"Digger" mit Tom Cruise: Wenn Koriander ein Film wäre

Tom Cruise polarisiert genüsslich mit seinem neuen Film "Digger". Gräbt er damit nach Oscar-Gold, oder schaufelt er sich sein eigenes Award-Grab?
(stk/spot) |
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Tom Cruise als Ölmagnat Digger Rockwell in Alejandro González Iñárritus neuem Film.
Tom Cruise als Ölmagnat Digger Rockwell in Alejandro González Iñárritus neuem Film. © Courtesy of Warner Bros. Pictures

Es gibt Filme, die das Verfassen einer spoilerfreien Kritik anspruchsvoll machen. Und dann gibt es Alejandro González Iñárritus (63) "Digger", der am 1. Oktober in die deutschen Kinos kommt. Der skurrile Film mit einem emsigen Tom Cruise (64) ist Kontroverse mit Ansage, aber nicht nur das. Er hält ausgesprochen genüsslich, man könnte auch sagen selbstgerecht, den Spiegel vor. Allerdings nicht (nur) der Gesellschaftsgruppe, bei der man es angesichts der Trailer erwarten würde.

Keine Sorge: Spoiler zum genauen Handlungsverlauf werden in dieser Kritik vermieden.

Wer die Narrative kontrolliert, kontrolliert die Welt - darum geht es

Der ebenso in die Jahre gekommene wie steinreiche Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) hat quasi im Alleingang dafür gesorgt, dass die Erde ihrem Untergang geweiht ist. Also, befindet zumindest der Präsident der Vereinigten Staaten, ist es auch an ihm gelegen, sie zu retten: "Digger hat uns in diese Scheiße geritten und Digger gräbt uns da auch wieder raus!"

Doch ganz der Geschäftsmann kann Digger sogar der drohenden Apokalypse etwas abgewinnen: "Panik ist eine Ressource. Panik lässt die Menschen aufwachen. Wenn wir den Verlauf der Natur nicht kontrollieren können, können wir zumindest die Narrative kontrollieren." Und sollte dabei noch der eine oder andere Dollar verdient werden, na, wo ist das Problem?

"Dr. Digger oder: Wie ich lernte, die Katastrophe zu lieben"

Was für Iñárritus neuen Film die treibende Inspirationsquelle war, liegt auf der Hand: Vor über 60 Jahren wagte es Stanley Kubrick mit "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben", die drohende atomare Apokalypse während des Kalten Krieges in eine Satire zu verwandeln. Eine bahnbrechend mutige Entscheidung, die, nicht zuletzt dank eines genialen Peter Sellers in gleich mehreren Rollen, ihren Stammplatz in der Filmgeschichte sicher hat. Von unzähligen ikonischen Zitaten ganz zu schweigen: "Meine Herren, Sie können hier nicht kämpfen! Das ist der Kriegsraum!"

Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ähneln die aktuellen geopolitischen Probleme wieder denen von "Dr. Seltsam". Zudem scheint der amtierende US-Präsident permanent auf Kriegsfuß mit der Realität zu stehen, während Tech-Milliardäre immer mehr Macht und Geld anhäufen. Und dann kommt auch noch dauernd dieser nervige Klimawandel ums Eck. Auf den ersten Blick also beste Voraussetzungen für eine bissige Gesellschaftskritik.

Schräger als Fiktion

Doch genau hier liegt die größte Herausforderung, die "Digger" zu bewältigen hat: Wenn das wahre Leben schon so frustrierend bizarr und absurd ist, kann man es dann überhaupt noch in eine Satire überspitzen, die nicht zu zynischem Fatalismus verkommt? Mit einem ähnlichen Problem hatte zuletzt schon "Don't Look Up" mit Leonardo DiCaprio zu kämpfen.

Ihre Antwort auf diese Krux liefern Cruise und Iñárritu nach ungefähr einer halben Stunde, wenn "Digger" einen erstaunlichen Paradigmenwechsel vollzieht. Das geschieht mit einem Twist, der den Film auf eine Metaebene hievt und das Publikum entweder positiv überrascht oder komplett vor den Kopf stößt. Sozusagen eine erzählerische Sollbruchstelle. Dieser Kniff darf tatsächlich als mutig bezeichnet werden, ist bei einem kolportierten Budget von 125 Millionen US-Dollar aber auch ungemein riskant.

Nicht einmal Sandra Hüller kann die One-Man-Show knacken

Mit der Figur Digger Rockwell verlässt Tom Cruise ähnlich genüsslich seine gängigen Rollenbilder, wie er es in seinem Kurzeinsatz als Schmierlappen Les Grossman in "Tropic Thunder" getan hat. Wie Sellers in "Dr. Seltsam" beweist Cruise seine Wandelbarkeit und die Bereitschaft, sich auch optisch völlig in einer Figur zu verlieren.

Diese Abkehr vom klassischen Actionhelden kommt in "Digger" aber mit einem Preis: Das Scheinwerferlicht ist damit unweigerlich nur auf Cruise und dessen ungewöhnliches Schauspiel gerichtet. Weder John Goodman als US-Präsident und Riz Ahmed als die verzweifelte Stimme der Vernunft, ja noch nicht einmal Sandra Hüller, die im Film die impulsive Halbschwester der Titelfigur verkörpert, vermögen es, Cruises One-Man-Show zu durchbrechen. Wie schon bei "The Revenant"/DiCaprio scheint bei "Digger"/Cruise die Marschroute zu lauten: alles für den überfälligen Hauptdarsteller-Oscar.

Fazit:

Wenn Koriander ein Film wäre, man könnte ihn "Digger" taufen. Soll heißen: Was die eine Seite mit großem Genuss verspeist, wirkt für die andere wie seifiges Brechmittel. Auch Iñárritus Werk lässt wenig Spielraum für Meinungen abseits der Superlative. So wird "Digger" für einige Zuschauer den mutigsten Film der jüngeren Kinogeschichte darstellen - und sich für andere wie zwei Stunden verschenkte Lebenszeit anfühlen, nach denen man sich aufs Zähneputzen freut.

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