Der neue Pixar-Film „Onward“ und Johnny Depp mit „Minamata“

Genial und deppert: Der neue Pixar-Film „Onward“ und Johnny Depp mit „Minamata“ auf der Berlinale
| Michael Stadler
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Minami und der US-Fotograf W. Eugene Smith (Johnny Depp, r.) in einer Szene des Films „Minamata“.
Larry D. Horricks/Berlinale/dpa Minami und der US-Fotograf W. Eugene Smith (Johnny Depp, r.) in einer Szene des Films „Minamata“.

Computeranimierte Einhörner, Elfen, Zentauren und Feen hat man auf der Leinwand im Berlinale Palast noch nie gesehen. Aber es gibt ja immer ein erstes Mal, und so wurde am Freitag als „Special Gala“ der Pixar-Film „Onward: Keine halben Sachen“ gezeigt. Nicht als Weltpremiere – die war bereits letzten Dienstag im El Capitan Theatre in Hollywood –, aber als internationale Premiere, was bei den neuen Festivalleitern Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian offenbar gerade noch so, als fast-exklusives Event durchging.

Er wolle das ganze Spektrum des Kinos abbilden, hat Chatrian in einem Interview gesagt, also auch den Animationsfilm. Dass „Onward“ von allen eingeladenen Produktionen am wenigsten einen Berlinalestart zur Promotion braucht, ist ganz sicher. Die Sitze werden sowieso voll werden, wenn der Film am 5. März offiziell in den deutschen Kinos startet. Aber gerade Pixar versteht sich als Schöpfer animierter Filmkunst, weshalb eine Festivaleinladung ein willkommener cineastischer Ritterschlag ist – nicht der erste, nachdem die Heißluftballonkomödie „Up“ 2009 das Festival von Cannes eröffnete.

Ein großes Ding

Schaut man sich den Film dann an, spürt man schnell, dass Pixar da wieder ein großes Ding hinlegt, etwas verrückter als die Vorgängerfilme, aber mit einer Erzählung, die wie so oft klug durchkonstruiert ist, gleichzeitig Anlass für viele Gags gibt und das Publikum magisch einnimmt.

Um Magie und vor allem den Verlust der Magie im technisierten Alltag geht es am Anfang. Denn nach der Erfindung von Glühbirnen, Haushaltsgeräten, Flugzeugen und Handys haben es sich die Zauberwesen ziemlich gemütlich gemacht.

Statt Abenteuer zu erleben, führen sie ein stinknormales Leben, wohnen in beschaulichen Vorstädten, wie man sie nicht nur in den USA gut kennt. Die Kids gehen zur Highschool; den spitzohrigen Elfen Ian Lightfoot plagen die normalen Probleme eines Teenagers, der schüchtern ist und sich irgendwie Freunde machen will.

Einen großen Bruder hat Ian, der elfen-gerecht ebenfalls einen irischen Namen hat: Bailey, im Original gesprochen von Hollywood-Star Chris Pratt, ist im Gegensatz zu seinem ordentlichen Bruder ein Chaot, der gerne Fantasy-Rollenspiele spielt, einen abgehalfterten Bus fährt und schräge Ideen hat.

Bailey ist dann auch gar nicht überrascht, als sich beiden Brüdern die magische Möglichkeit eröffnet, ihren Vater für einen einzigen Tag lang noch einmal zu begegnen, nachdem dieser vor Jahren gestorben ist. Weil der Zauber jedoch nicht ganz hinhaut, steht der Vater nur als Unterleib da, von den Schuhen bis zum Gürtel der Hose. Die Brüder müssen mit diesem halben, blind vor sich hinschreitenden Torso losziehen, um den Zauber komplett zu machen und wenigstens ein paar Stunden mit dem ganzen Dad zu haben.

Emotionale Grundierung

Vor dem Tod und anderen existenziellen Verlusten hat Pixar noch nie zurückgeschreckt, vielmehr nutzen sie tragische Ereignisse zur tieferen emotionalen Grundierung ihrer Animationsfilme. Regisseur Dan Scanlon, der seit 2001 bei Pixar arbeitet und mit „Die Monster Uni“ 2013 sein recht lustiges Regiedebüt vorlegte, hat für „Onward“ auf seine eigene Biographie zurückgegriffen: Scanlon selbst war erst ein Jahr alt, als sein Vater starb, und ja, einen zwei Jahre älteren Bruder hat er auch, genau wie Ian im Film.

Dass „Onward“ gleich zu Beginn zeigt, wie der technische Fortschritt den kreativen Vorwärtsdrang magisch begabter Wesen hemmt, möchte Scanlan nicht als Kritik verstanden wissen: Schließlich profitiert Pixar von einer Computertechnik, die immer komplexere Bildwelten ermöglicht. Stattdessen geht es in „Onward“ um die Nutzung aller Möglichkeiten, ob sie nun außen liegen oder als Talent im Innern schlummern. Bei der Coming-of-Age-Heldenreise kommen sich vor allem die beiden Brüder näher.

Gleichfalls emotional berühren, ganz ohne Pixel, will dann auch Johnny Depp mit seinem neuen Film, den er auch noch selbst produziert hat: Mit Backenbart und Baskenmütze verkörpert er in „Minamata“, nach wahrem Vorbild, den Fotoreporter W. Eugene Smith. Für das legendäre „Life“-Magazin hat der risikofreudige Smith während des Zweiten Weltkriegs einige Fotostrecken geschossen, um sich nach dem Krieg alkoholumnebelt in den Vorruhestand zu verabschieden.

Gut gemeint

Von einer japanischen Übersetzerin lässt er sich jedoch noch mal überreden, mit der Kamera einem Skandal nachzugehen: Im Fischerdorf Minamata hat ein Chemiekonzern Abfälle in einen See fließen lassen, ein Teil der Bevölkerung leidet unter Quecksilbervergiftung; viele Kinder wurden behindert, mit der „Minamata Krankheit“, geboren.

Mit seinen Fotos machte W. Eugene Smith auf diesen Skandal aufmerksam, wobei die vom Konzern versprochene Wiedergutmachung an die Opfer bis heute nicht erfolgt sind. Bei aller politischen Brisanz ergeht sich der Film vor allem im Erzählen einer „White Savior“-Geschichte: Johnny Depp alias Smith taucht als weißer Retter aus den USA in Minamata auf und hilft den arg gebeutelten Japanern, nicht ohne dass die schöne Übersetzerin Aileen sich in ihn verliebt. Diese Beziehung ist zwar ebenfalls historisch verbürgt – Aileen Smith saß sichtlich bewegt bei der Pressekonferenz in Berlin und unterstrich, dass ihr verstorbener Gatte ein guter Mann gewesen war.

Aber ein gut gemeinter Film ist eben oft nicht gut. In einer Szene sitzt Johnny Depp auf einem Balkon mit Blick auf den See und hält schön drapiert ein behindertes Kind in den Armen. Was für ein Held. Aber filmische Magie sieht anders aus.   

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