Kritik

Ein Star im Musikrausch: „Chopin - Eine Sonate in Paris“

Opulent, aber nicht ganz offen feiert den Komponisten, Pianisten und Frauenschwarm
von  Peter Gratz
Frédéric Chopin (Eryk Kulm) im ausgelassenen Tumult eines Pariser Salons.
Frédéric Chopin (Eryk Kulm) im ausgelassenen Tumult eines Pariser Salons. © Neue Visionen Filmverleih

Die Kamera fliegt in Nahaufnahme über eine Klaviatur und folgt dann einer Fliege, die einen am Fenster sitzenden jungen Mann mit schulterlangem Haar umkreist. Das ist Frédéric Chopin (Eryk Kulm), der sich in seiner Kontemplation in seinem Pariser Zuhause nicht stören lässt. Dann muss er aber hinaus mit Mantel, Handschuhen und Zylinder. Es ist 1835, der polnisch-französische Komponist ist bereits ein Superstar! Von überall her schallt es nur: „Chopin, Chopin!“

Die berühmten Mallorca-Episode mit George Sand (Joséphine de La Baume).
Die berühmten Mallorca-Episode mit George Sand (Joséphine de La Baume). © Neue Visionen Filmverleih

Den Kontrast zwischen dem privaten, ruhigen Genie und dem beliebten und charmanten Lebemann macht Regisseur Michal Kwiecinski in „Chopin - Eine Sonate in Paris“ zum Kern der Erzählung. Manchmal sind die Szenen fast überfrachtet von aufwändigen Kostümen, detailverliebt hergerichteten Räumen und unzähligen Komparsen. Der Film ist dabei keine biographische Nacherzählung, sondern eine nur sanft zu lang geratene Charakterstudie Chopins. Auch seine Freundschaft und Rivalität zu Franz Liszt (Victor Meutelet) werden beleuchtet. Chopin ist Dandy, verschwenderischer Lebemann, Liebling der Frauen und des Adels, die er alle mit seinem Talent und gewitztem Charme umgarnt.

Zeitgenössisches Porträt des polnischen Komponisten und Pianisten Frederic Chopin.
Zeitgenössisches Porträt des polnischen Komponisten und Pianisten Frederic Chopin. © picture-alliance / dpa

Eryk Kulm spielt nicht nur die Musik selbst, sondern verkörpert den Klaviervirtuosen mit großer Klasse. Es wird deutlich, wie anstrengend es ist, ständig die Fassade aufrechtzuerhalten - erst recht, nachdem Fryc, wie er von Freunden genannt wird, an Tuberkulose erkrankt.

Bei alledem hat der Film aber eine Tendenz zum überromantisieren - wie auf der berühmten Mallorca-Episode mit George Sand (Joséphine de La Baume). Zumindest zu Beginn wird diese Verbindung als leidenschaftliche Liebesbeziehung (Sex in der Kutsche) dargestellt. Die im Film erzählte Verlobung soll aber nie stattgefunden, seine Verbindung zu Sand platonischen Charakter gehabt haben. Und komplett ausgeblendet ist, dass Chopin mit sehr großer Wahrscheinlichkeit schwul war und Beziehungen zu Männern gehabt hat. Spürbar soll die polnische Großproduktion ein filmisches Denkmal für Polens Musikstar sein.

Der Film neigt ein bisschen zum Überromantisieren, aber man kann schwelgen.
Der Film neigt ein bisschen zum Überromantisieren, aber man kann schwelgen. © Neue Visionen Filmverleih

Mit Wohlwollen kann man einzelne Details als Hinweise auf die realen Umstände deuten - wie die innige Beziehung zu seinem Freund und Arzt (Michael Pawlik), der auch über Jahre - trotz Frau und Kindern - bei Chopins wohnte. Anhand seiner polnischen Familie, zu der Chopin ein ausgezeichnetes Verhältnis gehabt haben soll, wird der ein Konflikt zwischen den heimatlichen, traditionellen Erwartungen und dem Leben in der Pariser Salon-Gesellschaft deutlich.

Chopins größte Liebe und psychisch überlebenswichtig blieb aber die Klaviermusik - gezeigt auch in Chopins Funktion als Klavierlehrer und seine Fürsorge für das Wunderkind Carl Filtsch (Theo Grundmann Bréchet), der schon mit 15 Jahren starb.

Alles in allem ist „Chopin - Eine Sonate in Paris“ ein gelungenes, manchmal pathetisches Biopic, das trotz einiger Leerstellen ein interessantes und fein gearbeitetes Bild eines der größten Pianisten aller Zeiten zeichnet.

K: City, Leopold sowie Maxim (OmU)
R: Michal Kwiecinski (PL, F, 114 Min)

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