David Lynch wird 75: Das Böse ist immer und überall

Der Meister des irrationalen Thrills und unserer Alpträume: David Lynch feiert am Mittwoch seinen 75. Geburtstag.
| Margret Köhler
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Be warned - the nightmare has not gone away" pappte auf dem Plakat des Horrormärchens "Eraserhead". David Lynchs erster Langspielfilm über einen Vater, der mit einem missgebildeten Baby allein in einem Appartement vegetiert, brachte seine Karriere ins Rollen, auch wenn er vom American Film Institut flog, weil er statt 40 Minuten die doppelte Länge präsentierte und die Produktionszeit überzog.

So tüftelte er in einer Garage weiter. Mit langen Drehpausen war es dann nach fünf Jahren 1977 so weit. Und dann ging es so richtig los.

David Lynch kennt die US-Provinz als Hölle hinter den sauberen Fassaden

David Lynch, einer der fantasievollsten Regisseure mit erschreckenden Visionen und Trips in surreale Welten polarisiert, fasziniert und irritiert. Am Mittwoch (20. Januar) feiert der 1946 im idyllischen Missoula in Montana geborene Filmkünstler seinen 75. Geburtstag.

Lynch kennt die US-Provinz als Hölle hinter den sauberen Fassaden und entlarvt sie genüsslich. Unvergesslich die Eingangssequenz zu "Blue Velvet": rote Rosen vor weißem Zäunchen, sauber geschnittene Hecken, dann der Kameraschwenk auf unter dem feinen Rasen schmatzendes Ungeziefer, Vorboten von Unordnung und Schmutz, Korruption und Gewalt - und ein abgeschnittenes Ohr. Die Kleinstadt als Hort des Bösen zählt zu den Konstanten seines Werks.

David Lynch: Mit Kurzfilm "Alphabet" zum Stipendium

Schon als 14-Jähriger zeigte der Junge Interesse an der Malerei, als Student an der Pennsylvania Academy of Fine Arts fehlten ihm dann aber "Bewegung und Ton". Zwischen 1967 und 1968 drehte er den Kurzfilm "Alphabet" und reichte ihn beim American Film Institute ein, erhielt prompt ein Stipendium. Damit finanzierte er seinen zweiten Film "The Grandmother". Beide Filme entdeckte auch die Münchner "Indie-Mutter" Ulla Rapp und brachte sie zum Filmfest München, wo Lynch dann auch Gast war.

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Nach "Eraserhead" bot Mel Brooks dem jungen Filmemacher die Regie von "Der Elefantenmensch" an. Die Geschichte von einem entstellten Mann als Jahrmarktsattraktion traf ins Mark und erhielt acht Oscar-Nominierungen, darunter für die "Beste Regie". Das natürlich eröffnete neue, große Chancen für Lynch.

Remake von "Dune - der Wüstenplanet" kommt

Allerdings nicht sofort zum Besten. Die Verfilmung des Science-Fiction-Romans "Dune - der Wüstenplanet" mit Kyle MacLachlan, Jürgen Prochnow, Sting sowie Patrick Stewart entpuppte sich 1984 als Flop und Lynch erinnert sich nur ungern daran: "Ich bin mehr oder weniger stolz auf alles, bis auf 'Dune'", da habe es ihm an der kreativen Kontrolle gefehlt. In diesem Jahr wird es ein Remake ausgerechnet von "Dune" geben von Denis Villeneuve.

Doch das Universalgenie Lynch, das sich nach Eigeneinschätzung "nie mit einem Nein abspeisen lässt", machte nach dem Flop gleich weiter. Kultfilmstatus erreichte eben der Provinzthriller "Blue Velvet" von 1986 mit Isabella Rossellini als geheimnisvolle und missbrauchte Nachtclubsängern. Wegen expliziter Gewalt- und Sexszenen avancierte das Meisterwerk schnell zum Skandalfilm, wie auch das eklektische Roadmovie "Wild At Heart - Die Geschichte von Sailor und Lula" (1990): rasend romantisch, brutal, kitschig.

David Lynch schreibt mit "Twin Peaks" TV-Geschichte

Nicolas Cage in legendärer Schlangenlederjacke und Laura Dern in dünnen, figurbetonten Fähnchen als Liebespaar stehen für das wahnwitzige und unkontrollierte Gefühl, das Liebe heißt. "Wenn du ein wildes Herz hast, wird du für deine Träume kämpfen": Der finale Satz, könnte auch über Lynchs kreativem Schaffen überhaupt stehen.

Fernsehgeschichte schrieb er mit der Genre prägenden und legendären Krimi-Serie "Twin Peaks", wo Kyle MacLachlan als FBI-Ermittler über zwei Staffeln hinweg in pittoresker Landschaft mit Wäldern und Wasserfällen den Mord an einer jungen Frau aufklären muss. Auch in Deutschland in den 1990er Jahren ein "Straßenfeger".

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Lynchs Filme erzählen oft keine linearen Geschichten, sind verschachtelt und voller Symbolik, stellen sich in ihrer Choreographie der Düsternis gegen den standardisierten Mainstream, Traum und Wirklichkeit überschneiden sich. Zur Perfektion brachte er es mit diesen Mitteln in dem kafkaesken Kino-Puzzle "Lost Highway" (1997) und dem rätselhaften Psychothriller "Mulholland Drive" (2000).

Seit Mitte der 1970er Jahre praktiziert Lynch die transzendentale Meditation

Hier trieb Lynch ein witziges psychologisches Spiel mit seinen Zuschauern, die versuchten die Geschichte einer doppelten Identität und Traum- und Wirklichkeitsvermischung zu entwirren: Lynch veröffentlichte nach dem Beginn großen Rätselratens "10 Punkte, auf die man achten sollte", um die Geschichte zu verstehen. Übersensibilisiert versuchten viele es ein zweites Mal im Kino: Die Sache wurde nicht wesentlich klarer!

In diesem Film, der sich direkt mit der Frage und dem Traum des Starseins auseinandersetzt, ist besonders Lynchs ambivalente Haltung zu "Tinseltown" - Flitterstadt, dem Spitznamen für Hollywood, zu spüren: "Mit dem Hollywoodsystem bin ich auf Distanz, aber ich liebe das Licht in Los Angeles, dieses flirrende Gefühl von Freiheit und 'alles ist möglich' in der Luft". Deshalb wohne er auch nicht in New York wie Woody Allen.

Seit Mitte der 1970er Jahre praktiziert Lynch die transzendentale Meditation, durch die habe er seine Wut und seine Angst verloren. Eine inhaltliche Beziehung zwischen seinen Filmen und der Meditationstechnik sieht er nicht.

David Lynch macht sich auch als Maler einen Namen

Nicht nur seine Werke oder sein Haarschopf sind unkonventionell, sondern auch seine Werbung für eine Oscar-Nominierung: Warum setzte er sich mit einer Kuh an den Straßenrand? "Für eine normale Oscar-Kampagne fehlte uns das Geld. Also habe ich mich mit einem riesigen Laura Dern-Plakat, einer Kuh und einem Piano-Player in Los Angeles an einer Ecke des Hollywood-Boulevards postiert, um Aufmerksamkeit zu erringen. Das ist doch Showbusiness in Reinkultur". Die Academy-Mitglieder ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken, für eine Nominierung von Laura Dern reichte es nicht.

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Ob er in seinen Filmen Grenzen auslotet oder Verbrechen nachspürt, für Lynch reflektiert jegliche Kunst, also auch der Film, den jeweiligen Zustand der Welt. "Und wir kämpfen mit der Angst und den Schattenreichen, mit unseren positiven und negativen Gefühlen oder geben uns der Hoffnung hin. Kunst muss die Absurdität des Lebens vermitteln, seine Vielfältigkeit, die Facetten des Schönen wie des Hässlichen."

Was oft vergessen wird: Lynch machte sich auch als Maler einen Namen, gefeiert wurde er in Ausstellungen der Pariser Fondation Cartier für zeitgenössische Kunst 2007, in einer großen Schau in Maastricht 2018 oder 2012 in der Münchner Galerie Karl Pfefferle.

Schwarz-weiß-Kurzfilm "What Did Jack Do?" amüsiert bei Netflix

Eigentlich wollte er sich schon vor Jahren zurückziehen, "Inland Empire" von 2006 sei sein letztes Werk verkündete er, um seine Aussage dann wieder zu relativieren. Man wisse schließlich nie, was die Zukunft bringe. So bescherte er seinen Fans vor gut drei Jahren eine wunderbare Fortsetzung von "Twin Peaks", in der er die unheilvolle Story um die Kleinstadt weiterspinnt. Diese dritte Staffel "Twin Peaks: The Return" ist bei uns auf Sky.

Trotz Auszeichnungen wie Oscar-Nominierungen für "Blue Velvet" und "Mulholland Drive", in Cannes "Goldene Palme" für "Wild At Heart" und Regiepreis für "Mulholland Drive" und den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk 2019: Lynch kann's nicht lassen.

Im vergangenen Jahr amüsierte er bei Netflix mit dem völlig skurrilen Schwarz-weiß-Kurzfilm "What Did Jack Do?". Als Kommissar verhört er einen des Mordes an einer Henne verdächtigen Affen. Der sagt ihm am Ende "Ach, steig' doch auf nen Baum". Da weiß man nicht, wollte der Meister in diesem 17-minütigen Irrsinn nur unsere Geduld für Nonsens testen oder lacht er sich ins Fäustchen über vergebliche Versuche intellektueller Deuter?

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David Lynch: Neue Netflix-Serie geplant

Offiziell bestätigt sind Pläne einer neuen Serie für Netflix mit dem vorläufigen Titel "Wisteria", die heuer in den Calvert Studios in Los Angeles gedreht werden soll. Über den Inhalt herrscht eisernes Schweigen.

Laut der Zeitschrift "Rolling Stone" suche man eine Schauspielerin, die auch vor "geschmackvoller Nacktheit" nicht zurückschrecke. Vielleicht erwartet uns ein Bravourstück wie "Twin Peaks". Für eine Überraschung ist David Lynch immer gut. Auch mit 75!


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