"Frau Winkler verlässt das Haus": Unheimliche Zukunftsparabel

Drehbuchautorin und Regisseurin Doris Dörrie (71) schickt Schauspielerin Angela Winkler (82) als Frau Winkler ins Jahr 2030. In "Frau Winkler verlässt das Haus" (Kinostart: 1. Oktober) bekommt eine alte und unglückliche Schauspielerin von der Krankenkasse einen Pflegeroboter. Aus Abwehr wird Freundschaft. Doch die Maschine hat noch einen zweiten Auftrag.
Frau Winkler hat eigentlich schon genug verloren. Ihr Mann und Bühnenpartner Bruno (Josef Ellers) ist früh gestorben, ihre Tochter Emi (Laura Tonke) will endlich ihr eigenes Leben leben. Dann stürzt die ehemalige Schauspielerin und wird zum Pflegefall. Weil Emi mit der Situation überfordert ist, kommt Hilfe von unerwarteter Seite: Die Krankenkasse stellt einen humanoiden Pflegeroboter namens Pawlowitsch (Josef Ellers in einer Doppelrolle) zur Verfügung.
Frau Winkler ist zunächst alles andere als begeistert. Sie fühlt sich entmündigt und gedemütigt. Doch Pawlowitsch hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen menschlichen Pflegekräften: Er hat Zeit. Und er kann Tschechow rezitieren. Zwischen der alten Frau und der Maschine entwickelt sich eine Freundschaft, die zunehmend rührt - gerade weil Pawlowitsch nicht einfach als seelenloser Roboter funktioniert.
Eine Maschine mit erstaunlich viel Menschlichkeit
Doris Dörrie erzählt ihre Zukunftsgeschichte bewusst nicht als Science-Fiction-Spektakel. Das Jahr 2030 sieht in ihrem Film beinahe genauso aus wie unsere Gegenwart. Roboter bedienen im Café, helfen im Haushalt, gehen mit dem Hund Gassi oder übernehmen Pflegeaufgaben. Niemand wundert sich mehr darüber.
"Ich wollte das ganz beiläufig und alltäglich erzählen", sagt die vielfach ausgezeichnete Filmemacherin. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Films. Die Zukunft kommt hier nicht mit fliegenden Autos, sondern steht plötzlich neben dem Pflegebett.
Pawlowitsch wird dabei nicht digital erzeugt, sondern von dem österreichischen Schauspieler Josef Ellers (geb. 1988) verkörpert. Seine kontrollierten Bewegungen, das leichte Neigen des Kopfes, eine ausgestreckte Hand - aus winzigen Gesten entsteht eine erstaunlich glaubwürdige Beziehung. Dörrie sagt, man habe früh festgestellt, "wie entscheidend die Körpersprache ist".
Angela Winkler spielt gegen die Maschine an
Im Mittelpunkt aber steht Angela Winkler. Sie spielt Frau Winkler nicht als gebrechliche alte Dame, sondern als eigensinnige, verletzte und immer noch neugierige Schauspielerin mit Todessehnsucht. Doch sobald sie wieder spielen darf, scheint sie regelrecht aufzublühen. Für Dörrie ist das kein Zufall: "Beim Spielen sind wir hochkonzentriert und selbstvergessen. In diesem Zustand sind wir frei - das ist für mich die Beschreibung von Glück."
Diese Idee gibt dem Film eine zweite Ebene. Es geht nicht nur um Pflege oder künstliche Intelligenz, sondern darum, was einen Menschen auch dann noch ausmacht, wenn sein Körper ihn zunehmend im Stich lässt. Theater, Fantasie und Erinnerung werden zu Formen der Freiheit.
Gleichzeitig wird Pawlowitsch immer bedrohlicher. Er überwacht Frau Winklers Gesundheitsdaten und ist Teil eines Gesundheitssystems, das Effizienz über Individualität stellt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Maschine "menschlich" ist. Sondern: Wer entscheidet am Ende über den Menschen?
Dörrie will darauf ausdrücklich keine einfache technikfeindliche Antwort geben. "Wir sollten die KI weder komplett ablehnen noch ihr jubelnd zustimmen, sondern ihre Möglichkeiten genau betrachten und auch regulieren", sagt sie. Genau diese Ambivalenz macht "Frau Winkler verlässt das Haus" interessant.
Berührend, komisch - und manchmal ziemlich unheimlich
Der Film findet immer wieder den für Dörrie typischen Ton zwischen Melancholie und feinem Humor. Tschechow, alte Bühnenmenschen, die sehr genau beobachteten familiären Strukturen und Verletzungen sowie ein Roboter, der erstaunlich viel über menschliche Gefühle weiß, ergeben eine ungewöhnliche Mischung.
Die vielen großen Themen - Pflegekrise, pflegende Angehörige, Einsamkeit im Alter, KI, Trauer und Selbstbestimmung ("Mein Tod gehört mir!") - könnten den Film überladen. Doch Frau Winkler und der Roboter halten die Geschichte zusammen. Und wer mit dem einen oder anderen Thema des Films schon konfrontiert wurde, wird Inspirierendes in dieser Zukunftsparabel finden.