Kritik

Ein Selbstfindungsgeschichte auf dem Jakobsweg: „Die Camino-Therapie“

Ein Film aus Frankreich zeigt ein ungleiches Duo, das sich am Ende doch ziemlich ähnlich ist und sich beim Wandern vieler Dinge bewusst wird.
Sophia Willibald |
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Julien Le Berre als der rebellische Jugendliche Adam und Lehrerin Fred, gespielt von Alexandra Lamy.
Marie-Camille Orlando/PlaionPictures 3 Julien Le Berre als der rebellische Jugendliche Adam und Lehrerin Fred, gespielt von Alexandra Lamy.
Ungleiches Paar, das sich angleicht: Julien Le Berre und Alexandra Lamy.
Marie-Camille Orlando/PlaionPictures 3 Ungleiches Paar, das sich angleicht: Julien Le Berre und Alexandra Lamy.
Der Weg ist das Ziel. Der Film führt auf der Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört.
Marie-Camille Orlando/PlaionPictures 3 Der Weg ist das Ziel. Der Film führt auf der Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört.

„Laufen ist das Leben, stehen ist der Tod“, meinte meine Sportlehrerin zu mir, als ich ihr auf der Tartanbahn nicht schnell genug lief. Etwas dramatisch formuliert, aber dafür erinnere ich mich noch heute daran. Insbesondere dachte ich bei dem Film „Die Camino Therapie - finde deinen Weg“ des französischen Regisseurs Yann Samuell an ihre Worte.

Ungleiches Paar, das sich angleicht: Julien Le Berre und Alexandra Lamy.
Ungleiches Paar, das sich angleicht: Julien Le Berre und Alexandra Lamy. © Marie-Camille Orlando/PlaionPictures

Er erzählt die Geschichte zweier Menschen, die zunächst unterschiedlicher kaum sein könnten: Fred, eine Lehrerin und Mutter in ihren Fünfzigern, und Adam, ein Jugendlicher, der kurz vor einer Verurteilung zu einer Jugendhaftstrafe steht. Seine letzte Chance: ein Programm, das „Problemjugendliche“ zusammen mit Betreuern auf den Jakobsweg schickt. Dabei sollen die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst kennenlernen und - im besten Fall - wieder auf den richtigen Weg zu kommen.

„Die Camino-Therapie“ beruht auf einer wahren Geschichte: Frankreich bietet tatsächlich ein solches Resozialisierungsprogramm an - erfolgreich. Jugendliche, die drei Monate den Jakobsweg gelaufen sind, sollen danach seltener wieder straffällig werden.

Das möchte man auch bei Adam (Julien Le Berre) aus Yann Samuells Film erreichen. Der junge Mann ist in einen Teufelskreis aus Gewalt, Pflegeheimen, Schulverweisen und Jugendhaft geraten. Die Lehrerin Frédériques soll ihn auf der Pilgerreise nach Santiago de Compostela begleiten. Gespielt wird sie von Alexandra Lamy. Das anfangs noch sehr ungleiche Duo scheint sich nach einger Zeit immer ähnlicher. Nicht nur Adam bringt ungelöste Probleme mit auf die Reise. Auch Frédériques (Alexandra Lamy) Leben ist aus den Fugen geraten. Nach einer Ohrfeige gegenüber einer Schülerin wurde sie suspendiert, ihre Ehe ist gescheitert, die Beziehung zu ihrer Tochter angespannt. Adam überrascht derweil mit seiner sensiblen Seite und bisher noch unentdeckten Talenten.

Via Podiensis und die  Via Francés

Der Regisseur schickt seine Schauspieler auf die Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört, sowie auf die Via Francés in Spanien. Bis Santiago de Compostela sind das rund 1500 Kilometer. Die eindrucksvolle Eröffnung in der Kathedrale Notre-Dame, in der sich eine Bodenklappe für die Pilger öffnet, markiert den Beginn.

Der Weg ist das Ziel. Der Film führt auf der Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört.
Der Weg ist das Ziel. Der Film führt auf der Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört. © Marie-Camille Orlando/PlaionPictures

Zwischen Streit, Rückschlägen, Erfolgen und intimen Momenten lernen sich die beiden immer besser kennen - einander und auch sich selbst.

Wie könnte es beim kinotauglichen Weg eines Straftäters anders sein, orientiert sich Regisseur Samuell an den typischen Merkmalen einer Heldenreise. Trotz des oft vorhersehbaren Musters schafft „Die Camino-Therapie“ rührende Momente. Der Zuschauer hofft, dass alles gut werden kann, und möchte den beiden Protagonisten durch die Kinoleinwand zuflüstern: „Haltet durch!“ Oder, wie eine Sportlehrerin es sagen würde: „Laufen ist das Leben, stehen der Tod.“

Kinos: ABC, City, Leopold sowie Arena (OmU)
R: Yann Samuel (F, 114 Min.)

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