Ein Kinderfilm ohne Augenrollen: Der neue „Emil“ überzeugt
Kinderfilme zu machen, bei denen die Eltern nicht augenrollend oder schlafend danebensitzen: nicht leicht. David Dietl hat es mit seiner Neuverfilmung von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ (1929) geschafft. Sein Film dürfte Eltern und Kinder gleichermaßen gut unterhalten. Der Film macht sogar richtig Spaß, man muss aber ein paar Dinge hinnehmen.
Die Grundgeschichte (Drehbuch: Antonia Scheurlen) bleibt: Der Junge Emil Tischbein aus der Provinz fährt mit viel Geld in der Tasche zu seiner Großmutter nach Berlin, wird im Zug von einem Mitreisenden beklaut und verfolgt den Dieb - Hilfe erhält er von weiteren Kindern, denen er in Berlin begegnet und die jeweils spezielle Fähigkeiten haben.
Klar: Bei einer Kästner-Verfilmung im Jahr 2026 ist die Verteilung der Geschlechter ausgeglichener und die ethnische Vielfalt größer - und beides wirkt hier angenehm normal.
„Wer sieht hier nach Dorfi aus?“
„Der kleine Dienstag“ aus dem Kästner-Buch ist nun ein cooler pronomenloser Mensch namens Dienstag (Bela Louis Plass) und aus sehr reichem Haus. Dienstag verfügt über einen Minivan mit Chauffeur - sehr praktisch bei Verfolgungsjagden durch die Großstadt.
Ahn (Ai Vy Bui), ebenfalls ein Mädchen, ist ein Technik- und Imitationswunder. „Gustav mit der Hupe“ heißt bei Dietl - weil die Deutschen seinen richtigen Namen ohnehin immer falsch verstehen - nur einfach nur Gustav (Kilian Kasa), darf später aber immerhin mal ein Megafon schwingen. Jason (Camille Moltzen) ist immerhin stark.

Pony Hütchen (Lara Toni Lüdders), die weibliche Hauptfigur, ist hier nicht Emils Cousine, sondern ein Kind aus der Nachbarschaft seiner Großmutter. Sie ist die pfiffige, coole Macherin in der Runde. Als sie Emil am Berliner Hauptbahnhof abholen will, fragt sie suchend: „Wer sieht hier nach Dorfi aus?“ Insgesamt ist es eine tolle Truppe, die elegant und mit großer Spielfreude durch das multiethnische Berlin tobt.
Und dann ist da natürlich noch Emil Tischbein (Nicholas Jonah Peter) selbst. Der Junge aus der Provinz kriegt die volle Ladung Großstadt ab. Zu Hause kümmert er sich nebenbei auch um seine leicht verplante Mutter (Luise Heyer), wie Kästners Mutter eine Friseurin.
„Dit is Balin“
In Berlin steht der arme Emil weite Teile des Films mit bedröppeltem Gesicht herum. Man möchte ihm aus dem Kinosessel immer wieder eine aufbauende Flasche Vitamintropfen auf die Leinwand reichen.
Regisseur Dietl wusste offenbar nicht so recht, ob er diesen Emil zum Zentrum der jungen Gruppe machen sollte oder gerade nicht. Mal gibt er den Anführer, klettert mutig an Berliner Hotelfassaden herum, dann ist er, vor allem in der Showdown-Szene mit dem schmierigen Dieb und Betrüger Max Grundeis (Merlin Sandmeyer), fast schmerzhaft zögerlich.

Schon zu Hause hatte er sich von ein paar Halbstarken zu einer dämlichen Mutprobe überreden lassen - ein Spielplatz soll einem Parkhaus weichen, Emil zündet einen Bagger an. Deshalb kann er in Berlin auch nicht einfach zur Polizei gehen, um den Dieb anzuzeigen.
Vielleicht stört das aber auch nur erwachsene Zuschauer. Für die gibt es auch ein paar Szenen - und hier dreht Dietl die Berlin-Regler voll auf: Angestellte in Hipster-Cafés, die nur Englisch sprechen; das abgeklärte „Dit is Balin“ von Pony Hütchen, als sie mit Emil romantisch auf einem Dach steht und auf die nächtliche Stadt blickt; Begegnungen mit Drogenabhängigen, die Emil für Zombies hält, wie es sie in der Vorstellung des Kleinstadtkindes eben gibt.
Mit Freunden Probleme lösen
Hier wird eine Schnarchnase aus der Provinz von energiestrotzenden Großstadt-Kindern durch ihr Berlin gezogen. Sie durchstreifen die ethnischen Berliner Communitys (ein ganz großer Auftritt für Gustav!), ziehen sich zur Tarnung in einer ziemlich durchgeknallten und ganz wunderbaren Szene bizarre Kostüme an und tragen Emil mit Köpfchen und gutem Willen ans Ziel.

Die Botschaft des Romans wird auch in dieser Verfilmung klar: Durch Freundschaft und Zusammenhalt kann man Probleme lösen, die zu groß für einen allein sind.
Es gibt starke Frauenfiguren: Emils Mutter, die ihren Sohn alleine großzieht und nebenbei ihren Friseursalon retten muss; und Oma Tischbein - wunderbar gespielt von Ursula Werner -, die sich als sehr viel wacher herausstellt, als die Kinder gedacht hatten.

Das soziale Thema Arm und Reich, bei Kästner ganz wichtig, zieht sich durch den ganzen Film, meist dezent, nur ab und zu wird es etwas ungelenk mit dem Zaunpfahl winkend eingebaut. Kinder sind hier vereint die Mächtigen, am Ende wirken sie gar wirklich etwas übertrieben bedrohlich. Sie bringen mit großer Selbstverständlichkeit ihre Fähigkeiten ein.
Trotz der kleinen Schwächen wagen wir die Behauptung: Kästner würde der Film sehr gefallen.
D, 100 Min. (R: David Dietl), Kino: Leopold, Mathäser, Museum, Gauting, Starnberg, Unterschleißheim-Lohhof, Gilching, Ottobrunn, Fürstenfeldbruck
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