Ein Übermaß an Gewissheit

Lob für alle aufrichtig Glaubenden oder prokatholische Werbung? Martin Scorseses Schockdrama über Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts wirft einige Fragen auf.
| Andreas Günther
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Padre Ferreira (Liam Neeson) zog nach Japan, um die Bevölkerung zu missionieren.
2017 Concorde Filmverleih GmbH Padre Ferreira (Liam Neeson) zog nach Japan, um die Bevölkerung zu missionieren.
Im Japan des Jahres 1639 heißt es für Christen
: Abschwören oder sterben. Sie sollen in einem besonnten Gefängnishof ihren Fuß auf eine Platte mit Jesusbild setzen, eine "Formalie", mit der sie mit dem katholischen Credo brechen. Sie wollen nicht. Sie müssen zurück in die Zelle - bis auf einen. Ein Wächter beginnt mit ihm ein Gespräch, da kriecht unheilverkündend ein schmaler, schräger Schatten heran. Der Kämpfer, der ihn wirft, zieht sein Schwert und trennt dem Gefangenen den Kopf ab. Typisch Scorsese: Sogar in einem Film mit dem Titel "Silence" spritzt Blut. Es mag makaber klingen, dass in diesem Fall nicht das Abschneiden problematisch ist, sondern der Kopf. Beim lebenden Gefangenen war ein Auge zugeschwollen, das abgetrennte Haupt hingegen blickt aus beiden Augen wie erleuchtet und erlöst: "Silence" übertreibt es mit der religiösen Gewissheit. Vom Ideal des wahren Glaubens beseelt, wollen die Jesuitenpadres Rodrigues (Andrew Garfield, derzeit auch in "Hacksaw Ridge" zu sehen) und Garpe (Adam Driver) zu dem von ihnen bewunderten Padre Ferreira ( Liam Neeson) in Japan stoßen, um das buddhistische Land weiter zu missionieren. Obwohl die dortige Obrigkeit die Christen zu Tausenden abschlachtet und sich hartnäckig das Gerücht hält, Ferreira sei längst abgefallen und lebe als Japaner mit Frau und Kindern
. Ferreira begegnen sie zunächst nicht. Dafür aber vielen Bauern, die im Verborgenen die christliche Religion praktizieren. Die Padres, denen sie gar nicht genug beichten können, sind für sie Geschenke des Himmels. Nachts halten sie in Hütten außerhalb der Dörfer Gottesdienst. Schon bald müssen sie sich um mehrere Gemeinden kümmern. Doch Inquisitor
Inoue (Issey Ogata) ist misstrauisch und kommt den heimlichen Christen auf die Spur. Rodrigues und Garpe wollen sich stellen oder zumindest verschwinden, um ihre Gemeindemitglieder nicht zu gefährden. Die opfern sich lieber, als ihre Geistlichen zu verlieren. Doch für die Padres zieht sich die Schlinge zu. Inoue will mit ihrem Abschwören dem Christentum
in Japan die Wurzel ausreißen. Rodrigues ist fest entschlossen, standhaft zu bleiben. Doch was ist, wenn Christen
dadurch sterben? Das Katz- und-Mausspiel zwischen Jägern und Gejagten sorgt durch den ganzen Film für Spannung. Sein Hauptverdienst liegt gleichwohl im ersten Drittel. Auch wer nicht glaubt, wird fasziniert davon sein, mitzuerleben, wie ein Teil der eigenen Kultur in einer vollkommen anderen Kultur aufgenommen und gelebt wird. Und was für eine Kraft der Glaube verleihen kann. Nicht nur in dieser Hinsicht hält sich das Drehbuch von Martin Scorsese und Jay Cocks eng an die Romanvorlage des japanischen Autors Endo Shusaku, die sich wiederum auf Aufzeichnungen historischer Priester
stützt. Shusaku soll mit dem Ende der japanischen Verfilmung von 1971 nicht zufrieden gewesen sein. Scorseses "Slience" ist Endo näher, aber kritischer Kirchengeschichte umso ferner. Warum Gott zum Leiden der Christen in Japan schweigt, fragt sich Rodrigues immer wieder. Erstaunlich, dass er sich das nicht schon in Europa gefragt hat, wo zur selben Zeit im Dreißigjährigen Krieg Christen im Namen ihrer Konfession einander in unvorstellbarer Zahl massakrierten und ungeheures Leid über die Zivilbevölkerung brachten. Und was ist mit den Opfern der katholischen Inquisition? Mögen Rodrigues' seelische und körperliche Anfechtungen noch so ergreifend sein: Ein unschuldiges, einheitliches und moralisch überlegenes Christentum ist weder für das 17. Jahrhundert noch für eine andere Epoche State of the Art.
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