Charmante Besessenheit: "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet – und einem deutschen Sportstar
Es ist ein wilder, dynamischer Film, der uns Zuschauer zweieinhalb Stunden den Mund offen stehen lässt. Denn dieser Marty Mauser – ein talentierter, aber unterforderte Schuhverkäufer im Laden seines Onkels – ist ständig in Bewegung: in eleganter Bewegung, oft blitzschnell, aber nie atemlos, sondern spielerisch in seiner Jugendlichkeit. Und das nicht nur an der Tischtennisplatte.

Marty (Timothée Chalamet) unterliegt einer Art ununterbrochener Lebens- und Charakterprüfung, ist ein Jäger und Gejagter in New York, einer Stadt, die hier nie romantisch Geborgenheit schenkt, sondern wie ein Gegner wirkt.
Abenteuerlicher Underdog-Robin Hood
Marty fühlt sich "supreme", will ganz nach oben, raus aus seinem jüdischen Brooklyner Kleinbürgermilieu auf das Weltmeister-Siegertreppchen – ausgerechnet in einer Außenseitersportart, was Marty aber egal ist. Es geht ihm einfach darum, der Beste zu sein, nicht so sehr um Ruhm oder Geld.
Seine Exzellenz, Exzentrik, Intelligenz, sein Aufstiegswille gegen alle Chancen: All das erzeugt eine Sexyness. Dabei sieht Marty auch noch gut aus und hat bei Frauen durch seine unkonventionelle, rücksichtslose, hasardeurhafte Frechheiten einen Stein im Brett – als abenteuerlicher Underdog-Robin Hood.
Der Amerikanische Traum: eine Lüge
Josh Safdies "Marty Supreme" könnte also ein klassischer "American Dream"-Film sein, der sehr frei von der Figur des Tischtennisspielers Marty Reisman (1930-2012) inspiriert ist. Aber diesen angeblich klassenlosen Traum – und das ist eine permanente, aber subtile Gesellschaftskritik – kann Marty Mauser eben nicht nur durch Talent und Leistung gewinnen.
Im Gegenteil: Marty rennt in füchsischer Gewitztheit durch haarsträubende, brutale, erotische, immer chaotische Episoden aus Falschspiel, Wettkampf, Sex, Selfmarketing, Manipulation, Charme, Trickbetrug, Erpressung – und Raub, so wenn er seinen eigenen Cousin mit einer Knarre zum Öffnen des Geschäftstresors des Onkels zwingt.

Marty hat gegen jede Chance an sich selbst und das Ziel geglaubt, dafür alles riskiert, sich auch demütigen lassen, immer getrickst, Leute benutzt, ausgenutzt, und so einen moralischen und persönlichen Scherbenhaufen hinterlassen sowie diverse Blechschäden.
Lieben wir ihn also als Helden oder sind wir geschockt von seiner narzisstischen Rücksichtslosigkeit? Schillernder – und aufregenderweise: beides! Timothée Chalamet spielt dafür Oscar-reif alles aus. Und Regisseur Josh Safdie lässt seine Besessenheit und Lässigkeit, Genauigkeit und Freiheit in jeder Sekunde spüren.
Hart geprobt und doch spielerisch
Alles wurde hart und akribisch geprobt – gerade auch die rasenden, akrobatischen Tischtennisszenen. Sodass der deutsche Tischtennisstar Timo Boll, den Safdie unbedingt als Nebenrolle einbauen wollte, Timothée Chalamet großen spielerischen Respekt zollte. Aber bei aller Perfektion ist der Film niemals glatt. Es gibt auch bizarre Einsprengsel, als ob Safdie eine Idee oder ein Bild wichtiger als die Dramaturgie wäre. Aber der Episodendschungel verheddert sich nie.

Der kapitalistische Machtmensch als Gegenspieler
Immer neue Bälle werden aufgenommen und jongliert – wie eine schwarze Komödie um den entführten Hund eines Gangsters (Abel Ferrara) oder eine berechnende Liebesaffäre Martys mit Gwyneth Paltrow als Hollywoodstar Kay Stone.
Die hat sich, als ihre Karriere schwächelte, von einem Milliardär als Trophy-Wife heiraten lassen und, in einen Goldenen Käfig begeben. Ihr Ehemann und gnadenlos kapitalistischer Machtmensch (gespielt vom Trump-Fan und Großinvestor Kevin O’Leary) könnte aber ein möglicher Sponsor für Martys Tischtenniskarriere sein – inklusive Reise zur Weltmeisterschaft in Japan.

Die Politik: dezent, aber klug im Hintergrund
Intelligent hat Safdie den geschichtlichen Hintergrund hinterlegt. Denn erst sieben Jahre ist der Pazifikkrieg her und der doppelte Atombombenabwurf der USA. So wird das sich anbahnende Match Marty Mauser (USA) gegen Koto Endo (Japan, gespielt vom US-Meister Koto Kawaguchi) zum Politikum, ohne dass der Film je an Subtilität und Eleganz verliert.

Josh Safdie scheut sich auch nicht, Bizarres einzustreuen wie eine Holocaustrückblende mit fast surrealen Christus-artigen Bildern, die man in ihrer Bildgewalt nicht mehr vergisst.
Am abrupten Ende sieht man zum ersten Mal Tränen – der Rührung, der Ergriffenheit, der Erschöpfung oder des Bewusstseins kompletten Scheiterns? Vielleicht alles zusammen, wie auch "Marty Supreme" zweieinhalb Stunden wildeste, geniale Kinounterhaltung ist.
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Kinos: Royal sowie Leopold (auch OmU), City (OmU), Mathäser (auch OV) sowie Astor im Arri, Cinema, Museum Lichspiele (alle drei OV); R: Josh Safdie (USA, 150 Min.)
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