Alle haben Angst vor diesem aufwühlenden Film: „Die Stimme von Hind Rajab“
Vor diesem Film hatten alle Angst: das Festival in Venedig, weil alles, was mit Israel und Gaza zu tun hat ein hyperemotionales und durchpolitisiertes Minenfeld ist. Die Kritiker aus den gleichen Gründen. Und anscheinend auch die Filmverleiher. Denn warum wartete man mit dem Filmstart bis jetzt, anstatt ihn als emotionalen, aktuellen Beitrag zum Gaza-Krieg gleich nach dem Festival ins Kino zu bringen?
Schon am Lido nach der Premiere hatten viele Zuschauer einfach geweint, andere rangen um Fassung. Und wenn man versucht, sich innerlich gegen den Film zu wehren, Distanz zu bekommen, scheitert man an der starken Wirklichkeit dieses Films. Der passt in keine Kategorie, weil er eine dokumentarische Ebene hat und doch klar ein Spielfilm ist: ein klassischer Rettungs-Thriller.

Aber er ist um etwas Reales herumgebaut: einen erschütternd intimen Live-Mitschnitt aus dem Gazakrieg. Denn Regisseurin Kaouther Ben Hania lässt im Film eine Tonspur mitlaufen, aufgenommen in der Rettungszentrale des Roten Halbmonds im Westjordanland, wo Notrufe eingehen.
Schlafen Sie? Nein, sie sind tot
Es ist der 29. Januar 2024. Die sechsjährige Hind Rajab ist am Handy. Sie ist in einer Evakuierungszone im nördlichen Gazastreifen, wo das Mädchen mit Geschwistern, Tante und Onkel in einem Auto sitzt - und um Hilfe ruft: kindlich, panisch, immer wiederholend, dass jemand kommen und sie rausholen soll. Anfangs sagt sie noch, dass die anderen im Auto schliefen, auch wenn es soviel Blut gibt. Dann gibt sie vor sich selber - den Mitarbeitern am Telefon und uns Zuschauern - zu, was alle schon ahnen: Alle um sie herum sind tot. Der vollgepackte Familienwagen ist weiterhin unter Beschuss, was man hören kann. Um 19.30 Uhr bricht die Verbindung ab. Der Rest ist Schweigen.

Der Spielfilm mit der Originaltonspur spielt ausschließlich in der Rettungszentrale. Hier wird alles versucht, einen Rettungswagen in das abgesperrte, beschossene Gebiet zu ihr zu schicken - ein Himmelfahrtskommando und ein bürokratischer Wahnsinn. Die Kommunikationswege führen über das Rote Kreuz, weil die israelische Seite nicht mit dem Roten Halbmond direkt kommunizieren will. Das Rote Kreuz wiederum verhandelt stellvertretend mit dem israelischen Militär, während die Eroberungsoperationen laufen. Es geht um „Grünes Licht“ für den Krankenwagen auf einer militärisch freigegebenen Strecke zwischen den völlig unklaren Bürgerkriegskampflinien.
Wird das tote Mädchen als Propaganda missbraucht?
Währenddessen sprechen Mitarbeiter, und nach deren Zusammenbruch eine Psychologin der Halbmond-Zentrale mit dem Mädchen, ermutigen es, versprechen Hilfe, von der sie nicht wissen, ob sie jemals kommen wird.
Natürlich wirft der Film in seiner berechnenden Suggestivität und emotionalen Überwältigung auch Zweifel auf - zum Beispiel, in wieweit man die Würde des Mädchens verletzt, wenn man ihre Stimme in ihrer Verzweiflung hernimmt, Kinderbilder von ihr, ganz am Ende sogar die wirkliche Mutter zeigt, sodass Fiktion und Dokumentation verschwimmen. Aber es wird hier ja nichts verfälscht, auch wenn der brutale Konflikt nicht politisch und geschichtlich eingeordnet wird.

Die große Wahrhaftigkeit der „Stimme von Hind Rajab“ besteht genau darin, dass die politischen Umstände für jemanden, der hier als ziviler Mensch in Todesangst ist, keine Rolle spielen. Es bleibt die nackte, hier absurde Grausamkeit eines Krieges als eindringliche Mahnung, immer für ein Ende von Gewalt zu sorgen. Und wer Familien zusammenschießt, kann nicht im Recht sein.
Wenn man sich diesem erschütternden Film aussetzt, wird man am Ende verzweifelte Wut spüren - und hoffentlich eine in sich die wachsende Energie, sich unideologisch einzumischen, wenn es um Krieg oder Frieden geht, um Leben oder Tod.
K: Rio, ABC, Leopold (immer OmU)
R: Kaouther Ben Hania (Tunesien, F, 90 Min.)
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