"Er ist wieder da": Führer gibt es überall

Die Verfilmung des Bestsellers „Er ist wieder da“ konfrontiert uns mit Adolf Hitler – und einem Grusel-Deutschland. Lesen Sie hier die Kino-Kritik der AZ.
| Michael Stadler
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Er ist wieder da: „Der Führer“ (Oliver Masucci) taucht vor einem Kiosk (Kioskbesitzer: Lars Rudolph) im heutigen multikulturellen Berlin auf.
Constantin Er ist wieder da: „Der Führer“ (Oliver Masucci) taucht vor einem Kiosk (Kioskbesitzer: Lars Rudolph) im heutigen multikulturellen Berlin auf.

München - Wer die Welt aus der Vogelperspektive betrachten kann, von oben, ist praktisch göttlich. Oder einfach tot. Hier gleitet die Kamera über Deutschland, fängt die Architektur ein, die Autobahn, an deren Ausbau er beteiligt war: Adolf Hitler, dessen Stimme man aus dem Off hört.

In die Perspektive des „Führers“ zwingt Regisseur David Wnendt den Zuschauer am Anfang von „Er ist wieder da“: Verschwommen sieht man die Umwelt, in die Hitler aus dem Himmel plumpst, Rauch und Laub um ihn herum und ein paar Berliner Kids vor seinen Augen: „Wer isn dette?“, fragen die sich. Und der Ankömmling ist selbst verwirrt, weil er gerade noch im Bunker steckte.

Eine vermessene Fantasie ist das, bei der manche sich automatisch fragen: „Darf man das?“ Der echte Adolf Hitler landet im Multikulti-Berlin, muss sich über die Welt von 2015 wundern. Die Welt wiederum wundert sich über ihn – glaubt aber schnell daran, ironietrunken wie sie ist, dass sie einen Comedian vor sich hat, der den Führer genial imitiert.

Aus dieser Idee hat Timur Vermes eine 2,3 Millionen Mal verkaufte Mediensatire gebaut. Im Film bekommt es Hitler mit einem Regisseur (Fabian Busch) zu tun, der mit Hilfe des vermeintlichen Parodisten seine Karriere ankurbeln will. Hitler wittert die Chance aufs Comeback, obwohl er das Fernsehen noch entdecken muss. Kochshows und viel Trash sieht er da. Wenn Hitler sich über solchen Blödsinn echauffiert, denkt man: Recht hat er.

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Das Kunststück aber, das Wnendt und seinem Hauptdarsteller Oliver Masucci gelingt, ist, dass einem dieser Hitler nie sympathisch wird. Vielmehr wird die Frage aufgeworfen, inwiefern Hitlers Blick auf unsere Welt nicht von allzu vielen geteilt wird. Das Filmteam hat für dokumentarische Szenen im „Borat“-Stil den falschen Hitler mit der echten Bevölkerung konfrontiert. Sie werden mit den Spielszenen gemischt. So steht Masucci als Hitler am Brandenburger Tor oder in Bayreuth als Maler in der Fußgängerzone, abfotografiert, angelacht, belächelt, kritisch beäugt, und manche geben Bemerkungen von sich, die zeigen, was für Ressentiments in den Köpfen lauern.

Am schlimmsten natürlich bei den NPDlern, zu denen sich das Team auch gewagt hat. Und es ist schon beängstigend komisch, wenn Masucci sich in die Stammtischreden integriert, um dann zum Abschied alle als „Nigger“ zu bezeichnen, weil Nigger ja heute, so hat es Hitler gelernt, für Freund steht. Da staunt der Neo-Nazi. Und man muss nicht nur in diesem Moment um Masucci bangen, der in seiner Rolle großes Improvisationstalent im Dienste der Entlarvung beweist.

Wie in seiner „Feuchtgebiete“-Verfilmung lässt Wnendt viele visuelle Einfälle zu, ähnlich wie in seinem Kino-Erstling „Kriegerin“ hat er keine Scheu, sich mit dem rechten Milieu zu beschäftigen. Um Macht geht es dabei nicht nur dort: Wenn Christoph Maria Herbst, der das Hörbuch zu „Er ist wieder da“ eingelesen hat, nun im Film als karrieregeiler TV-Produzent in eine Krise gerät, erzeugt Wnendt eine Atmosphäre wie im Führerbunker.

Herbst spielt dabei den Egomanen perfekt – aber hat man ihn nicht allzu oft in solchen Rollen gesehen? Irgendwann muss doch Schluss mit der Vergangenheit sein! Wenn am Ende manche Passanten Hitler den „Deutschen Gruß“ entgegen strecken, sieht man, dass manches überhaupt nicht richtig vorbei ist. Er ist wieder da – oder war nie ganz weg.

Kino: Arri, Astor, Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, Rio | Regie: David Wnendt (D, 110 Min.)

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