Wir werden auch das überwinden und daraus besser hervorgehen“, so Clooney.
Vor 20 Jahren hatte er „Michael Clayton“ hier gezeigt, in dem er einen Anwalt spielt, der gegen die Machenschaften der großen Food-Konzerne vorgeht: Eine Steilvorlage für eine italienische Journalistin, die prompt fragte, wie sich das mit seinem Nestlé-Engagement für Nespresso vertrüge. Clooney war nur die peinliche Erwiderung eingefallen, mit etwas müsse man ja sein Geld verdienen.

Tempi passati: Er ist da und wird gefeiert - auf der Eröffnungsgala, die mit „Ink“ von Danny Boyle am Anfang der 83. Mostra internazionale d’Arte cinematografica steht. Ein fantastischer britischer Film, weil er dem Zuschauer keine moralischen Vorgaben macht: Es geht um den Beginn des harten Boulevards: Der australische Außenseiter Rupert Murdoch (Guy Pearce) kauft ein belächeltes Außenseiterblatt in der vitalen britischen Zeitungslandschaft - und macht 1969 „The Sun“ innerhalb eines Jahres zum auflagenstärksten Blatt - weltweit.
Sein Chefredakteur ist Larry Lamb (Jack O’Conell), der bei einer frühen Redaktionskonferenz seine wilde Redakteurstruppe fragt, was sie denn privat so interessiere - und genau so die neue Zeitung konzipiert: Seiten über Pubs, Rauchen, Trinken und Spaßhaben.

Weil alle abends fernsehen, bekommt die Medienkonkurrenz Fernsehen 12 Seiten Print, im Sport darf auch Boxen nicht mehr fehlen, das Horoskop wird eingeführt, und weil alle vom Wetter reden, gibt es auch das - auf Seite eins. Die einzige Frau unter den Redakteuren (Claire Foy) verlangt eine Frauenseite und Sextipps - und bekommt sie. Gewinnspiele runden die Leser-Blatt-Bindung ab.
Die Büchse der Pandora
Da Murdoch konservativ ist, legt man sich mit den Gewerkschaften an und hofiert die Tories - bis Jahre später Margaret Thatcher in einer surrealen Szene Larry Lamb betrunken unter seinem Chefredakteursschreibtisch findet. Da hat die Redaktion längst die Zurückhaltung in der Royals-Berichterstattung aufgegeben und Mord und Totschlag zu Schlagzeilen gemacht, auch wenn das durch Behinderung von Ermittlungsvorgängen, zu Toten führt.
Danny Boyle - von dem auch Klassiker wie „Trainspotting“ oder „Slumdog Millionaire“ stammen - macht am Ende in einem Zeitraffer klar, wohin die Entfesselung des Boulevardjournalismus geführt hat: Boyle zeigt blitzartig Social-Media-Gedröhne, Twitter, Facebook, Influencer als Info-Nutten, Murdochs „Fox News“ als Wahrheitsverdreher.

Am Ende stehen die Fragen: Wäre es möglich gewesen, die Büchse der Pandora geschlossen zu halten? Kann man technische und gesellschaftliche Entwicklungen aufhalten? Und wenn nicht, gesetzlich besser regulieren, moderieren? Denn das zeigt der Film auch: Viele Entwicklungen sind auch eine Befreiung, überfällig und oft nur Spiegel und nicht treibende Kraft gesellschaftlicher Veränderungen.
Noch 20 weitere Filme starten im Wettbewerb der kommenden neun Tage. Werner Herzog - in Italien der größere Star als im eigenen Land - zeigt am Anfang „Bucking Fastard“ mit den Schwestern Kate und Rooney Mara - als Schwestern auch im Film, hier symbiotisch. Am Samstag feiert er seinen 84. Geburtstag.
Ein Film über Gerda Taro
Dazu passt, dass außer Konkurrenz Wim Wenders einen weiteren Künstler-Film zeigen kann: „Die Architektur des Peter Zumthor“. Und die große Nebenreihe „Orizzonti“ - hat mit „Das Mädchen mit der Leica“ eröffnet. Dass Regisseurin Alina Marazzi vom Dokumentarfilm herkommt, merkt man schnell, weil der Film über die Kriegsfotografin im Spanischen Bürgerkrieg, Gerda Taro, viel mit Dokumentarmaterial arbeitet, das in den Spielfilm in assoziativen Überblendungen einmontiert ist. Emilia Schüle spielt die junge Frau, die an der Seite von Fotografie-Legende Robert Capa stand - und hier zur gleichwertigen ikonografischen Künstlerin aufgebaut wird.

Das Problem ist nur: Der Film hat keine Dramaturgie und eine schlechte Personenführung, weil es Schüle und den anderen Schauspielerinnen und Schauspielern - wie Luna Wedler, Aaron Altaras - nie gelingt, behauptete Gefühle zeigen zu können. Vieles ist - trotz Montage-Gags und surrealen Zeitsprüngen - antifaschistische Folklore, oft Kitsch, bei aller gut gemeinten feministischen und republikanischen Haltung langweilig. Schade für diese große italienisch-deutsche Koproduktion, an der auch - neben dem ZDF - Maren Ades Komplizenfilm beteiligt ist.
Geht es auch ohne amerikanische Filme?
Wie schon in Cannes spürbar, hat auch Venedig keine großen US-Produktionen im und um den Wettbewerb. Das ist umso überraschender, da es dem Festival am Lido seit Jahren sehr gut gelungen war, als Auftakt der Oscar-Saison zu gelten. Dass Christopher Nolan seine Filme nicht auf Festivals startet, war bekannt, „Spider-Man“ hatte auch andere Marketing-Pläne, aber auf Tom Cruise in Alejandro Iñárritus „Digger“ hatte man gehofft. Und weil Venedig im Gegensatz zu Cannes sich vor Streaming-Produktionen nicht scheut, war auch „The Adventures of Cliff Booth“ von David Fincher erwartet worden. Drehbuch: Quentin Tarantino als Sequel zu „Once Upon a Time in Hollywood“ mit Brad Pitt.

Trotzdem: Nicht nur Clooney wird Hollywood und die angloamerikanische Starriege würdig vertreten. Robert Pattinson wird kommen, Dakota Johnson, Susan Sarandon sowie Orlando Bloom. Auch Ellen Burstyn bekommt noch einen Ehrenlöwen. Und wieder auf der Leinwand zusammen sind als europäisches Superstar-Paar Javier Bardem und Penélope Cruz in „Bunker“. Dann sind noch die Oasis-Brüder Liam und Noel Gallagher angekündigt für den Dokumentarfilm „Oasis“ mit dem Untertitel „Don’t Look Back in Anger“, weil es um die Wiedervereinigungstournee der Pop-Brüder 2025 geht.

Morgen sind erst einmal John Malkovich und Sam Rockwell für „Wild Horse Nine“ am Roten Teppich, einen CIA-Agentenfilm im Zusammenhang mit dem Putsch in Chile gegen Salvador Allende 1973.
So könnte das 83. Filmfestival von Venedig beweisen, dass es auch mal ohne ganz große US-Unterstützung geht. Auf Dauer funktioniert das aber sicher nicht, wenn man hier beim ältesten Filmfestival der Welt die Aufmerksamkeit der ganzen Welt möchte.
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