Ein Sklavendrama von Steve McQueen: Durch und durch perfide

Nahe an der Wahrheit und dem Schicksal eines freien Mannes, der versklavt wird: In „12 Years a Slave“ verhandelt Regisseur Steve McQueen intelligent und packend Geschichte und System der Sklaverei
| Adrian Prechtel
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Szene aus dem Film "12 Years a Slave"
Tobis Szene aus dem Film "12 Years a Slave"

Nahe an der Wahrheit und dem Schicksal eines freien Mannes, der versklavt wird: In „12 Years a Slave“ verhandelt Regisseur Steve McQueen intelligent und packend Geschichte und System der Sklaverei

Was man lange verdrängt, kommt als Neurose wieder hoch. Und die kann man dann nur noch therapieren – zum Beispiel durch Konfrontation. Das macht Hollywood zur Zeit im Umgang mit der „schwarzen Vergangenheit“ der USA.

"Lincoln", "The Butler" und "Django unchained" gingen voran

Vor 150 Jahren schaffte Amerika nach einem blutigen Bürgerkrieg die Sklaverei ab, aber noch in den 1960ern musste die schwarze Bevölkerung um Bürgerrechte kämpfen, und erst 2008 wurde ein Farbiger Präsident. So ist es kein Zufall, dass sich erst jetzt die US-Filmindustrie des Themas stärker annimmt: mit Spielbergs „Lincoln“, mit dem „Butler“ über Bürgerrechtsbewegung und Nachkriegspolitik oder Tarantinos „Django Unchained“ als intelligent satirischer Provokationsschocker über einen Ex-Sklaven auf Rachefeldzug.

Solomon wird aus unserer Welt gerissen

Jetzt rollt ein schwarzer Brite, Steve McQueen („Shame“), die US-Geschichte der Sklaverei in klassischer Drama-Form auf: Der Spannungsbogen umfasst das glückliche Mittelklasse-Leben des afroamerikanischen Geigers Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) an der US-Ostküste, der über Nacht in den Süden entführt und versklavt wird, und zwölf Jahre lang erlebt, was es heißt, völliger Entwürdigung und ständiger Lebensgefahr ausgesetzt zu sein. Das für uns Zuschauer unentrinnbar Fesselnde ist auch, dass Northup aus einer Welt gerissen wird, mit der wir uns identifizieren: städtisch, liberal, bürgerlich – und damit passiert es mitten unter uns.

Solomon landet bei einem besonders radikalen Plantagenbesitzer (Michael Fassbender), ein „Herrenmensch“, der viele Spielarten und Widersprüche des Rassismus’ durchspielt: ein Günstlingssystem, das jeden gegen jeden ausspielt, ein System der Angst und Abschreckung (mit willkürlichen oder drakonischen Strafen wie Auspeitschungen): alles, um Willen und Würde anderer zu zerstören, um Macht über sie zu haben und halten, um sie auszubeuten. Und alles geschieht unter einem schizophrenen Weltbild, das Christentum, Kapitalismus und Sklaverei sowie sexuelle Lust und verachtende Ausbeutung pervers zusammen bringt.

Geschunden, geschändet, missbraucht

Eine der schockierendsten Figuren ist dabei eine schon unfrei geborene Baumwollpflückerin (Lupita Nyong’o), die erst geschunden, dann geschändet zur Mätresse aufsteigt, um im folgenden Ehekonflikt des Herren wieder gedemütigt und endgültig zerstört zu werden. Sie repräsentiert im Gegensatz zur Geschichte Solomons den hoffnungslosen Schicksalsbogen der Mehrheit der Sklavenschicksale. Aber als Zuschauer dürfen wir mit Solomon wenigstens auf Rettung hoffen.

McQueen schafft subtil Parallelen zu "Schindlers Liste"

McQueen gelingt es, diese individuellen Geschichten grausam wahrheitsgemäß zu erzählen und dabei doch die allgemeinen Denk- und Handlungsmuster aufzuzeigen, die ein Sklavensystem möglich machen. In „12 Years a Slave“ wird auch das psychologische Prinzip gezeigt, dass ein System, das Widerstand und Menschen gebrochen hat, seine Macht auch ohne Stacheldraht und Zäune aufrechterhalten kann. Intellektuell auf positive Weise irritierend sind Parallelen zu „Schindlers Liste“: dass Gewalt in aller Offenheit stattfindet, dass von einer Veranda aus willkürlich, launisch über Leben und Tod entschieden wird. Am Ende wird der Zuschauer durch ein gebrochenes Happy End etwas erleichtert, aber nicht erlöst.

Kino: Arri, City, Münchner Freiheit sowie Eldorado (OmU), Mathäser (dt. & OF), Cinema OF, R: Steve McQueen, (USA, 135 Min.)

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