Warum Christopher Nolans "Odyssee" trotz gigantischer Troja-Schlachten kalt lässt
Wenn sich einer der herausragenden Regisseure unserer Zeit die größte und einflussreichste Geschichte der westlichen Welt zur Brust nimmt, dann steigt die Erwartungshaltung der Fans natürlich ins Unermessliche. Aber auch Christopher Nolan ist nur ein Mensch, und sein angeblich 250‑Millionen‑Dollar‑teurer, dreistündiger Überwältigungsversuch, die "Odyssee", bleibt gehobenes Actionkino. Mehr nicht.
Jeder, der von Kindheit an mit Hörspielen oder Büchern über Odysseus’ Irrfahrten aufgewachsen ist, hat seine eigene Vorstellungswelt entwickelt, gegen die nun Nolans Film ankämpft. Besonders originelle Ideen hat er dabei nicht gefunden, aber manchmal verschleiert er dies geschickt.
Während die "Ilias" sich mit der Schlacht um Troja auseinandersetzt, geht es in der "Odyssee" um die Rückkehr von König Odysseus nach Ithaka. Christopher Nolan erweitert seine "Odyssee", indem er – als Erinnerung oder Erzählung – immer wieder in langen Filmsequenzen auf den Kampf um Troja und Odysseus’ List mit dem trojanischen Pferd zurückblickt. Dieser Teil der Geschichte ist zweifellos die imposanteste Inszenierung des Themas, die man je auf einer Kinoleinwand anschauen durfte.
Zum Thema Sinnlichkeit fällt dem Regisseur nichts ein
Nolans "Odyssee" kommt allerdings sehr zaghaft in Fahrt und hat viele Längen. Nicht alle Hindernisse auf der Rückreise aus Troja sind so überwältigend bebildert wie die Meeresungeheuer Skylla und Charybdis. Der Zyklop überzeugt als Puppenfigur überhaupt nicht. Christopher Nolan verzichtet hier bewusst auf eine Computeranimation, aber leider auch auf die List des Odysseus.
Bei den überlangen Kampf- und Schlachtszenen kennt Christopher Nolan keine Scheu vor dem Konkreten, an anderen Stellen stiehlt er sich lieber davon: Als das Boot von Odysseus an den Felsen der Sirenen vorbeigleitet und Odysseus’ Männer sich die Ohren mit Wachs verstopfen, nimmt auch der Zuschauer ihre Perspektive ein und akustisch kaum noch etwas wahr.

Nur das verzerrte Gesicht des an den Mast gefesselten Odysseus weist auf die unglaublich betörenden Töne der Sirenen hin, die zudem nur unscharf im Hintergrund zu erahnen sind. So umschifft Nolan geschickt gefährliche Strudel der Erzählung, die den Film in den Kitschabgrund reißen könnten.
Zum Thema Sinnlichkeit fällt dem britischen Regisseur gleich gar nichts ein. Kirke (Samantha Morton) verwandelt seine Männer zwar wie in der Vorlage in spektakulärer Anschaulichkeit in Schweine, die sexuelle Erfüllung des Helden aber findet nicht statt.
Ayurveda für Manager
Warum Odysseus sieben Jahre bei Kalypso (Charlize Theron) verweilt, erklärt der Film mit dem Verzehr der Lotusblüten (die seine Männer eigentlich Jahre zuvor auf einer anderen Insel genossen haben). Es knistert nicht zwischen Kalypso und Odysseus: Sie wirkt wie eine Ayurveda-Therapeutin auf Goa, die einem ausgebrannten Manager wieder zu Kräften verhilft.

Die Götterwelt, die bei Homer die Geschicke der Menschen bestimmt, kommt bei Nolan kaum vor. Nur Athene (Zendaya) hat ein paar Kurzauftritte an Odysseus’ Seite. Zeus’ Gesetze dürfen Regisseuren zwar egal sein, aber der Gott der Unterhaltung ist keinesfalls gnädiger: Als Odysseus endlich heimkehren darf, sein Hund Argos ihn erkennt und daraufhin erlöst stirbt, merkt auch der Zuschauer, was schon seit über zwei Stunden sträflich in diesem Film gefehlt hat: das Gefühl emotionaler Anteilnahme.

Nicht jeder Griechischlehrer wird sich an der Umgangssprache im Film erfreuen, wenn Odysseus "after ten years on the fucking beach" die Rückkehr antritt. Aber Nolans Idee, den Film so zugänglich wie möglich zu gestalten, schließt ein Sprechen im Versmaß aus.

Vor den riesigen Augen seiner Penelope (Anne Hathaway) und im Beisein seines Sohnes Telemachos (Tom Holland) beseitigt Odysseus die 108 Freier um den von Robert Pattinson beeindruckend hassenswert gespielten Antinoos im heimischen Palast. Zuvor hat der von Matt Damon überzeugend verkörperte, von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zerrissene Held Penelope sein Herz geöffnet: Seine Idee des trojanischen Pferdes hat zwar nach zehnjährigem Krieg den Sieg gebracht, die Zerstörung der göttlichen Ordnung und der Untergang der trojanischen Zivilisation aber waren ein viel zu hoher Preis dafür. Hier ähnelt Odysseus Nolans Oppenheimer.
Man kann ihn verstehen. Der dröhnende Sound, die endlosen Schlachten haben auch den Zuschauer kampfesmüde gemacht.
Kinos: Astor, Cincinnati, Gloria, Solln, Leopold, Rex sowie Rio, Mathäser (auch OmU) und Monopol (OmU), Museum (OV).
R: Christopher Nolan (USA 178 Min.)
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