Netflix-Film über Jugendliche, die nicht mehr zusehen: "23.000 Leben"
"23.000 Leben" konnten sie mit der Iuventa retten - bis das Schiff beschlagnahmt und die Retter angeklagt wurden. Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg hat mit dem Dokumentarfilmer Michele Cinque das Drehbuch geschrieben, Sascha Girke war jahrelang Einsatzleiter auf der Iuventa.
AZ: Herr Girke, Sie waren bei den Einsätzen auf dem Schiff Iuventa mehrmals Leiter des Rettungsteams. Im Talmud steht der pathetische Satz: "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt". Haben Sie dieses Gefühl?
SASCHA GIRKE: Ja, das ist ein Gedanke, den ich größtenteils teile. Als Mensch muss man sehen: Da ertrinken jeden Tag Menschen auf der Flucht. Da muss man Empathie entwickeln, sich dann auf den Weg machen, andere treffen und ins Handeln kommen. Dann verändert sich auch die Welt.
Gibt es Dinge, die sich aus Ihrer Sicht nicht gelohnt haben an den Einsätzen?
Nein, denn diese Einsätze haben nicht nur Leben gerettet, sondern gezeigt: Es geht hier nicht um Zahlen, sondern um Menschen. Wir haben das Thema "Da ertrinken Tausende Menschen im Mittelmeer" in die Mitte der Gesellschaft gebracht und damit Fragen gestellt, wie: Was ist das für eine Gesellschaft, die das hinnimmt? Allein dafür hat sich alles gelohnt. Und das ganz unabhängig davon, wie realistisch und erfolgreich die Taten waren.

Sie wirken gar nicht wütend auf die Gesellschaft, die dieses Thema erst verdrängt hat und heute wieder eher vergessen hat?
Vielleicht täuscht das nach außen: Ich bin wütend. Aber weniger auf einzelne Menschen, sondern auf die Strukturen, die die Menschen so handeln lassen, wie sie handeln: Regierungen, Bürokratie, Europa. Ich meine, dass Milliarden Euro ausgegeben werden, damit Europa sich abschottet, während aktuell wieder mehr Menschen auf dem Mittelmeer sterben als in den Jahren unserer Einsätze. Aber es gibt eben auch Tausende Menschen in unserer Gesellschaft, die handeln.
Wie Sie auf der Iuventa.
Das geht ja weit über mich hinaus. Über 15.000 Einzelspenden hatten es überhaupt erst ermöglicht, dass die Iuventa im Einsatz sein konnte. Und das sind Spenderinnen und Spender, die darüber geredet haben - in der Arbeit, in der Familie, in der Schule - und so positive Energie erzeugt haben für eine humanere Zivilgesellschaft. Und wir, die wir auf dieser Mission waren, sind ja auch Teil der Gesellschaft, wirken in sie hinein. Es waren allein auf der Iuventa über 200 Menschen als Crew und die vielen Hundert Freiwilligen, die all die anderen notwendigen Dinge taten, um den Verein und die Mission zu ermöglichen und aufrechtzuerhalten. Wenn man die Zivile Flotte, also alle Schiffe von NGOs, die in den letzten zehn Jahren aktiv waren, zusammennimmt, dann sind das mehrere Tausend Menschen, die in Einsätzen waren und ihre Erfahrungen mit in unsere Gesellschaft tragen. Und dann kommen noch alle anderen hinzu: Organisatoren, Spendensammlerinnen, Juristinnen und Juristen und alle im Backoffice.

Herr Ziegenbalg, Sie haben das Drehbuch verfasst: Wie vermeidet man, dass so ein Film wie "23.000 Leben" ein propagandistischer Gesinnungsfilm wird?
OLIVER ZIEGENBALG: Bei so einem sensiblen Thema und Menschen, die auf diese Rettungsmissionen gegangen sind, will man so ehrlich und echt wie möglich sein. Auch wenn man verdichtet, weil es dramaturgisch funktionieren muss. Filmisch mussten wir beispielsweise aus den vielen Einsatzleiterinnen und "Heads of Mission" oder den Kapitäninnen und Kapitänen jeweils eine Figur machen, mit der der Zuschauer mitgehen kann. Aber natürlich habe ich erst einmal mit allen möglichst viel geredet und mir ihre Geschichte angehört. Wir wollten diesen Menschen gerecht werden und einen Film machen, der das Thema wieder in die Gesellschaft bringt, weil es eben immer noch aktuell ist. Geschätzte 1100 Menschen sind allein in diesem Jahr bisher im Mittelmeer auf ihrer Flucht ums Leben gekommen - und dieses Thema kann ein Netflix-Film wie unserer, wenn er millionenfach gestreamt wird, wieder bewusst machen.
Der Film heroisiert ja nicht, zeigt aber, wie gefährlich die Missionen sind.
Das war uns auch wichtig: zu zeigen, wie Milizen die Arbeit terrorisieren, die Behörden die Akteure von "Jugend Rettet" kriminalisieren, wie unsere Gesellschaft von Willkommenskultur teilweise auch wieder auf Angst und Ablehnung umgeschaltet hat, auch welche Rolle die Justiz und Politik spielen, auch wenn der Film ganz nah bei den Handelnden und den Erlebnissen von "Jugend Rettet" bleibt. Damit ich aber mit den "echten" Akteuren gut ins Gespräch kommen konnte, habe ich bei der Drehbuchentwicklung mit Michele Cinque zusammengearbeitet, der schon 2018 einen Dokumentarfilm über die Iuventa und ihre Mission gemacht hat. Er hat das Vertrauen hergestellt, dass wir das Thema nicht reißerisch ausschlachteten. Über Micheles Film sind wir auch überhaupt erst auf unser Spielfilmprojekt gekommen.
Herr Girke, haben Sie , wenn Sie den Film sehen, das Gefühl gehabt, dass die wahren Geschichten an gewissen Punkten ausgebeutet wurden?
SASCHA GIRKE: Uns allen war es am wichtigsten, dass die politische und gesellschaftliche Dimension behandelt wird. Und uns war es vor allem wichtig, die Perspektive der Menschen, die ans Mittelmeer geflohen sind - vor Armut, Folter, Gewalt, Perspektivlosigkeit - einzubeziehen.
OLIVER ZIEGENBALG: Ja, das war wünschenswert. Wir haben die Geschichten von jahrelanger Wanderung, Gewalterfahrung, Versklavung, Vergewaltigungen so weit wir konnten eingebaut. Im Zentrum unseres Films steht aber die Organisation "Jugend Rettet" ohne Glorifizierung, die aus unserer Gesellschaft gekommen ist.

Wer einmal bei so einer Rettungsmission mitgemacht hat, wird ein anderer Mensch, oder?
Ja, man sieht das ja auch in den Familien der Retterinnen und Retter. Beziehungen werden schwierig, Eltern müssen lernen zu verstehen, was diese Erfahrungen mit ihren Kindern gemacht haben, von denen man doch will, dass sie glücklich werden, studieren, ihr Leben weitermachen.
Herr Girke, wie haben Sie nach den Missionen von "Jugend Rettet" weitergemacht?
SASCHA GIRKE: Das ist keine abgeschlossene Geschichte, weder für uns noch für die Menschen, die weiterhin übers Mittelmeer fliehen müssen. Fast alle von uns haben in verschiedenster Form weitergemacht - die meisten machen weiterhin Seenotrettung, andere sind in der Politik aktiv oder in anderen NGOs, andere sind Ärztinnen und Ärzte geworden oder haben Jura studiert. Aber niemanden, den ich kenne, hat nach den Erlebnissen das Thema wieder losgelassen. Das ist, was direkte Aktion immer schafft: Dass Veränderung nicht nur da passiert, wo sie konkret wirkt, wie bei den Rettungseinsätzen, sondern sie wirkt in die Gesellschaft hinein. Übrigens auch in die Gegenrichtung: Weil es natürlich auch etwas mit den Tausenden Grenzpolizisten oder Bürokraten und Angehörigen der Patrouillen macht, die mit der Abwehr von Migration befasst sind, Menschen zurückweisen. Auch das wirkt ja in unsere Gesellschaft hinein.
OLIVER ZIEGENBALG: In Zeiten, in denen rechte und nationale Gesinnung beim Zeitgeist Oberwasser hat, ist so ein wahrhaftiger Film mit dieser Haltung richtig und wichtig.
14. Juli, 21.15 Uhr, Open Air auf der Seebühne im Westpark bei Kino, Mond & Sterne, 10,40 Euro, kino-mond-sterne.de. Das Filmteam ist anwesend.
Ab Freitag ist "23.000 Leben" bei Netflix streambar.
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