"Fritz Lang": Wahnsinn trifft Genie

In „Fritz Lang“ vermischen sich Tatsachen und Fiktion zu einem finsteren Psycho-Thriller. Die Filmkritik der Abendzeitung.
| Matthias Pfeiffer
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Stilecht mit Monokel: Heino Ferch als Regisseur Fritz Lang.
W-Film Stilecht mit Monokel: Heino Ferch als Regisseur Fritz Lang.

München - Allein in den ersten Minuten packt den Zuschauer das Entsetzen: In einem kargen Raum sitzt Peter Kürten – „der Vampir von Düsseldorf“ – und erzählt seelenruhig von einem begangenen Lustmord, wie andere Leute vom Sonntagsausflug berichten. Kürten, der Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine Serie bestialischer Morde bekannt wurde, weckt in uns aber nicht nur Abscheu. Wie es oft so ist, regt sich auch eine gewisse Faszination.

Als die Morde noch zum Tagesgeschehen gehörten, packte es auch Fritz Lang, einen der bedeutendsten Regisseure der Weimarer Zeit. Kürten wurde zum Vorbild des Triebtäters in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Der Film von 1931 gilt als einer der großen Klassiker der deutschen Filmgeschichte. Seine Entstehung wurde nun von Gordian Maugg in „Fritz Lang“ verfilmt. Um genauer zu sein: seine mögliche Entstehung, denn Maugg nimmt sich die Freiheit, die Story fiktional anzureichern.

„Fritz Lang“ ist also kein wirkliches Biopic. Vielmehr soll an einem realen Beispiel der Reiz des Abstoßenden und Unerklärlichen verdeutlicht werden. Tatsächlich wurde das Drehbuch zu „M“ schon vor der Verhaftung Kürtens fertiggestellt. Hier ist er daran beteiligt – zumindest als Inspiration für Lang aus gemeinsamen Gesprächen.

Stilistisch ist der Film eine Glanzleistung. Atmosphärische Schwarz-weiß-Bilder zeigen eine tristes Deutschland, das sich vor Angst krümmt. Dazwischen schon die ersten Hakenkreuzarmbinden, die eine noch düsterere Zukunft andeuten. Dazu streut Maugg immer wieder Filmschnipsel aus dieser Zeit ein, auch aus „M“. Lang wird hier großartig von Heino Ferch verkörpert: Der Regisseur hat jetzt genug von seinen Monumentalfilmen wie „Die Nibelungen“ oder „Metropolis“, er will einen Film über den einzelnen Menschen drehen. Koksend und kettenrauchend stürzt er sich in den Fall, gelangweilt von den noblen Abendgesellschaften.

Hinzu kommt, dass ihn seine eigenen seelischen Abgründe einholen: 1920 starb seine erste Frau durch einen Schuss aus seinem Revolver. Die Umstände konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Ebenfalls grandios ist die Darstellung von Samuel Finzi als Kürten. Er spielt ihn erschreckend normal und menschlich, jenseits überzogener Leinwandpsychopathen. Hier knüpft „Fritz Lang“ an „M“ an: statt ein kaltes Monstrum zu zeigen, behandeln beide Filme eine zerschundene Seele, die unter der Kontrolle ihrer Triebe stehen.

Peter Lorre verkörperte das damals unglaublich intensiv. Die Originalszene seines Schluß-Plädoyers aus dem Film von 1932 ist auch in diesem Bio-Pic in seiner ganzen packenden Heftigkeit zu sehen.

„Fritz Lang“ ist eine ins Mark dringende Verbeugung vor der Regie-Legende und seinem Meisterwerk. Vor allem weil Gordian Maugg ihn von einer ganz neuen Seite zeigt, als einen Menschen mit seinen inneren Dämonen.


R&B: Gordian Maugg (D, 104 Min.)
Kino: Monopol (heute: 19 Uhr, Podiumsgespräch mit Heino Ferch)


Wir verlosen zwei Fan-Pakete mit je einer Fritz Lang-Biografie von Norbert Grob, einer Blu-Ray von „M“ sowie zwei Kinokarten. Schreiben Sie bis morgen eine E-Mail mit dem Betreff „Fritz Lang“ an kultur@az- muenchen.de

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