Chinas Filmmarkt boomt: Hollywood wird kastriert

Nicht nur durch direkte Zensur beeinflusst China das Kino. Auch die schiere Größe des chinesischen Filmmarktes bestimmt mittlerweile, was und wie (nicht nur) in den USA gedreht wird.
| Margret Köhler
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Mit Filmen wie "Mulan" ( Yifei Liu) hat Disney versucht, durch chinesischen Motive und Schauspieler die Zuschauer in China zu gewinnen. Doch der Film funktionierte in China nicht gut, weil der Westen kein Gefühl für chinesische Zuschauer und ihr Verhältnis zu ihrer Geschichte hat.
Mit Filmen wie "Mulan" ( Yifei Liu) hat Disney versucht, durch chinesischen Motive und Schauspieler die Zuschauer in China zu gewinnen. Doch der Film funktionierte in China nicht gut, weil der Westen kein Gefühl für chinesische Zuschauer und ihr Verhältnis zu ihrer Geschichte hat. © Disney/dpa

Es ist ein sehr anrührender Moment, wenn Queen-Legende Freddy Mercury im preisgekrönten Biopic "Bohemian Rhapsody" seiner Band mitteilt, dass er Aids hat. In China sieht man diese Szene nicht! Auch andere Szenen mit Andeutungen auf seine Homosexualität fehlen in dieser speziellen Version.

Homosexualität als Tabu: Chinesische Zensur

Nicht der chinesische Zuschauer entscheidet, was er sehen will, sondern die Zensur, was er zu sehen bekommt. Sogar die Oscar-Dankesrede von Mercury-Darsteller Rami Malek wurde zensiert. Clevere Kinofreaks in China finden die unerlaubten Szenen allerdings auf Youtube. Aber die Elton-John-Lebensgeschichte "Rocketman" wurde in China gleich ganz verboten.

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Obskur gestaltete sich in China der Umgang mit Quentin Tarantinos "Once Upon A Time… in Hollywood". Eine Woche vor dem China-Kinostart wurde der Termin gestrichen. Der wahrscheinliche Grund: die Darstellung der Kung-Fu-Legende Bruce Lee, der in einer heftigen Prügelei den Kürzeren zieht. Tarantino weigerte sich, die Szene zu entfernen, zeigte Rückgrat und pfiff auf China trotz Besucherpotenzial.

China legt amerikanischem Hollywood die Daumenschrauben an

Allein diese drei Beispiele von vielen zeigen, was man im Reich der Mitte von künstlerischer Freiheit hält. Die Volksrepublik China strotzt nur so vor Macht: Auf dem Mond landen, die Demokratiebewegung in Hongkong brutal zerschlagen, im Asean Pakt, dem weltweit größten Freihandelsabkommen, eine dominierende Rolle übernehmen - und da die Welt vor dem Wirtschaftsgiganten kuscht, zum Test gerne schon mal Drohungen gegen das souveräne Taiwan als "abtrünnige Provinz" ausstoßen.

Bei alledem ist es die kleinste Übung, Hollywood Daumenschrauben anzulegen. Dabei hatte die US-Filmindustrie auf einen lohnenden Markt gehofft und über die Jahre Konzessionen gemacht, auf viele Dollars spekuliert. Aber so richtig funktionierte das leider doch nicht mit dem Reibach. Laut Robert Daly, Direktor des Kissinger Institute on China and the US, bestimmt China bereits darüber entscheidend mit, welche Filme in Hollywood überhaupt gedreht werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Land fehle: "In 'The Martian' rettet China die Welt, in ,Independence Day' spielen die Chinesen eine entscheidende Rolle und der James-Bond-Film 'Skyfall' wurde für den chinesischen Markt komplett umgeschnitten".

Auch in der Filmindustrie gilt: Wer zahlt schafft an

Schließlich steckte chinesisches Geld in der Produktion, wie auch in "Mission Impossible". Da musste schnell ein neuer Aufnäher für die Lederjacke von Tom Cruise her, auf der unbotmäßig die Flagge von Taiwan prangte. Für "Iron Man 3" wurden gar extra Szenen für den chinesischen Markt produziert.

In ihrem aktuellen Bericht "Made in Hollywood, Censored by Beijing" kreidet die Autorenvereinigung PEN America die unselige Kumpanei an, die so weit geht, dass nicht nur Inhalte und Besetzung den Wünschen Chinas angepasst, sondern sogar Zensoren direkt zum Set amerikanischer Produktionen eingeladen werden. PEN America warnt davor, still schweigend und ohne Diskussion die Regeln zu akzeptieren und in vorauseilendem Gehorsam Selbstzensur zu üben.

Schon 1997 gab es für einen Scorsese-Film Strafen

Filme wie Martin Scorseses "Kundun" von 1997 über das Leben des Dalai Lama oder Jean-Jacques Annaud "Sieben Jahre in Tibet" wären heute wohl nicht mehr möglich, würde man es sich doch endgültig mit den potenten Machthabern verscherzen. Die Produktionsfirmen durften zur Strafe damals fünf Jahre keine Geschäfte mehr in China betreiben.

Im Jahre 2016 wurde im von den Marvel Studios produzierten "Doctor Strange" flugs eine tibetische Figur durch ein keltische ersetzt, dargestellt von Tilda Swinton. Weniger Komplikationen rufen Fantasy-Filme hervor. So gab es bei den bisherigen sechs vom Münchner Unternehmen Constantin produzierten "Resident Evil" Filmen nie Probleme, der letzte "Resident Evil - The Final Chapter" mit Milla Jovovich brachte es in China auf fast 50 Prozent der weltweiten Einnahmen von 330 Mio US-Dollar. Die Aktrice spielt auch die Hauptrolle in "Monster Hunter", der wegen Kinoschließungen nicht in Deutschland, dafür in China auf 25.000 Leinwänden laufen sollte.

Rekordzahlen: An Kinostart in China kommt man nicht vorbei

Für die mit finanziellen Partnern aus Japan und China entstandene Produktion der Constantin-Film ist der Start in China "eine Rettung", wie der Vorstandsvorsitzende Martin Moskowicz sagte: "An China kann man nicht vorbeigehen, derzeit werden wöchentlich Rekordergebnisse gemeldet. Ich hoffe, dass ich das Ergebnis sehen lassen kann und uns in der jetzigen Situation hilft".

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Eine Einflussnahme habe es seitens der Finanziers nicht gegeben: "Da sind wir gut durchgesegelt". Aber jetzt kommt's dicke: Der Film wurde jetzt wegen Rassismusvorwürfen in China abgesetzt. Ernüchterung machte sich nach dem Flop "The Great Wall" von Zhang Yimou breit. Das Action-Movie über die chinesische Geschichte brachte es in USA auf ein mickriges Einspiel von 45 Millionen Dollar, in China selbst auf umgerechnet 171 Millionen. Matt Damon ließ sich als Zuschauermagnet für dieses propagandistische Werk einspannen und verzichtete dafür auf die Hauptrolle im Oscar-gekrönten "Manchester by the Sea".

Filme dürfen nicht "Chinas nationale Würde, Ehre und Interessen verletzen"

Die Euphorie über eine lukrative Zusammenarbeit dämpft zusätzlich ein Gesetz, nach dem Projekte "dem Volk und dem Sozialismus" zu dienen haben und ausländische Filme auf dem Index landen, wenn sie "Chinas nationale Würde, Ehre und Interessen verletzen". Eine dehnbare nebulöse Regel. Die Filmzensur untersteht inzwischen direkt der Propaganda-Abteilung der Kommunistischen Partei.

Vielleicht braucht die chinesische Filmindustrie auch kein westliches Know How mehr und kann Hollywood fallenlassen. Das in Mandarin inszenierte Historienepos über den chinesisch-japanischen Krieg "The Eight Hundred" spielte heuer bis September trotz Corona umgerechnet 443 Millionen Dollar in China ein. Den Rekord beansprucht aber noch "Avengers: Endgame", der im vergangenen Jahr weltweit 2,7 Milliarden Dollar in die Kasse spülte, davon allein in China mehr als 610 Millionen Dollar.

Der chinesische Filmmarkt holt gegenüber dem amerikanischen auf, die inländische Produktion boomt, im Nordosten des Landes, in Quingdao, wurde das größte und wohl auch modernste Studiogelände der Welt mit 40 Filmstudios aus dem Boden gestampft. Ausländische Produktionen sind per Verordnung auf maximal 38 jährlich begrenzt. Und mit der Verteilung der Profite sieht es auch nicht rosig aus: 25 Prozent gehen an die ausländischen Produktionsfirmen, 75 Prozent bleiben in China.

Zuschauer skeptisch bei westlichem Versuch chinesische Kultur abzubilden

Wie die Wirtschaft hat sich auch die Kinobranche nach der Pandemie in China erholt. Ende des Jahres dürfte China die USA beim Umsatz an der Kinokasse überholt haben. Bis Mitte Oktober hatten chinesische Kinos zwei Milliarden Dollar eingespielt, trotz der Schließung der Filmtheater von fast sechs Monaten. Nordamerika lag bei 1,94 Milliarden Dollar. Die Menschen haben einen Nachholbedarf, stürmen die Kinos, auch zum Wohle heimischer patriotischer Produktionen wie "Vanguard" mit Jackie Chan.

Stanley Rosen, US-Filmexperte für China, resümiert: "In Filmen wie 'Mulan', 'The Farewell' und 'Crazy Rich Asians' haben die Amerikaner versucht, durch ihre chinesischen Motive und Schauspieler Zuschauer in China zu gewinnen. Doch alle drei Filme schnitten schlechter ab als erhofft. Chinesische Zuschauer zeigen sich sehr skeptisch bei westlichen Versuchen, eine chinesische Geschichte zu erzählen."

Zum ersten Mal: China ist jetzt der größte Filmmarkt der Welt

Kamen 2011 die fünf erfolgreichsten Filme in China aus den USA, waren es in den letzten zwei Jahren nur einer von fünf. Hohe Qualität bei der Produktion lassen den Vorsprung Hollywoods schrumpfen, der magere Erfolg chinesischer Filme im Ausland ändert daran nichts.

Hollywood kämpft gegen die Folgen der Corona-Krise, leidet unter Verschiebungen von Blockbustern wie "Black Widow", "Keine Zeit zu sterben" oder "Dune" und verliert den ersten Platz auf dem weltweiten Kinomarkt an die fernöstliche Konkurrenz. Und wenn Hollywood in China Geschäfte machen will, muss es sich den Vorgaben eines Landes unterwerfen, das wenig von Menschenrechten und Demokratie hält.

China ist bereits mit 12.400 Kinos und 69.800 Leinwänden der größte Kinomarkt. Bald auch die größte (vom Staat ideologisch geleitete) Filmindustrie?

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