"Erlösung": Religionen als Schlüssel

So funktionieren gute Krimis: Jussi Adler-Olsens „Erlösung“ als dänische Verfilmung.
| Martin Schwickert
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Eine der finstersten Täterseelen, die man seit langem gesehen hat: Johannes (Paal Sverre Valheim Hagen).
NFP / Henrik Ohsten Eine der finstersten Täterseelen, die man seit langem gesehen hat: Johannes (Paal Sverre Valheim Hagen).

Dänemark ist ein tapferes, kleines Filmland, das eigene Erzählformen entwickelt und gegen Europudding und Hollywood-Mainstream verteidigt. Die Dogma-Bewegung der 90er Jahre mit ihrem minimalistischen Keuschheits-Gelübde verschaffte dem dänischen Kino Aufmerksamkeit. Seitdem überzeugen dänische Filme meist durch ihren nonkonformen Blick und eine Eindringlichkeit.

Das Spektrum reicht von den Dramen wie Susanne Biers Oscar-Gewinner „In einer besseren Welt“ über unorthodoxe Kostümfilme wie Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“ bis hin zu den düsteren Verfilmungen der Jussi Adler-Olsen Romane, die sich selbstbewusst in Konkurrenz zur schwedischen „Millienniums“-Trilogie stellen.

Film-Noir-Kommissar und gut ausgelotete Krimi-Möglichkeiten

Mit „Erlösung“ kommt nun nach „Erbarmen“ und „Schändung“ der dritte Teil ins Kino und beweist erneut, dass man sich an klug geschriebenen, unkonventionellen Charakteren nicht satt sehen kann.

Der von Nikolaj Lie Kaas gespielte Ermittler Carl Mørck ist vielleicht der finsterste aller Film-Noir-Kommissare. Zutiefst depressiv, subordinationsresistent und kommunikationsunfähig haben ihn die letzten beiden Fälle nur noch tiefer in die eigenen seelischen Abgründe stürzen lassen. Nach einer Auszeit kehrt er zurück in die Sonderabteilung, wo eine alte Flaschenpost auf dem Tisch liegt: Ein mit Blut geschriebener Hilferuf eines Jungen, der vor Jahren verschwunden ist, ohne dass die Eltern eine Vermisstenanzeige gestellt hatten.

Ein ähnliches Muster zeigt sich in einem neuen Entführungsfall aus Jütland. Die Eltern sind wie damals Mitglieder der freikirchlichen Gemeinde „Die Schüler des Herrn“, behaupten, die Kinder seien bei der Tante in Schweden und wollen sich dem rüden Kommissar nicht öffnen. Carls muslimischer Partner (Fares Fares) ist es, der über religiöse Vorurteile hinweg den Weg zur Zusammenarbeit ebnet.

Im Vergleich zu den ersten beiden Folgen hat „Erlösung“ weniger Tiefe und Spannungspotenzial, was daran liegt, dass Regisseur Hans Petter Moland uns Zuschauern einen großen Wissensvorsprung einräumt.

Die Beziehungsdynamik der beiden unterschiedlichen Ermittler hingegen funktioniert wieder ausgezeichnet. Der verbitterte Griesgram und der sanftmütige Kollege bilden ein Idealpaar, auch weil sich die Figuren immer wieder gegen mögliche Stereotypisierungen aufbäumen. Die Diskurse des nihilistischen Atheisten Carl und des moderaten Muslim Assad über Sinn, Zweck und Notwendigkeit eines Glaubens, der über die Grausamkeit des Diesseits hinaus verweist, geben dem Krimiplot ganz unprätentiös eine lebensphilosophische Fundierung.

Wie seine Vorgänger findet auch Moland mit einem Bootshaus im Wattenmeer eine interessante Showdown-Kulisse, deren dramatische Möglichkeiten gründlich ausgelotet werden. „Erlösung“ bietet solides nordisches Krimihandwerk mit einem nach wie vor interessanten, inkohärenten Ermittlerduo, dem man auch in Zukunft gerne bei der Arbeit zusehen wird.


Kinos: Atelier, Leopold R: Hans Petter Moland (DK, D, S, N, 112 Min.)

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