Drehort Neuperlach: „Pferd am Stiel“

Die spinnen, die Finnen! Abgewandelt vom bekannten Obelix-Zitat könnte der Ausspruch auch auf die ausgefallenen Hobbys der Nordeuropäer zutreffen. Seit 1975 existiert hier der Gummistiefel-Weitwurf. Beliebtheit erfreuen sich aber auch Wettbewerbe im Dauer-Saunieren, Mücken erschlagen oder im Frauentragen.
Wenig überraschend, dass in Finnland auch das skurrile Hobby Horsing seine Heimat hat: ein ernsthaft betriebener Ritt mit dem Steckenpferd in Disziplinen wie Parcours oder Dressur. Mittlerweile finden sich auch in Deutschland 9.500 vor allem weibliche Hobby Horser.
„Pferd am Stiel“, der im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstand, widmet sich nun diesem sympathischen Nischen-Hobby und erzählt darüber hinaus erfrischend unaufgesetzt von fragilen Freundschaften.
Erfreulich ist auch, dass der Filmschauplatz Neuperlach nicht wie so oft den Krimi-Klischees entsprechend als Drogen-Hotspot herhalten muss. In einer Hochhaussiedlung wachsen hier die besten Freundinnen Sarah (Manon Debaille) und Dilek (Chiara Kitsopoulou) auf. Wie so viele Teenies in ihrem Alter sind die beiden vor allem mit ihrer digitalen Selbstdarstellung beschäftigt.
Große Empathie für die Figuren
Sarah aber sehnt sich nach mehr Abwechslung vom TikTok-Alltag, nach einem Kick abseits des Tanzvideo-Mainstreams. Den findet sie im Hobby Horsing, dieser kostengünstigen Alternative zum echten Pferdesport. Ihre Freundin aber hält das für einen „sozialen Selbstmord“ und distanziert sich, als ein Video der Steckenpferd reitenden Sarah zum Gespött der Schule wird.
So bitter diese Abkanzelung auch ist, der Film weidet sich nicht am Unglück seiner Protagonistin und hat immer das Positive im Blick. So ist es in diesem Zusammenhang auch stimmig, dass Sarah mit Beatrice (Aurelia Ott) eine Leidensgenossin im Geiste findet. Ein Teenie aus reichem Hause, eine echte Reiterin, aber unglücklich unter dem Druck der Dressur-Wettbewerbe und der fordernden Eltern (Thomas Loibl und Valerie Neuenfels).

Wie dieses ungleiche Reiter-Trainerin-Gespann dann ohne viel nachzudenken nach Finnland abhaut, um einmal bei einem Hobby-Horsing-Turnier teilzunehmen, macht auch aufgrund der unbekümmerten wie temporeichen Inszenierung von Sonja Maria Kröner Spaß.
Die Absolventin der HFF München zeigte bereits in ihrem Langfilmdebüt „Sommerhäuser“ große Empathie für ihre Figuren und ein Händchen für das Einfangen von Stimmungen. Und auch in „Pferd am Stiel“ sind es besonders die drei glänzend gecasteten Hauptdarstellerinnen, die den Reiz am Hobby Horsing und damit auch den Mut zum Anderssein mit ihrem natürlichen Charme vermitteln.
Kino: Mathäser, Monopol, Rio, R: Sonja Maria Kröner (D, 80 Min.)