Interview

Barbara Sukowa: "Dirndl sind praktische Kleider"

Barbara Sukowa über ihren neuen Film "Wir beide", ihre Arbeit mit Fassbinder und ihr Leben in New York 
| Margret Köhler
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Die deutsche Schauspielerin und Sängerin Barbara Sukowa im Februar 2020 bei einem Pressetermin im Berliner Hotel de Rome.
Die deutsche Schauspielerin und Sängerin Barbara Sukowa im Februar 2020 bei einem Pressetermin im Berliner Hotel de Rome. © Jens Kalaene//dpa

Für die Außenwelt zwei ältere Nachbarinnen, deren Wohnungen gegenüber liegen. Nach Jahrzehnten des Schweigens will das Paar einen Schlussstrich unter die Lebenslüge ziehen. Aber Mado schafft es nicht, ihren Kindern die Wahrheit zu sagen. Grund für heftige Vorwürfe von Nina. Der Schock: Madeleines Körper reagiert mit einem Schlaganfall, sie verstummt. Als die Familie die Beziehung entdeckt, ist die lange in Frankreich lebende Deutsche nur noch eine unerwünschte Fremde und muss um Nähe zur Geliebten kämpfen.

Martine Chevallier, die Grande Dame des französischen Theaters, und die Fassbinder-Heroine Barbara Sukowa machen „Wir beide“, das reife Werk des jungen Italieners Filippo Meneghetto in einem zu Herzen gehenden Zusammenspiel von Verletzlichkeit und Stärke, Ehrlichkeit und ungestümen Zorn. Eine feine Mischung aus intimem Thriller und großem Liebesfilm. Für die Sukowa als impulsive Draufgängerin mit wilden Haaren und Durchsetzungsfähigkeit eine Paraderolle.

AZ: Frau Sukowa, gab es einen bestimmten Moment beim Drehbuchlesen, in dem der Funke übersprang?
BARBARA SUKOWA: Das kann ich das nicht sagen. Ich habe das Drehbuch aufmerksam zu Ende gelesen, fand die Geschichte spannend und die Figuren sehr komplex. Mir gefiel auch, dass es um zwei ältere Frauen ging, um Liebe und um Sexualität und dass sich ein junger Regisseur dafür interessierte.

Sie spielen mit Martine Chevallier ein älteres Lesbenpaar, Mado und Nina. Mado schafft es nicht ihren Kindern zu sagen, dass sie lesbisch ist und mit Nina ein neues Leben in Rom beginnen will. Ist diese Angst typisch für die ältere Generation?
Ich spiele eine Frau in meinem Alter und hatte im Theater sehr viel mit Homosexuellen zu tun, wie auch Martine, deshalb gab es bei uns keine Berührungsängste. Die Handlung ist in einer französischen Kleinstadt angesiedelt. Das ist natürlich etwas anderes als New York oder Paris. Obwohl man sich da auch täuschen kann. Mir hat Filippo Meneghetti von einem Freund erzählt, einem sehr liberalen jungen Mann, der durchdrehte, als er nach 30 Jahren erfuhr, dass sein Vater schwul war. Bei den eigenen Eltern legt man vielleicht andere Maßstäbe an.

Fällt ein Coming-Out im höheren Alter nicht auch schwerer?
Auf jeden Fall. Weil alle denken, du hast ein Leben als Lüge gelebt. So will Mado vor ihren Kindern die heile Welt erhalten und damit die Mär von der großen Liebe zu ihrem Mann. Sie kann ihren Kindern nicht sagen, „nee Leute, das war nicht so, ich habe eine ganz andere Person geliebt“. Da entblößt man eine Lebenslüge und das ist hart.

Angst und ständige Geheimniskrämerei gehen an die Psyche. Im Gegensatz zu der Generation im Film können junge Leute heute leichter mit ihrer Homosexualität umgehen.
Ich glaube, es ist egal, um was es sich handelt. Ein Geheimnis zu haben, sich immer verstellen zu müssen, das macht krank. Und Mados Schlaganfall rührt sicherlich auch daher, dass sie auf die Situation, in der ihr Nina die Pistole auf die Brust setzt, mit Krankheit reagiert. So kann sie das Geheimnis weiter wahren. In jeder Familie gibt es einen dunklen Punkt. Heute kann man offen über vieles reden, früher hat man vieles unter den Tisch gekehrt und das war schlimm für alle Beteiligten.

Mit Margarethe von Trotta haben Sie acht Filme gedreht, über die Jahrzehnte hat sich eine Freundschaft entwickelt. Wie läuft die Zusammenarbeit mit einem Erstlingsregisseur wie Filippo Meneghetti?
Für mich ist es immer besonders schön, mit Margrethe von Trotta zu arbeiten, weil sie selber Schauspielerin war und Schauspieler wirklich versteht, beide Positionen kennt. Bei einem Debütanten zögert man etwas. Ein gutes Drehbuch ist kein Garant für einen guten Film. Deshalb ist es einfacher, wenn man weiß, welche Art von Film ein Regisseur macht und wie professionell er arbeitet. Ist er ein sehr cinematografischer Mensch oder einer, der auf Argumente geht. Alles Vertrauenssache. Wir haben uns getroffen und lange geredet, schnell einen Draht zueinander entwickelt. Aber ein Newcomer ist immer ein Risiko. Man hat Glück oder Pech. Da Martine und ich noch andere Engagements erfüllen mussten, hat er fast zwei Jahre auf uns gewartet. Das überzeugte mich von seiner Ernsthaftigkeit, ihm ist wirklich ein sehr schöner Film gelungen.

Fassbinder wäre heuer 75 geworden. Welche Erinnerungen verknüpfen Sie mit ihm?
Ich denke gerne an ihn und unsere gemeinsame Zeit zurück. Eine ganz andere Zeit des Filmemachens, es gab weniger Druck, weniger Zeitdruck und weniger Karrieredruck, niemand hing wie heute am Handy. Die Tage waren nicht so lang, neben dem Film gab es auch noch ein Privatleben. In München sind wir oft essen gegangen oder auf ein Bier in die Deutsche Eiche, es war irgendwie lustig. Und Fassbinder hat auch schon mal nachmittags um vier Uhr aufgehört, weil er Fußball gucken wollte.

Gibt es solche kreativen Kraftpakete heute noch?
Es gibt immer sehr talentierte Menschen. Ungewöhnlich bei Fassbinder war sein schnelles Arbeiten und seine Flexibilität, seine Entscheidungsfreudigkeit, er produzierte unheimlich viel. Wir drehten tagsüber und abends guckten wir die Muster oder den fertigen Schnitt vom Tag vorher. Wir Schauspieler waren total eingebunden. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Schon mal gar nicht in Amerika.

Haben Sie als Bremerin Ihre bayerische Seite entdeckt, als sie sich zum 70. Geburtstag in diesem Jahr ein Dirndl gewünscht haben?
Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Dirndls, Lena Stolze hat mir eines von ihrer Mutter geschenkt.

Auch Zeichen von ein bisschen Heimweh nach über 25 Jahren New York?
Ich glaube ja. Ich habe irgendwie erkannt, ein richtiges Dirndl hat sowas handfestes, ist ein wunderbar praktisches Kleidungsstück mit der Schürze und hat nichts mit Jodeln zu tun. Wenn man lange aus dem Land ist, denkt man anders über einige Dinge, spürt man vielleicht sowas wie Heimweh. In Bremen trägt man zwar keine Tracht, aber es gibt ein Kinderfoto von mir unterm Weihnachtsbaum mit einem Dirndl.

Was verbindet Sie mit München? Anfang der 1980er Jahre wechselten Sie an das Münchner Residenztheater.
Ich habe gerne in Bayern gelebt und mein Engagement am Residenztheater sehr geschätzt. Die Bayern behandelten mich immer gut, ich wurde mit drei Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnet. Meine Tante ließ mal durchblicken, dass irgendein Großvater, von dem niemand etwas weiß, ein Bayer gewesen sein soll. Das erklärt vielleicht meine Affinität.

Wie haben Sie die Corona-Krise in New York erlebt? Wird es wieder so sein, wie es einmal war?
Ich war während der Corona-Krise in Long Island, habe mich dort ziemlich isoliert. New York wird nach dieser Krise nicht mehr so sein wie vorher. Die hohe Zahl von Arbeitslosen, die Schließung vieler Geschäfte, dann die Unruhen und Proteste. Niemand weiß, was wird. Aber irgendwie hat das auch in der Luft gelegen.

Inwiefern?
Die Polizeigewalt ist nur das Symptom eines Systems. In New York herrscht seit Jahren der Wahnsinn. Um dort leben zu können, muss man ein Krösus sein. Junge Leute können die Mieten nicht zahlen, die soziale Struktur kippt, die Gesellschaft ist gespalten, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Irgendwann knallt es dann.

Was fasziniert Sie dennoch?
In europäischen Städten wirkt alles irgendwie schon fertig, jede Baulücke ist schön gefüllt, alles geregelt. An New York und an Amerika fasziniert mich dieses Gefühl, da ist noch was in Entwicklung, kann noch etwas Neues entstehen. Deshalb bin ich gespannt, auf das, was jetzt passiert. Leider gewöhnt man sich schnell an schreckliche Dinge wie ständige Kontrollen, wir machen die Handtasche auf, ob wir ins Theater oder zu einem Basketballspiel gehen – vor 9/11 noch undenkbar. Jetzt nehmen wir alles hin, für die Jungen ist das ganz normal. Wer weiß, woran wir uns noch gewöhnen müssen?

Als 68erin haben Sie die wilden Jahre erlebt, sollen sogar ihren BH verbrannt haben. Jetzt wünschen Sie sich mehr Freiheit im Leben. Wie wird man frei?
Also das mit dem BH-Verbrennen geistert durch die Medien. Ich habe damals gar keinen BH getragen. Unsere Rebellion war einfach, da reichten bei Männern schon längere Haare und bei Mädchen der Minirock, dann folgte der Punk. Heute wird alles sofort kommerziell vereinnahmt. Innerliche Freiheit zu gewinnen, bedeutet ein langwieriger Prozess, in dem man das Bild, was man von sich aufgebaut hat und all die Äußerlichkeiten auf den Prüfstand stellt. Und loslassen lernt.

Ab Donnerstag im City, ABC und Theatiner

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