"Exit Marrakech" von Caroline Link: Konflikt auf Augenhöhe

Mit „Exit Marrakech”, einem Vater-Sohn-Drama, wird heute das Filmfest München eröffnet. In der AZ spricht die Regisseurin Caroline Link über die Dreharbeiten, Touri-Klischees und starke Frauen
| Margret Köhler
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Das Filmfest München hat Caroline Link noch in bester Erinnerung. 1996 lief dort „Jenseits der Stille”, Startschuss für ihre Karriere. Heute Abend präsentiert die Oscar-Preisträgerin „Exit Marrakech” im Mathäser um 19 Uhr als Eröffnungsfilm (geschlossene Veranstaltung, Wiederholung am Sonntag, 19.15 Uhr, HFF AudimaxX). In der Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts fetzen und versöhnen sich Ulrich Tukur und der erst 17-jährige Samuel Schneider.

AZ: Frau Link, warum spielt die Geschichte ausgerechnet in Marokko?

CAROLINE LINK: Bevor ich wusste, welche Geschichte ich erzählen wollte, wusste ich bereits, dass sie in Marokko spielen sollte. 1991 war ich frisch verliebt in Dominik (Graf, Links Lebensgefährte), und zusammen sind wir durch Marokko gereist. Der zweite Golfkrieg brach aus, und westlichen Touristen wurde nahe gelegt, das Land zu verlassen. Wir sind geblieben und hatten eine unglaubliche Reise. Zwanzig Jahre später wollte ich überprüfen, ob Marokko noch die gleiche Faszination auf mich ausstrahlt. Und auf dieser zweiten Reise habe ich mir die Geschichte ausgedacht.

Sie vermeiden touristische Klischees.

Man kann dieses Land auch heute noch auf vielen Wegen kennenlernen, man muss sich nur auf die Kultur einlassen und die Angst vor islamischen Ländern vergessen. Wir sind alle so vollgepumpt mit negativen Informationen. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und wollte keinesfalls Klischeebilder liefern, die man aus Kino und Werbung bis zum Abwinken kennt. Durch unser Team mit vielen Einheimischen konnten wir schnell hinter die Kulissen gucken.

Wie kam es zur Wandlung Ulrich Tukurs vom überheblichen „Zampano” zum Vater, der am Ende auch Schwächen zugibt?

Kinder und vor allem Jugendliche sind zuweilen recht hilfreich, wenn Eltern Gefahr laufen, sich allzu gemütlich in ihrem Alltag einzurichten. Wenn wir es zulassen und auch hinhören, ziehen sie uns immer wieder mitten ins Leben. Sie stellen alles in Frage und konfrontieren uns auch mit unschönen Wahrheiten. Manchmal sollten wir froh sein, wenn uns unsere Kinder nicht schonen. Das sind gute Kinostoffe.

Wie haben Sie Samuel Schneider entdeckt?

Bei den Dreharbeiten war er 17 Jahre alt, jetzt ist er 18. Meine Sorge beim Casting war zuerst, dass Samuel fast zu gut aussieht für diese Rolle. Im Drehbuch wurde ein unsicherer 15-Jähriger mit Pickeln und Zahnspange beschrieben. Aber Samuel ist eine Ausnahmeerscheinung mit Tiefgang und großer Sensibilität. Mit ihm fand ich es interessanter, einen Vater-Sohn-Konflikt auf Augenhöhe zu erzählen.

Das Filmfest München nennt sich in diesem Jahr ein Festival der starken Frauen. Sind Sie eine starke Frau?

Stärke ist eine relative Angelegenheit. In einer Führungsposition muss man sich als Frau auch trauen, Verantwortung zu übernehmen und seinen Willen durchzusetzen. Das ist anstrengend und damit macht man sich manchmal unbeliebt. In meinem Team arbeiten jedenfalls wahnsinnig viele Frauen. Allein Kamerafrau Bella Halben war in einem arabischen Land etwas Besonderes. Wenn sie die riesigen marokkanischen Beleuchter durch die Gegend scheuchte, stieß das schon auf Widerwillen. Die lassen sich nicht gerne von Frauen herum kommandieren. Wir Europäerinnen haben ziemlich für Verwunderung gesorgt. Was mir aber viel mehr zugesetzt hat, ist die Tatsache, dass ich während der viermonatigen Drehzeit meine Tochter nicht gesehen habe. Ich möchte nicht, dass mein Kind bei einem Babysitter aufwächst. Dominik war deshalb in der Zeit zu Hause und ist ein großartiger Vater, aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Weder in der Gesellschaft noch für mich. Ich muss mir meinen Alltag immer aus dem Herzen reißen, wenn ich so lange unterwegs bin. 

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