Christopher Nolans "Odyssee": Mist oder Meisterwerk?

Als meist erwarteter Film des Jahres startete Christopher Nolans "Odyssee" gestern weltweit in den Kinos: Und vorsichtig gesprochen lässt der dreistündige Film die Kritiker nicht kalt. Die Ansichten über den Film gehen extrem weit auseinander.
Der "Spiegel" fasst in seiner Überschrift die verschiedenen Ausschläge der Kritik schön zusammen: "Man liebt oder hasst diesen Film, lauwarmes Geht-so-Gelaber ausgeschlossen". Ein Überblick über die Kritiken aus der internationalen Presse:
Männer tun Männersachen
Dass es in Nolans Monumentalfilm vor allem darum geht, dass viele Männer "echt männliches Zeug" tun, wie "Time Magazin" befindet, darin ist man sich durchweg einig. Ob das toll ist oder nicht, darüber naturgemäß überhaupt nicht. Das US-Magazin hält den Film für einen weiteren Grund zur Hoffnungslosigkeit, anstatt die erwartete Rettung des Kinofilms zu sein. Es sei ein "filmischer Reinfall, bei dem einem der Blick trüb wird" und der den Zuschauer ziemlich kaltlässt. Die Schlachtszenen sind zu "unblutig", kein erzählerischer Fokus, aber wenigstens sieht Anne Hathaway als Penelope gut aus.
Interessant sei einzig die Schweineverwandlung. Samantha Morton als Circe bekommt dafür ein Sonderlob, während der männliche Teil des Ensembles schlecht wegkommt. Während man im Kino die Zeit mit Allgemeinplätzen verschwendet, "beginnt man sich zu fragen, ob es nicht besser gewesen wäre daheim zu bleiben und das Buch zu lesen". Auch die filmische Umsetzung - groß angekündigt als der erste komplette IMAX-Film - wird als verwaschen und enttäuschend beschrieben.

Warum nicht gleich auf Griechisch?
Die Redaktion von "rogerebert.com" sieht das völlig anders und vergibt 4 Sterne. Hier wird von "äußerst beeindruckenden" Bildern geschwärmt und die sensorische, fast haptische Qualität des Gezeigten gelobt. Der Film sei ein "majestätischer neuer Spielfilm", der "sich kürzer als seine 172 Minuten Laufzeit anfühlt" und "eine Art OEU (Odysseus Expanded Universe) öffnet". Auch auf die Sprache geht das Portal ein: Kritik an der englischen Umgangssprache sei völlig fehlgeleitet, "man könnte sich dann ebenso gut darüber beschweren, dass die Schauspieler nicht Griechisch sprechen".
Lobeshymnen in der britischen Presse
Ganz aus dem Häuschen sind die großen britischen Zeitungen "The Guardian" und "The Independent" und vergeben beide 5 Sterne. Erstere sieht ein Werk, das der Vorlage komplett gerecht wird und mit "einem epischen Cast" den "wahren Zoll des Krieges" durch "Filmkunst von atemberaubendem Anspruch" auf die Leinwand bringt. Nolans Odyssee sei "voller spannender Ambitionen, Kühnheit, Ernsthaftigkeit, Großzügigkeit und Flair".
Zweitere sieht Sir Christophers besten, seine Karriere von nun an definierenden Film. "In Bezug auf die schauspielerische Leistung gibt es keine Schwachstelle." Außerdem hätte "Nolan etwas geschafft, was ich zugegebenermaßen für nahezu unmöglich gehalten habe. Der Film trägt ganz eindeutig seine Handschrift und dennoch bleibt er stets seinem Ausgangstext treu."
Die von den englischen Kollegen erspähte Intimität kann man auf dem Festland nicht erkennen. Der Wiener "Standard" erklärt sich das folgendermaßen: "Nach der grandios gescheiterten Sexszene in ,Oppenheimer’ zwischen Florence Pugh und Cillian Murphy, die in Indien für Proteststürme sorgte, traut sich der Regisseur wohl nicht mehr in die Untiefen der Erotik." In Österreich sieht man eine "sehr zeitgemäße Adaption", "wahrscheinlich sogar das Kinoereignis des Jahres".

Jede Zeit bekommt die Odyssee, die sie verdient
Ein Ereignis findet auch der "Economist" vor, und zwar einen "epischen Fehler". Nolans Version sei "eine äußerst alberne Verfilmung" und "bezeichnend für seine Zeit." Das Wirtschaftsblatt sieht "erstaunliche Freiheiten [...], um Odysseus, den archetypisch fehlerhaften Helden [...] in einen einfachen, modernen 'Guten’ zu verwandeln. Jedes Fehlverhalten wird entweder mit Drogenkonsum [oder Posttraumatischer Belastungsstörung] erklärt."
Auch für die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" ist es "letztlich [ein Film] über PTBS". Hier werden aber große Verständnisschwierigkeiten angemeldet: "Wenn sich ein Film ausschließlich dann vollständig erschließt, wenn man die Vorlage gelesen hat, hat der Regisseur auch nicht alles richtig gemacht." Der "New Yorker" sieht es genau andersherum: "Wahrscheinlich sind es gerade die Zuschauer, die Homer nicht gelesen haben, die den Film am meisten genießen werden.“ Das liege nicht daran, dass ein Großteil des Gedichts zwangsläufig in der Verfilmung ausgelassen werde, sondern an einer fast durchgängigen Abwesenheit der Götter. Abgesehen von Athene (Zendaya) fehlt das griechische Pantheon weitgehend, obwohl es eigentlich jeden Moment des Epos bestimmt. Was wohl Regisseur Nolan dazu sagen würde? Diesen sieht der "Rolling Stone" nämlich auf dem Holzweg, der Suche nach dem Kleinen im Großen: "Jetzt bleibt ihm eigentlich nur noch die Bibel."