Kritik

Doris Dörrie befragt die Zukunft

Komödie? Drama? Egal: Doris Dörrie ist ein amüsanter Film über ernste Themen gelungen: "Frau Winkler verlässt das Haus“
Adrian Prechtel |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Pawlowitsch (Josef Ellers) trägt Frau Winkler (Angela Winkler)
Pawlowitsch (Josef Ellers) trägt Frau Winkler (Angela Winkler) © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch / Mathias Bothor

Der Kühlschrank kommentiert die Haltbarkeitssituation der Lebensmittel und schlägt auch gleich vor, was noch gekauft werden sollte. Und wenn Frau Winkler - nach einem Sturz - wirklich noch einmal das Haus verlässt, schiebt ein gewisser Pawlowitsch den Rollstuhl: Ihn, den anfangs ungeliebten Pflegeroboter, hat sie - die ehemalige Schauspielerin - nach Anton Tschechow benannt, dessen Mittelname Pawlowitsch war.

Vor der Tür begegnen ihnen weitere menschenähnliche Roboter, die ein bisschen so aussehen wie C-3PO aus „Star Wars“ und mit Hunden spazieren gehen - oder auch Menschen mit Roboterhunden.

Die Gefühle der Roboter 

Denn wir sind in der Zukunft, aber einer sehr nahen. Was auch der CEO der Roboterfirma Neura auf der Münchenpremiere im Arri bestätigt. Sie hat Pawlowitschs Kollegen dem Film zur Verfügung gestellt, auch wenn im Falle Pawlowitschs noch Schauspieler Josef Ellers im Kostüm steckt - mit einem Display auf der Brust und Bildschirm-Gesicht, auf dem sich Emoji-artig "Gefühle“ ausdrücken. "Ich will keinen deprimierten Roboter“, schleudert ihm Angela Winkler als Frau Winkler im Film entgegen. Doris Dörrie hatte schon beim Schreiben an diese große Schauspielerin gedacht.

Gruppenbild mit Roboter: Frau Winkler (Angela Winkler), Tochter (Laura Tonke) und Enkelin (Zoë Baier) mit Pawlowitsch (Josef Ellers) im Morgenmantel und Pflegeroboter-Vertreterin Selma (Via Jikeli).
Gruppenbild mit Roboter: Frau Winkler (Angela Winkler), Tochter (Laura Tonke) und Enkelin (Zoë Baier) mit Pawlowitsch (Josef Ellers) im Morgenmantel und Pflegeroboter-Vertreterin Selma (Via Jikeli). © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch / Mathias Bothor

Die Ironie: Der Roboter programmiert sich stimmungsmäßig nach seinem Gegenüber - und "Frau Winkler“ ist eine verbitterte Alte und trockengelegte Alkoholikerin, die nie überwunden hat, dass sie nach dem frühen Tod ihres Mannes nicht mehr als Schauspielerin weitermachen konnte. Und das ist gleich ein weiterer Kunstgriff des Films: Denn in die Roboterfrage ist eine Familiengeschichte verwoben - mit Laura Tonke als Tochter, ebenfalls in der Rolle einer Schauspielerin.

"Ich übernehme keine Verantwortung für dein Unglück“, sagt Winkler zur Tochter, die es im gleichen Metier auch nicht richtig geschafft hat, aber ausgerechnet jetzt, da ihre Mutter ein Pflegefall geworden ist, wieder auf die große Bühne könnte.

 "Theater? Gibt’s das überhaupt noch?"

Und hier tut sich eine dritte, lässig und amüsant eingeflochtene Ebene auf: Denn sowohl Mutter als auch Tochter verbinden ihren schauspielerischen Höhepunkt mit ihrer Rolle als melancholische, pflichtbewusste, selbstaufopfernde Olga der „Drei Schwestern“. Und mit Tschechows Texten unterfüttert Dörrie die großen lebensphilosophischen Fragen. Die Pflegeroboter-Vertreterin (Via Jikeli) aber wundert sich gegenüber Winkler und deren Tochter: "Theater? Gibt’s das überhaupt noch? Mit wildfremden Menschen im Dunkeln sitzen, das ist nicht so mein Ding.“ Das ist Teil von Dörries eingestreuter, nostalgischer Hommage an Kino und Theater.

Aber natürlich wird die junge Frau am Ende eines Besseren belehrt. Im Zuschauerraum sitzen unter die Menschen gemischt dann humorvollerweise auch schon ein paar Roboter.

Eine gute Komödie behandelt auch ernste Themen humorvoll. Hier geht es um Pflegebedürftigkeit, Mutter-Tochter-Konflikte, Abschied vom Leben, Angst vor dem Tod. All das spielt Angela Winkler nie weichgespült, sondern packend, unverblümt. Und beim Thema Sterbehilfe ist der Film auch schon weiter, als wir es heute sind. Denn nur der Pflegeroboter spricht mit Frau Winkler über das Tabu-Thema Tod, nimmt täglich "Vitalwerte“ ab und bietet - nach starkem Abfall - das Gespräch über den "End of Life“-Modus an: roboter-assistierten Suizid.

Emi Winkler (Laura Tonke), Paul (Eugene Boateng) und Irina (Sabrina Amali)
Emi Winkler (Laura Tonke), Paul (Eugene Boateng) und Irina (Sabrina Amali) © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch / Mathias Bothor


Und so ist "Frau Winkler verlässt das Haus“ eine intelligent ausbalancierte Tragikomödie, in der man nicht mit einem langweiligen Schwarz-Weiß-Schema unterfordert wird. Roboter, die Pflege und Hausarbeit ersetzen, die zu Gefährten werden, sind hier weder verteufelt noch eine wirklich menschliche Lösung. Aber es ist die Ironie, dass sie durch ihre Arbeit in diesem Film den Freiraum schaffen, sodass sich die Menschen wieder untereinander begegnen.

"Blaue Augen" von Ideal 

Ein Schlüsselsong ist der schnelle NDW-Hit der frühen 80ern von Ideal, beziehungsweise Annette Humpe: "Blaue Augen“, den Frau Winkler so liebt. Sie wird ihn mit Pawlowitsch tanzen: Er hält sie stark und sicher, und sie steht fest auf seinen großen Technik-Füßen - ein Duett, das ihr noch einmal Freiheit gibt, die ihr ein Mensch physisch so nicht mehr geben könnte. Und trickreich kauft Pawlowitsch Frau Winkler noch einmal einen Wodka, der einprogrammierterweise ihr eigentlich verboten ist.

Bei all den ambivalenten Fragen um Leben, Technik und Tod setzt Dörrie der Tragik eine große Portion Witz und Humor entgegen. So kann man lachen oder weinen und sich dabei so auf diesen Film verlassen, dass man sich bequem in den Kinosessel zurücklehnen kann, ohne jemals das Gehirn auszuschalten.

Kinos: ABC, Leopold, City, Solln, Rex, Rio
R: Doris Dörrie (D, 115 Min.)

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.