Kritik

Die Schönheit der Politik: „La Grazia“ von Paolo Sorrentino

„La Grazia“ erzählt von Macht, ihrer Einsamkeit, ihrer Ironie und Würde. Und obwohl sehr italienisch, ist er auch ein Vorbild für uns
Adrian Prechtel
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Toni Servillo als italienischer Staatspräsident: einsam, melancholisch, würdig.
Mubi 4 Toni Servillo als italienischer Staatspräsident: einsam, melancholisch, würdig.
Sorrentino and Servillo bei einer Vorführung von „La Grazia“ in Neapel.
IMAGO/Independent Photo Agency Int. 4 Sorrentino and Servillo bei einer Vorführung von „La Grazia“ in Neapel.
Bei der Abschlussgala der Filmfestspiele in venedig vergangenen Herbst: Toni Servillo mit der Coppa Volpi, dem Darstellerpreis.
IMAGO/Anadolu Agency 4 Bei der Abschlussgala der Filmfestspiele in venedig vergangenen Herbst: Toni Servillo mit der Coppa Volpi, dem Darstellerpreis.
Einsam, integer: Toni Servillo als italienischer Staatspräsident.
Mubi 4 Einsam, integer: Toni Servillo als italienischer Staatspräsident.

Er kann vieles und macht alles - und manchmal langt er auch daneben: Mit la „La grande bellezza“ feierte Paolo Sorrentino 2013 Rom, Fellini und das, was man Italianità nennt. Bei soviel Schönheit fiel gar nicht weiter auf, dass das Ganze etwas flach war. Im vergangenen Jahr wollte der Neapolitaner seiner Heimatstadt ein mythisches Denkmal setzen, aber „Parthenope“ war grauenhafter Altherren-Erotik-Kitsch.

Sorrentino and Servillo bei einer Vorführung von „La Grazia“ in Neapel.
Sorrentino and Servillo bei einer Vorführung von „La Grazia“ in Neapel. © IMAGO/Independent Photo Agency Int.

Sorrentino ist aber erst 55 Jahre - und man erinnert sich vielleicht noch an seinen frühen Film: „Il Divo“ (2008) - das Porträt des dubiosesten italienischen Politikers, der als Parteichef der Democrazia Christiana und zigfacher Ministerpräsident jahrzehntelang Strippenzieher der Politik in Rom war: Giulio Andreotti - verstrickt ins Mafiageflecht, ohne dass man es ihm jemals nachweisen konnte, am Ende weggefegt von der politischen Wende Anfang der 90er-Jahre. Das abgedunkelte Psychogramm zeigte einen Menschen, der nur die Politik kannte - undurchschaubar, mit allen Wassern gewaschen, aber letztlich ein Spießer.

Und es ist fantastisch zu sehen, wie Sorrentino jetzt die Auseinandersetzung mit der Frage, was ist Macht, was macht sie mit einem und wie setzt man sie ein, diesmal so positiv fortsetzt. Verrückterweise spielt Toni Servillo wieder den Mann an der Spitze und hat dafür den Schauspielpreis in Venedig gewonnen. Und Sorrentino ist es gelungen, hinter seine gewohnte Überästhetisierung und faszinierende Stilisierung in schönen Bildern wirkliche Tiefe zu schieben.

Bei der Abschlussgala der Filmfestspiele in venedig vergangenen Herbst: Toni Servillo mit der Coppa Volpi, dem Darstellerpreis.
Bei der Abschlussgala der Filmfestspiele in venedig vergangenen Herbst: Toni Servillo mit der Coppa Volpi, dem Darstellerpreis. © IMAGO/Anadolu Agency

Toni Servillo verkörpert hier den Inbegriff eines im besten Sinne konservativen Politikers, Juristen und Diener der Verfassung. Das macht „La Grazia“ zu einer Ohrfeige für die neuen vulgären Revolutionäre von Rechts: In einer Schlüsselszene in der Mailänder Scala tritt der Staatspräsident in die Loge, und das Publikum steht auf und applaudiert ihm, Mariano De Santis. Und einer ruft, was viele denken: Er sei der Garant gegen die neuen, gefährlichen Idioten.

Stille Einfalt, edle Größe

„Einen Liebesfilm“ nennt Sorrentino „La Grazia“. Ja, der einsame, alte, weiße Präsident ist immer noch nicht über den Tod seiner Frau vor acht Jahren hinweg. Aber die eigentliche Liebe in diesem Film gilt der Größe eines Amtes und der Freiheit zu begnadigen und zu vergeben. Im Deutschen gibt es den Begriff so nicht: „Grazia“. Er umfasst Würde, Ausstrahlung und hat mit Gnade auch noch einen religiösen Aspekt, was alles gar eigentlich nicht richtig zusammengeht. Oder doch?

Einsam, integer: Toni Servillo als italienischer Staatspräsident.
Einsam, integer: Toni Servillo als italienischer Staatspräsident. © Mubi

„La Grazia“ wirft lebensphilosophisch und melancholisch- amüsant gesellschaftliche Fragen auf - mit einem Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe und Begnadigungsgesuchen von Straftätern, die der Präsident in seinen letzten Amtswochen unterzeichnen soll.

Ist das alles nicht ein wenig verstaubt? Ja - aber auch schön. Denn in unseren irren politischen Zeiten wächst der Wunsch nach Würde und moralischer Verlässlichkeit.

Und einen Vater-Tochter-Konflikt gibt es - bei aller gegenseitigen Liebe - auch. Denn dieser De Santis hat seine Tochter als Vertraute in seinen Berater- und Organisationsstab eingebunden - und eines eigenen, selbstständigen Lebensweges beraubt. Wenn Mariano De Santis ohne Aufmerksamkeit sich mit seiner verstorbenen Frau in Gedanken austauschen will, geht er auf die Dachterrasse des Quirinalspalasts, ist er hier der Stadt enthoben, der Nähe der Bodyguards entkommen und raucht heimlich - gegen das Verbot seiner Tochter, die sanft progressiver denkt.

Würde als Ohrfeige gegen die ordinären Rechtsrevolutionäre

Und das ist der geheime Wunsch des schönen Films: Lasst uns vorwärtsgehen - aber behutsam, offen, und unideologisch. So wie Tullio Servillo als Präsident sich am Ende seiner Amtszeit ein bisschen frei macht - bei aller Verlässlichkeit und Würde.

Italien hat bisher immer Präsidenten gefunden, die so ein Anker der Pflicht und Treue zur Verfassung in allen politischen Turbulenzen waren. Und als Deutscher der Bonner und Berliner Republik mit ihrer Profanität sieht man „La Grazia“ und den fast royalen Prunk, die patriotischen Zeremonien und das steife Audienzprotokoll Italiens oft mit lächelndem, vielleicht aber auch sanft neidischem Staunen.

 

Kino: ABC, Maxim, Monopol, Theatiner, Arena (alle in OmU)
Regie: Paolo Sorrentino
(Italien, 131 Min.)

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